von János Stefan Buchwardt, 05.06.2013
Jubiläumsbühne Kultur

Einhelligkeit aus Steckborn? Nicht nur dass die 700-Jahr-Feier konkrete Kulturakzente setzt, die Unterseegemeinden hegen ernsthafte Schulterschluss-Absichten. Kultureller Gemeinsinn steht zur Debatte und gibt Anlass, exemplarisch ein gegenwartsnahes Bild jenseits beschönigender Reputationsbotschaften zu zeichnen.
Das bisher sehr breite Kulturangebot der Stadt Steckborn müsse sich in Zukunft nicht wahnsinnig ändern, so der amtierende Stadtammann. Die Rahmenbedingungen für innovative Kunst und für Kultur seien sicher sehr gut. Roger Forrer konstatiert: «Was geändert werden könnte, wäre das Angebot in der ganzen Region. Ein Gremium der Gemeinden am Untersee und Rhein arbeitet zurzeit daran, dass bald eine regionale Kulturförderung geboren werden kann.» Gebündelte Unterstützung also, ein grossräumiges zukünftiges Bildungs- und Unterhaltungssortiment? Der schaffensfreudige Volkshochschul-Präsident und Alt-Stadtammann Konrad Füllemann gibt zu bedenken, dass Stadt und Region nur ein gewisses Quantum an Kultur vertragen, die allgemeinen Interessen daneben dürfe man nicht negieren. Kulturelle Anlässe sollten gestützt werden. Das richtige Mass zu finden sei allerdings eine Kunst.
Robuster Kulturoptimismus
Wenn sich im Folgenden produktive Lenker und Leader samt Exponenten der Künstlerschaft vor Ort zu Wort melden und Stellung beziehen, lässt sich vorgreifend resümieren: Trotz eines robusten Kulturoptimismus’, der als solcher schon bemerkenswert für einen überschaubaren Grenzort ist, ein durchgehend profunder Schöpfergeist lässt sich in Steckborn und Umgebung bis anhin nur schwer ausmachen. Der Kampf um die Publikumsgunst muss auch hier immer wieder neu ausgefochten werden. Man wird im Wettbewerb mit benachbarten Kulturanstrengungen stehen. Wahrer Gemeinschaftsgeist aber ist immer begrüssenswert und für Steckborner Verhältnisse schon fast eine Sensation.
Taugliche Vielfalt
Grundsätzlich gilt: Nicht das spezifische urbane Gebilde scheint dafür verantwortlich, dass das Untersee-Gebiet als kulturell beflügelt und beflügelnd wahrgenommen wird. Vielmehr ermöglicht erst der ganze Landstrich dieses inspirierende Wechselspiel zwischen Natur und zivilisatorischer Geste. Zwischen Elementen, die ein halbwegs freudestrahlendes Kollektiv bilden wollen. Schöne Worte? Nicht umsonst kämpft etwa auf Schloss Glarisegg eine metaphysische, bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft brauchbar herzöffnend und bislang aussichtsvoll ums Überleben. Siehe da, Kultur fruchtet in und um Steckborn. Das kürzlich abgehaltene, wiederholbare Kunst-Wochenende hat, wenn auch in einem Spektrum unterschiedlichster Begabungen und Qualitäten, taugliche Vielfalt an Land gespült, die nach Pflege und Wertschätzung ruft. Die ortsansässige Kantonsrätin Marianne Guhl skizziert: «Die Beschäftigung mit Kultur und Kunst sollte eine hohe Wichtigkeit haben, denn sie sensibilisiert und beeinflusst die Grundhaltung, die Achtung vor dem, was wir heute und in Zukunft haben wollen.»
