von Brigitta Hochuli, 17.09.2011
„In der Mappe meiner Lieblingsgedichte“

Libelle-Verleger Ekkehard Faude äussert sich zum Star der Frauenfelder Lyriktage, Christoph Meckel, von dem jüngst drei Bücher in Lengwil erschienen sind.
Brigitta Hochuli
Herr Faude, an den Lyriktagen wurde Christoph Meckel als "einer der angesehensten deutschsprachigen Dichter der Nachkriegsmoderne" vorgestellt. Sie haben von ihm drei Bücher verlegt und waren kürzlich mit dem Erinnerungsband "Russische Zone" auf der Hotlist der unabhängigen Verlage Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Würden Sie auch Lyrik von Meckel verlegen?
Ekkehard Faude: Die Frage stellt sich nicht wirklich, seine Gedichte erscheinen bei Hanser. Aber so bin ich auf den Lyriker Christoph Meckel aufmerksam geworden: Ich habe vor 40 Jahren drei, vier Gedichte (darunter "Tarnkappe", "Ode an die Mächtigen") von ihm abgeschrieben, von Hand, und in die Mappe meiner Lieblingsgedichte gelegt. Später wurde seine Prosa für mich beeindruckend, seine Erzählung "Licht", und als wir uns vor fünf Jahren kennenlernten, haben wir uns über die Kaschnitz unterhalten. Seine Erinnerungen an diese Dichterin wurden unser erstes gemeinsames Buch.
"Lyrik ist dort, wo schweigen beginnt", sagte Meckel am Samstag in einer Gesprächsrunde in Frauenfeld. Sehen Sie das auch so?
Ekkehard Faude: Das ist eine ehrwürdige Metapher für die widersprüchliche Grenze, an der Dichtung ihre Kraft entwickelt. Dichter in vielen Ländern haben so gedacht. Es geht vordergründig um Spracharbeit, eine Verknappung der Worte, und dann um das Unsagbare, das mit Worten versucht wird.
Was Lyrik heute leiste, wurde in Frauenfeld gefragt. Was leistet sie Ihrer Meinung nach?
Ekkehard Faude: Lyrik muss nichts leisten. Aber Gedichte können, wie verstörende oder auch schöne Musik, ein Denken und Fühlen in Bewegung bringen, durch das sich das Puzzle unserer Erinnerung und Wahrnehmung mal kurz neu ordnet. Wenn es einen trifft: ein Kraftfeld.
Und wie manifestiert sich die Lyrik in Ihrem Verlagsprogramm?
Ekkehard Faude: Bei Libelle haben wir einst Scardanellis radikale "Litanei des Todes" als Buch gemacht; eine teure Rarität im Antiquariat inzwischen, das tröstet über die weitgehende Unverkäuflichkeit damals. Ein eigenwilliger Autor, der bei Maas, cyan-press und anderswo sich weiter entwickelt hat. Von Fritz Mühlenweg sind seine Übertragungen aus dem Shijing natürlich Pflicht gewesen, wir konnten sogar nachdrucken.
Das sind wichtige Editionen, Lyrik scheint aber trotzdem nicht Ihr Kerngeschäft zu sein.
Ekkehard Faude: Letztlich musste ich einsehen: Lyrik ist nicht unser Metier bei Libelle. Es gab auch mehrere Neugründungen (kookbooks, Engeler zum Beispiel), die erhebliche Aufmerksamkeit für Lyrik bekamen. Inzwischen sag ich: Lyriker verdienen sowieso nichts an Gedichten, Buchhandlungen kaufen Lyrik nicht mehr ein, Verleger verlieren ihr Geld, und die öffentliche Subvention von oft ganz mittelmässigen Texten ist durch nichts zu rechtfertigen. An die Jungen gerichtet: Stellt die Texte ins Netz: Wenn sie gut sind, drucken sich's die Leser aus oder schreiben sie ab, von Hand, wie einst.
*****
Bei Libelle, Lengwil, erschienen:
C H R I S T O P H M E C K E L
- Russische Zone, Erinnerung an den Nachkrieg Mit Graphiken des Autors, ISBN 978-3-905707-47-2, Juli 2011
- Hier wird Gold gewaschen, Erinnerung an Peter Huchel Mit Graphiken des Autors, ISBN 978-3-905707-38-0
- Wohl denen die gelebt, Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz Mit Graphiken des Autors, ISBN 978-3-905707-20-5

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