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von Brigitta Hochuli, 24.08.2010

«I chas nöd ändere»

«I chas nöd ändere»
"Chasch ja aalüte", sagt Susann Basler jenen, die wissen möchten, wie es ihr geht. | © Brigitta Hochuli

Die Fotografin Susann Basler ist unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Wenige wie sie haben dem Thurgau ein so nachhaltiges Bild aufgeprägt. Seit vier Wochen führt sie im Facebook ein Tagebuch. Warum sie das tut, und was ihr das Fotografieren bedeutet, darüber haben wir am 19. August in der freundschaftlichen Du-Form in ihrem Loft in Müllheim ein Gespräch geführt.

Interview: Brigitta Hochuli

«Natürli schissts mi a, z stärbe», sagt Susann, die noch nicht einmal 56 Jahre alt ist und seit Ende März mit ihrer Krebsdiagnose lebt. «Aber i chas nöd ändere.» Die Zeit, die sie noch habe, wolle sie aber nutzen. Deshalb fotografiert sie nach wie vor für die Thurgauer Zeitung. Sie brauche das. Sie müsse unter Menschen sein. Am Wochenende hat sie sogar die Strapazen des Eidgenössischen Schwing- und Aelplerfests in Frauenfeld auf sich genommen. «Juhu», schrieb sie ins Facebook-Tagebuch, «mit dem Helikopter über dem Schwingerfest, einfach herrlich so hoch oben in der Luft...». Dass auf ihrem schmal gewordenen Körper ein Morphiumpflaster klebt, hat sie in diesem Moment wohl vergessen können.

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Susann, blenden wir zurück. Ich war dabei, als Du, von Zürich her kommend, 1999 deine Begeisterung für die Thurgauer Kühe entdecktest. Du hattest damals dem Tagblatt, deiner ersten hiesigen Arbeitgeberin, eine Arbeitsmappe mit Porträts unzähliger Prominenter vorzuweisen. Jetzt aber strahltest du wie ein Kind, wenn du über Land fahren konntest. Dir gefielen sogar unsere Mostäpfel. Erinnerst du dich?

Susann Basler Sommer: Ja sicher erinnere ich mich. Und ich finde den Thurgau immer noch wunderschön und auch die Kühe, obwohl es ja mittlerweile so viele hornlose unter ihnen gibt.

Ist deine Beziehung zum Thurgau eine Liebesgeschichte?

Susann: Ja, schon, es gehört aber alles dazu, nicht nur die Landschaft. Ich liebe ja auch die Menschen, sie konnten ihre Natürlichkeit bewahren. Und ihre Hilfsbereitschaft ist gross, Filz hin oder her. Hier steht man noch füreinander ein. Hier wird man sogar von der Polizei begleitet, wenn man auf einer Autobahnbrücke fotografieren muss. Für mich ist das der Thurgau.

In Liebesgeschichten ist man aber manchmal unkritisch.

Susann: Natürlich, aber ich sehe schon, was dahinter läuft. Es gibt auch hier Ungerechtigkeit. Da habe ich ein paar Mal leer geschluckt.

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Wir halten uns nicht bei diesen Abgründen auf. Susann hat in viele Stuben geschaut. Und sie war immer verschwiegen.

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Seit du im Thurgau lebst, hast du nicht nur Tausende von Zeitungsbildern vom Thurgau produziert, sondern auch einen aussergewöhnlichen Fotoband, ein historisches Zeitdokument sozusagen. Ich finde, du bist eine Künstlerin. Siehst du das auch so?

Susann: Nein. Eigentlich nicht. Ich sehe mich als Handwerkerin. Mit Kunst war ich erstmals konfrontiert, als ich von der Performerin Michaela Stuhlmann inszenierte Bilder für eine Ausstellung in der Komturei Tobel machte. Das war nicht Alltag, das war eben Kunst.

Alltag oder Kunst. Schaffst du durch das Fotografieren nicht eine neue Wirklichkeit?

Susann: Was ich mit meinen Bildern sagen will, ist «lueget, so gsehts us!». Das ist keine neue oder persönliche Wirklichkeit. Das einzige, was man so direkt nicht umsetzen kann, sind Sonnenuntergänge oder Nebel. Fotografiert man das, schafft man tatsächlich eine neue Wirklichkeit. Aber das will ich nicht.

Trotzdem. Was offenbart sich von dir selber in deinen Bildern?

Susann: Ich bin einfach ich. Es kommt aus mir heraus. Der Thurgauer Fotograf Peter Forster hat einmal gesagt, die Kamera sei wie ein eigenes Auge. Das ist mit Sicherheit so.

Aber gibt es nicht auch Situationen, in denen man sich als Person hinter der Kamera verstecken kann?

Susann: Ja, zum Beispiel bei einem schrecklichen Unfall, da kann die Kamera ein Schutz sein. Heute hat ja zum Glück die Polizei diese Arbeit übernommen. Ich erinnere mich aber auch an Ferien in Ägypten. Wie brutal sie dort mit den Kamelen umgingen, habe ich erst gemerkt, als ich meine eigenen Fotos sah.

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Susann liegt auf der Couch, über ihr strahlt draussen der Himmel wolkenlos blau, ihr Hündchen kuschelt sich eng an sie. Sie nennt es Wurscht, obwohl es Niki heisst. Tiere gehören zu ihrem Leben. Und natürlich hat sie sie immer und immer wieder fotografiert. Bei den Zeitungsredaktoren stiess sie mit diesen Bildern manchmal auf blinde Augen und taube Ohren.

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Was empfindest du als schön? Warum ist etwas schön?