Angebote zuhauf
Schauplätze kultureller Diskussion und Präsentation sind gegenwärtig private Galerien, Kunstateliers, vereinzelte Projekträume, temporäre Ausstellungen, etwa im Gemeindehaus. Das alles auf genügsamem Niveau. Das Kulturprogramm der 700-Jahr-Feier sieht erlesene Juni-Veranstaltungen vor, zumeist schöngeistige Events (Lyrik, Krimi, japanisches Bildertheater für Kinder) in der Mediathek an der Seestrasse. Die Vollmondbar im Pumpenhaus hat sich zur kostbar kleinen Kultureinrichtung gemausert. Die Heimatvereinigung betreibt das Museum im Turmhof, das aktuell in der Sonderausstellung «Achtung, fertig, Stadt!» 700 Jahre Stadtwerdung aufrollt. Musikschule Untersee und Rhein, Volkshochschule, das Phönix-Theater, «Hochglanz-Schaufenster» punkto zeitgenössische Theater- und Tanztheaterproduktionen. Ein aktives Vereinsleben, Chöre, Orchester, Stadtmusik, Lokalfernsehen. Der «Bote vom Untersee und Rhein», das seit 1900 bestehende Sprachrohr für die Bevölkerung der Region.
Fünfmal mehr als die Migros
Für wen man das alles macht? Albert Gräflein, Stadtrat für Kultur, Sport und Freizeit, hinterfragt vorsichtig und rechnet vor: «Steckborn hat circa 3600 Einwohner, davon sind rund ein Drittel nicht unserer Muttersprache und/oder aus unserem Kulturkreis; ein weiteres Drittel sind Menschen, die sich aus dem aktiven Schaffen zurückgezogen haben, oder Kinder, die noch nicht schulpflichtig sind. Für den Rest stellt sich die Frage, was wer unter Kunst versteht. ... Ich meine, dass eine Stadt, die rund 5 Prozent der Einnahmen für Kunst im weiteren Sinn ausgibt, genügend tut. Vergleicht man das mit dem viel gelobten Migros-Kulturprozent ist es doch immerhin fünfmal mehr.» Kultur habe immer eine Berechtigung, so die alteingesessene Lyrikerin und Outsiderin Lili Keller, auch ohne Mäzene oder Geldabgaben der Gemeinde. Sie wünsche sich mehr moralische Unterstützung, mehr Wohlwollen von Freunden. Doch fühle sie sich in jedem Fall ihrer Stadt verpflichtet, weil sie hier inspiriert worden sei.
Fatales Mischverhältnis
Die konkrete kulturelle Praxis in Steckborn zeitigt Erstaunliches. Eine einnehmende Lage, die gut ausgebaute Infrastruktur, Wesenszüge, die sich von Schroffheit, liebevoller Beflissenheit und Eigensucht nähren, bringen ein merkwürdig produktives, aber auch fatales Mischverhältnis hervor. Brüskierung, Impulsivität, Selbstüberschätzung – wichtige Exponenten der Turmhofquerelen zum Beispiel fanden und finden hier humusreichen Boden vor. Zurück zum Thema: Die Steckborner Künstlergarnison mag, wie auch die in anderen Thurgauer Regionen, mehr oder weniger tief schürfen. Wer aber wollte ihr den Status schützenswerter Hochstammkulturen absprechen, ermöglicht sie doch kleinräumige kulturelle Identitäten, die weitestgehend auch bildungspolitisch relevant sein können! Konrad Füllemann ergänzt: «Kultur ist auch wirtschaftlicher Faktor, sie erhöht das Ansehen einer Ortschaft und bringt den Bewohnern erholsame und lehrreiche Erlebnisse.» Damit diene sie auch der Wirtschaftsförderung.
Juwelen ...
