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In der Gedankenfabrik

In der Gedankenfabrik
Die Kunsthalle Arbon in schillernden Farben. Sieht schön aus, ist aber nicht echt: Die Farbgebung wurde am Computer verändert. | © Michael Lünstroth

Seit fast 25 Jahren gibt es die Kunsthalle Arbon. Sie ist noch immer ein Kristallisationspunkt für spannende zeitgenössische Kunst im Kanton. Wie lange dieser Ort so erhalten bleibt, ist derzeit ziemlich offen. Ein Besuch am Rand des Thurgau

Von Michael Lünstroth

Wenn man so will, dann ist das hier auch die Geschichte eines Wandels. Wo früher Blechteile für Schubkarren und Gartenmöbel produziert wurden, entsteht heute Kunst. Es ist das klassische Beispiel einer gelungenen Umnutzung und einer gesellschaftlichen Wende: Von der Fertig-Teil-Industrie zur ganz individuellen Kunstproduktion. Wie könnte man nicht darüber nachdenken, wenn man in dieser alten Produktionshalle des Unternehmers Friedrich August Schädler, unweit des Bodenseeufers, steht? In den zehn Jahren zwischen 1920 und 1930 wurde die Halle mit dem markanten gläsernen Lichthof geplant und erbaut, aus allen Ecken und Wänden riecht es nach Arbeit und ein bisschen auch nach Hoffnung - jener Hoffnung, die sich immer mit Neuanfängen verbindet. Für den Unternehmer Schädler währte diese Hoffnung nicht so furchtbar lang: Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre setzte dem Betrieb zu, eine geplante Serienfabrikation fand nie statt.

Zwischen 1920 und 1930 erbaut, hat die alte Produktionshalle heute immer noch eine ganz spezielle Atmosphäre. Bild: Michael Lünstroth

Heute, fast 100 Jahre nach dem Bau des Gebäudes, ist die Vergangenheit nur noch Hülle. Aus der Produktions- wurde eine Kunsthalle. Betrieben von dem sehr rührigen Verein Kunsthalle Arbon. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit sehr gegenwärtigen oder auch mal zukünftigen Themen. Die zeitgenössische Kunst hat hier, am östlichen Rand des Thurgau, eine bemerkenswerte Heimat gefunden. Dreimal im Jahr werden Ausstellungen gezeigt, die so nur an ganz wenigen anderen Orten im Kanton möglich wären. Auf 600 Quadratmeter Fläche können sich die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler ausleben. „Was mir immer wichtig war, war, dass die Künstler hier nicht irgendwas aus dem Atelier abstellen, sondern etwas kreieren, das mit dem Ort zu tun hat und mit ihm irgendwie interagiert", sagt Inge Abbegglen. Sie hat den Verein vor fast 25 Jahren mit gegründet und ist nach wie vor als Expertin mit dabei. Sie ist bestens vernetzt in Kunst und Politik: Für die SP sitzt sie seit 2008 als Kantonsrätin im Grossen Rat. Das Programm erstellt Abegglen im Wesentlichen gemeinsam mit der Kunstwissenschaftlerin Deborah Keller, die seit rund zwei Jahren als Kuratorin für die Kunsthalle wirkt. Zwischen 800 und 400 Besucher kommen zu den Ausstellungen, viele von ihnen eher aus St. Gallen als aus Frauenfeld, die Randlage sprengt da die Kantonsgrenzen. Interessant auch: Die meisten der Besucher sind überraschend jung und nicht selten auch selbst Künstler. Finanziert wird die Kunsthalle vom Kanton und der Stadt Arbon.

Das Kunstverständnis soll erweitert werden

Eigentlich war an diesem Ort, auf Höhe des einstigen Arboner Stadtgrabens (deshalb auch die Adresse Grabenstrasse), nur eine Ausstellung geplant, erzählt Inge Abegglen. Doch dann gefiel dem Verein der Ort so gut, dass sie blieben. Die Stadt kaufte das Gebäude und stellt es seither dem Verein zur Verfügung. „In der Kunsthalle Arbon werden Arbeiten gezeigt, die sich mit experimentellen Formen der zeitgenössischen Kunst auseinandersetzen, und sich nur bedingt in traditionellen Räumen präsentieren lassen", erklärt Deborah Keller das Konzept. Und fügt ganz selbstbewusst an: „Mit unseren Ausstellungen soll nicht das etabliert-museale Kunstverständnis vermittelt werden, sondern dessen Weiterentwicklung und Erweiterung." Konkret bedeutet das auch, dass die drei Ausstellungen im Jahr möglichst unterschiedlich sein sollen. Vielfältigkeit und Multiperspektivität sind Schlüsselbegriffe für die Kunsthalle. Ebenso wichtig ist Abegglen und Keller, dass sie jungen Künstlerinnen und Künstlern, die noch keinen grossen Namen haben, eine Bühne bieten wollen.

