von Brigitta Hochuli, 19.01.2014
Joseph Kosuth in Ittingen

Brigitta Hochuli
„Artists don‘t work with forms and colors, they work with meaning“. Um dieses Zitat des weltberühmten Amerikaners Joseph Kosuth kreisten zur Ausstellungseröffnung die Ausführungen des Direktors Markus Landert. Der Weltberühmte mache dem weniger berühmten Museum mit dem Nietzschezitat in Neonschrift ein Geschenk. „Warum?“, fragte Landert und rekapitulierte Kosuths Beziehung zu Ittingen seit der Installierung der „Verstummten Bibliothek“ im Jahr 1999 bis zur Absicht, die Arbeit anlässlich der Museumserweiterung definitiv im Keller einzubauen (was jetzt trotz der Sistierung durch das Bundesgericht geschehen ist).
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Zum Nietzsche-Zitat aus der „Geburt der Tragödie“ meinte Kosuth: „The work is completed by de viewer, by the public“. Da bleibt natürlich viel Interpretationsraum offen. Unter anderem ist es nicht selbstverständlich, dass der Schöpfer des „Antichrist“ nun mit einem frühen Zitat an einer Klostermauer hängt. Tatsächlich, so Landert, habe das Geschenk zu Diskussionen und zur Frage geführt: „Was darf die Kunst in der Kartause Ittingen und wie stark darf hier das Kunstmuseum sichtbar werden gegen aussen?“ Nicht zuletzt zeigten diese Fragen, dass eine Diskussion nötig sei über die Bedeutung dieses Kunstmuseums.
(Ohne über die Notwendigkeit dieser Diskussion genau im Bild zu sein, lobte im Gespräch ein Besucher aus Winterthur: „Verrückt, was für Topshots sie hier zeigen.“ Absolut erstaunlich, dass Joseph Kosuth persönlich anwesend sei. Er komme immer wieder und sehr gerne nach Ittingen, sagte der Besucher. „Es ist eines meiner Lieblingsmuseen!“ Ihm gefalle die Bescheidenheit im Hintergrund, mit der man über die Provinz hinausstrahle. „Diese Kunstperle muss man entdecken können.“)
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Kosuths Ausstellung mit älteren Arbeiten heisst „Das Dasein und die Welt“. Darüber müsse man nachdenken und Aufmerksamkeit investieren. Mit dem Nietzsche-Zitat werde das Kunstwerk zum Katalysator des philosophischen Diskurses, erklärte Landert. Nur wer über kreative Triebe verfüge, könne das Dasein begreifen. „Es ist die Kunst, die uns die Welt erschliesst.“

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