Künstlerisch tätig sein bedeutet oftmals Einzelgängertum, bestenfalls werden Lernfelder des Miteinanders geschaffen. Auf Glarisegg spricht man von «Toren zu heilsamer, inspirierender Erfahrung unseres Potentials», wir sprechen von den Brückenfunktionen der Kunst beziehungsweise der Kulturpolitik. Kunst muss in gewissem Mass elitär sein, im besten Sinne, denn sie ist es von Haus aus. Die Galerie 418 hat mit Walter Wild ein sich stets weit nach aussen hin öffnendes Engagement ums kulturelle Leben in Steckborn bewiesen. Für sein jahrzehntelanges Bemühen wurde dem vertrauenswürdigen Unikum kürzlich der erste Anerkennungspreis der Stadt verliehen. Nicht an den Worten, an ihrem Werk sollt Ihr sie erkennen, sagt Wild mit einem Schmunzeln. Ein weiteres Juwel: Philippe Wacker vom Phönix-Theater, dessen Aufbau- und Vermittlungsarbeit von ausgefallener Courage zeugt: «Es wäre schön, wenn wir es fertig brächten, ein Festival zu positionieren, so erfolgreich wie Jazz in Willisau oder die Solothurner Filmtage. Im Phönix-Theater zeigen wir schon in neunter Folge ‹tanz: now› – zeitgenössisches Tanzschaffen aus der Schweiz auf höchstem Niveau. Wenn es gelänge, noch mehr Begeisterte anzuziehen, wäre viel erreicht.»
... kontra Überschwemmung
Gut, aus den Steckborner Amtsstuben sickert durch, dass aktuell eine Kulturregion Untersee mit den Gemeinden von Eschenz bis Berlingen in Planung sei. Das lässt aufhorchen. Kooperation, die Kultur in der Region profilieren. Die Details seien noch nicht druckreif. Cornelia Bein, Leiterin der Kulturwerkstatt «Zum obern Haus», sprengt den Rahmen des Lokalen in Philippe Wackers Sinn um eine naheliegende Dimension. Sie befürwortet grenzüberschreitende Projekte, sowohl was die kulturellen Bereiche als auch das Publikum betrifft, so etwa in Form eines jährlichen Kulturmonats mit einem speziellen, möglichst weit gefassten Thema. Für Yvonne Escher hingegen, die gewiefte Steckborner Grande Dame des Dokumentarfilms und Thurgauer Kulturpreisträgerin, ist eine fragwürdige Kulturüberschwemmung voll im Gange. Das Kunstschaffen könne selbstverständlich Visitenkarte einer Stadt sein, sei aber grundsätzlich nicht ortsgebunden. Dem Künstlernachwuchs rät sie: «Einfach machen und warten auf Godot, politische Diskussionen führen zu nichts. Kultur geschieht jetzt, aus ihr entspringt die Zukunft.» Was und wer also behält Recht?
***
Das Kulturprogramm der 700-Jahr-Feier im Überblick
18.05.2013 – 27.10.2013, Museum im Turmhof, Seestrasse 84
Sonderausstellung «Achtung, fertig, Stadt!», Entwicklung Steckborns über die Jahrhunderte. Eintritt frei.
07.06.2013, 19:00 Uhr, Mediathek, Seestrasse 104, Autogrammstunde mit Apero, anschliessend Lesung im Turmhoffoyer, Seestrasse 84
Szenische Lesung mit der Schweizer Krimiautorin Mitra Devi (Giftige Genossen) und ihrer Schwester, der Schauspielerin Barblin Leggio
12.06.2013, 15:00 Uhr, Mediathek, Seestrasse 104
Kamishibai, Theater für Kinder von 4 bis 9 Jahren. Das Bildtheater ist Teil einer langen japanischen Erzähltradition.
23.06.2013, 11:00 Uhr, Mediathek, Seestrasse 104
Lyrik, Haiku, Tanka, Kurzgeschichten. Die bekannte Steckborner Lyrikerin liest aus ihren 12 Werken.
28.06.2013, 19:00 Uhr, Phönix-Theater, Feldbachareal
Kurzfilme zum Thema Steckborn, Prämierung des Filmwettbewerbes des Lokalfernsehens Steckborn
29.06.2013, 11:00 Uhr, Mediathek, Seestrasse 104
10 Jahre Mediathek, Bibliotheksführung, Festrede, Büchertisch und Wettbewerb, Kamishibai

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