Nun ist das mit der modernen Kunst oft so eine Sache. Sie widersetzt sich gerne gängigen Erklärungsmustern, vielen Kunstschaffenden kann man keine quälendere Fragen stellen als: „Was bedeutet das jetzt?" Weil es ganz ohne Vermittlungsarbeit aber auch nicht geht, bietet die Kunsthalle zu allen Ausstellungen immer auch ein Rahmenprogramm. Seien es Führungen, Künstlergespräche oder andere Dinge, die sich aus den gezeigten Arbeiten ergeben.

Künstlergespräche (wie hier zwischen Bob Gramsma und Kuratorin Deborah Keller) gehören zum Vermittlungsprogramm der Kunsthalle Arbon. Bild: Michael Lünstroth

In der aktuellen Ausstellung von Bob Gramsma (endet am 14. Mai, am 13. Mai, 16 Uhr, gibt es noch mal eine Führung durch die Schau) gab es gleich mehrere Anlässe, um die grosse Installation des Zürcher Künstlers zu sehen. Sie trägt den Titel „sugarsnow" und ist eine fragile Skulptur aus Schilfrohren und 300 Kilogramm Zucker. Zucker? Ja, wirklich Zucker. Der Hintergrund dazu lautet so: Der Kanton ist wesentlich durch die Zuckerrüben geprägt, die hier im grossen Stil angebaut und in der Zuckerfabrik in Frauenfeld zu Süssstoff verarbeitet werden. Deshalb hat Gramsma für dieses Material entschieden. „Es ist ein Zwischending von Skulptur und kleiner Architektur, es ist statisch und wirkt zugleich bewegt, es erinnert an eine Landschaft oder an etwas Tierisches", schreibt Deborah Keller in einem Begleitblatt zur Ausstellung. Die Entstehung des Werkes (siehe auch das Video hierzu am Ende des Textes) war aufwändig.

Gramsma hat ein Gemisch aus eben jenen 300 Kilogramm Zucker, Wasser und Glukosesirup erhitzt. Anschliessend wurde die zähe Flüssigkeit in ein vorgefertigtes Bett aus Schnee und Schilfstützen gegossen. „Das heisse, flüssige und das kalte, bedingt feste Material reagierten miteinander und formten ein Werk, dessen Parameter Bob Gramsma bestimmte, dessen endgültige Gestalt er aber nach Möglichkeit dem Einfluss der Rahmenbedingungen überliess", erläutert Deborah Keller. Inzwischen ist der Schnee längt geschmolzen und zurückgeblieben ist eine irgendwie archaische, gleichzeitig aber auch sehr futuristische, weissgelbliche Krustenlandschaft, die unter dem Lichthof der Halle eine ganz eigentümliche Wirkung entfaltet. Dabei bleibt es aber nicht. Mit dem Verweis „OI#17239" an einer der Hallenwände verbindet Bob Gramsma das Hier und Jetzt mit dem virtuellen Zeitstrudel im Internet. Der Code ist ein Verweis auf das Entstehungs-Video seiner Arbeit. Gibt man ihn in eine beliebige Suchmaschine ein, gelangt man zu dem Video.

Die Halle ist marode, die Zukunft des Ortes ungewiss

Wie lange es derlei Gedankenproduktion in den jetzigen Räumen noch geben wird, ist derzeit vollkommen offen. Die Halle ist in einem maroden Zustand und nach Lage der Dinge wird die Stadt hier kein Geld mehr investieren. Schlaflose Nächte hat Inge Abegglen deswegen aber nicht mehr: „Wir bleiben so lange wie es geht, danach gibt es dann etwas Neues", sagt sie. Gut möglich, dass dann auch etwas ganz Anderes passiert. „Unser aktuelles Leitbild ist sehr auf diese Halle und ihre Architektur zugeschnitten, sollte es irgendwann mal neue Räume geben, könnte sich das Konzept auch ändern", erklärt Abegglen. Klar ist nur: Der Verein will sich weiter für zeitgenössische Kunst in Arbon einsetzen. An welchem Ort auch immer. Das zumindest ist doch eine ganz beruhigende Aussicht.

Lust auf mehr? Das sind die nächsten Ausstellungen in der Kunsthalle Arbon: http://www.kunsthallearbon.ch/ausstellungen/vorschau/ 

Weitergucken

Video zur Entstehung von Bob Gramsmas "sugarsnow" 

Bilder zu Bob Gramsmas "sugarsnow":

Von unten. Bild: Michael Lünstroth

Von oben. Bild: Michael Lünstroth

Noch mehr weitergucken:

Video aus der Kunsthalle Arbon (entstand im Rahmen der Werkschau Thurgau 2016; Samantha Zaugg für thurgaukultur.ch) 


www.kunsthallearbon.ch

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