Seite vorlesen

von Brigitta Hochuli, 15.02.2013

Knarrende Schuhe, auf leisen Sohlen bespielt

Knarrende Schuhe, auf leisen Sohlen bespielt
Daniel Schneider, Markus Keller und Martin Schumacher (v.l.) spielen Friedrich Glausers „Knarrende Schuhe“. | © Daniel Herzl

Brigitta Hochuli

Kommissär Studer hat sich beim Zügeln die Grippe geholt. Nun hat er Zeit, sich auf die Geräusche einzulassen, die in die neue Wohnung dringen. Er hört die Schläge eines Hammers, Klavierübungen, Stimmen, regelmässig die knarrenden Schuhe im Treppenhaus und einen Schrei. Tot liegt das Mädchen Agathe am Boden. Es war der Tabakhändler.

Ohne den Schluss

Friedrich Glauser habe bei der Erzählung gepfuscht, sagt Komponist Daniel R. Scheider. Er habe auf die Schnelle Geld gebraucht, die Handlung gehe nicht auf. Deshalb habe man den Schluss weggelassen. Das Glauser Quintett, das nach „Elsi - Oder sie geht um“ zurzeit als Trio unterwegs ist, konzentriert sich auf das Atmosphärische. Auch in „Knarrende Schuhe“ steht ein Haus im Mittelpunkt. Es liegt an einer „merkwürdigen Strasse“. Kommissär Studer - in der Lesung durch Markus Keller von omnipräsentem Kopfweh geplagt - hört vom nahen Bahnhof „bei Nacht und bei Tage den Lärm der einfahrenden, der ausfahrende Züge“. In seinen Träumen sieht er die Orte, „von denen die Züge kamen und zu denen sie liefen“. Er träumt von südlichen Meeren, von Bergen und Ebenen, nordischen Inseln, englischen Kohlengruben und von Neapel und dem Suezkanal.

Klangteppich des Wahns

Studer sei im Wahn, interpretiert Martin Schumacher, der die Klarinetten und Maultrommeln spielt. Als Klangteppich legt der Komponist diesen Wahn denn auch über die Geschichte. Wer sie beim Lesen in Tönen denkt, ist von der musikalischen Umsetzung überrascht. In der Erzählung wimmelt es von Geräuschen. Es klappert und rasselt, es knarrt und quietscht, es erklingen Sonatinen, Walzer und eine Art Wiegenlied, eine Stimme klingt laut und schrill wie plötzlich ein Schrei - und das Meitschi ist tot. Darauf habe er keine Rücksicht genommen, sagt Daniel R. Schneider. „Ich habe die Musik nicht nach der Geschichte geschrieben, die Geschichte ist nur ein Transportmittel.“ Bei Glauser müsse man zwischen den Zeilen lesen. Schneiders Musik ist eine Musik der Orte und Stimmungen - Musik fürs Treppenhaus, Seelen-, November- und Landschaftsstücke. Wir hören Volksmelodien, Klassisches, Folk, Jazz und Schlager heraus. Aber nichts Plakatives, nichts Paukendes, Dramatisierendes. Das Glauserquintett hat dem Glauser auf leisen Sohlen einen Dienst erwiesen!

***

Glauser Quintett
Knarrende Schuhe

Autor: Friedrich Glauser
Textbearbeitung: Markus Keller, Benno Muheim
Komposition, Klavier, Gitarre: Daniel R. Schneider
Sprache, Kontrabass: Markus Keller
Klarinetten, Maultrommel: Martin Schumacher
Endregie: Benno Muheim
Produktionsleitung/Marketing: Stephan K. Haller
Produktion: Glauser Quintett
Illustration Plakat/Flyer: Hannes Binder

www.glauser-quintett.ch

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Musik
  • Bühne

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kritik

Werbung

Ausschreibung «Freies Atelierstipendium»

Bewerbungsdauer: 1. Juli bis Mitte August 2026 über die digitale Gesuchsplattform der Kulturstiftung Thurgau.

Ähnliche Beiträge

Bühne

Triumphmarsch gegen den Krieg

Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. mehr

Bühne

Krawall und Remmidemmi

Das Theater Konstanz macht in seinem Sommertheater auf dem Münsterplatz aus Büchners „Leonce und Lena“ eine knallige Space Opera und Aperol Spritz-Party. Weniger Brimborium, mehr Büchner hätte der Sache gut getan. mehr

Musik

Sehnsucht nach Freiheit

Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza hat Anfang Juni ihre neue EP veröffentlicht. «You`ll Find Me There» vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten. mehr