Susann: Ha! Einen Sturm, die Pet-Deponie Müller in Frauenfeld, die Zuckerfabrik, aber natürlich auch einen Apfelbaum finde ich schön. Was ist Schönheit? Eigentlich alles. Denn in allem gibt es Schönheit.

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Schönheit muss nicht grandios sein. Am 17. August schreibt Susann im Facebook: «Ich habe zwei lausige Tage hinter mir; habe es vom Bett zum Sofa geschafft, mehr lag nicht drin. Heute ist es viel besser... Habe endlich Rechnungen geschrieben, E-Mails beantwortet und Fotos für die Handelszeitung fertig gemacht. Und nun diese Überraschung des Tages! Ein wunderbarer Sonnenblumenstrauss (...). Ich liebe Blumen. Ich freue mich morgen auf den Grossen Rat, wieder raus tut gut.»

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Susann, seit vier Wochen führst du im Facebook ein Bild-Tagebuch, um den Alltag deines Bauchspeichdrüsenkrebses zu dokumentieren, wie du schriebst. Zu jedem Eintrag stellst du jeweils ein Bild. Was bedeutet dir angesichts der Krankheit die Kamera und was dieses Internet-Netzwerk?

Susann: Viele möchten wissen, wie es mir geht. Aber viele haben Barrieren, mich direkt zu fragen oder zu besuchen. Am Anfang machte mich das hässig. «Chasch ja alüüte», sagte ich dann. Aber jetzt habe ich diese Form gefunden. Und das ist gut so. Über Facebook hat mich auch eine Filmemacherin angefragt. Sie will mein Sterben dokumentieren. Meine Familie und ich haben Ja gesagt zu diesem Film.

Du gibst dem Sterben ein ganz persönliches öffentliches Gesicht.

Susann: Ja, und zwar mit allen Facetten und mit meiner Familie im Rücken, die dahinter steht. Da kommen drei Dinge zum Vorschein. Ich als Fotografin, die selber gerne jemanden beim Sterben begleiten würde, weil es eine wunderschöne Arbeit ist. Und dann ich als Patientin und ich als Model.

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Susann hat ihren Humor nicht verloren. Sie lacht noch allen Ernstes. Und übrigens kann sie sich ganz schön aufregen, wenn ihr etwas nicht gefällt. Sie sei direkter geworden, sagt sie. «Ich habe noch nie so intensiv gelebt wie seit ich weiss, dass ich sterben muss.»

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Welches Bild passt zu deinem Krebs?

Susann: Ich stelle mir nichts vor. Ich habe ein CT-Bild. Da sieht man ein Geschwür, das wächst. Um mir ein eigenes Bild zu machen, bin ich viel zu sehr Realist.

Nimmt dir das Fotografieren deines jetzigen Alltags die Angst?

Susann: Ja, es lässt mich die Krankheit vergessen, wenn ich in meinem Element und nicht nur die Kranke bin.

Überträgt sich deine Energie durch die Kamera auf deine Bilder? Hat sich diese Energie verändert?

Susann: Nein. Die einzige Veränderung sind die praktischen Dinge.

Du kannst deine schwere grosse Foto-Tasche nicht mehr alleine tragen. Sie sei zu schwer, schreibst du auf Facebook. Dein Mann Andreas und Freundinnen helfen dir und begleiten dich zu Presseterminen. Wäre es für dich unvorstellbar, auf eine kleine Compactkamera umzustellen?

Susann: Wenn sie technisch so gut wäre wie meine jetzige, klar. Aber das werde ich nicht mehr erleben.

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Das Gespräch ermüdet Susann. Die Antworten werden kürzer. Aber ich möchte mit ihr noch über den berühmten japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki sprechen, der seine Frau beim Sterben fotografiert hat und jetzt ebenfalls an Krebs leidet.

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Die Kamera halte ihn am Leben, sagte kürzlich im ZEIT-Magazin Nobuyoshi Araki. Die Kamera sei seine Rettung. Ist das bei dir auch so?

Susann: Zu einem Teil sicher. Aber nicht nur. Es gehören auch die Familie dazu, die Freunde, ohne die es schwierig wäre, mit der Kamera zu kommunizieren.

Araki sagt, Fotos zu machen bedeute für ihn zu lieben. Verstehst du das?

Susann: Ja, das ist so. Nämlich das, was du vor dir hast. Fotografieren schafft eine Beziehung zum Objekt, ich gehe ja darauf ein. Aber es kostet natürlich auch Energie.

Araki sagt auch, die Kamera sei sein Make-up. Es könnte sein, dass sich darin seine Traurigkeit versteckt habe, die man dann in den Bildern wiedersehe. Geht es dir auch so?

Susann: Ich hoffe nicht. Wobei - es ist natürlich schwierig, weil ich ja diejenige bin, die abdrückt. Aber wenn ich die Kamera in der Hand habe, geht es mir gut.

Am 3. September eröffnest du im Kreuzlinger Dreispitz eine Ausstellung. Sie heisst „Morbider Charme".

Susann: Die Ausstellung war lange vor meiner Krankheit geplant. „Morbider Charme" - das ist dumm gelaufen. Aber wir bleiben dabei, weil ich morbiden Charme liebe, und es stimmt eben trotz allem.

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Susann Basler wohnt in Müllheim, ist mit Andreas Sommer verheiratet und Mutter von drei Töchtern. Als junge Frau hat sie in England und Amerika gelebt und ist später viel gereist, besonders nach Indien. Bevor sie 1999 zum Tagblatt im Thurgau stiess und drei Jahre später Bildredaktorin bei der Thurgauer Zeitung wurde, arbeitete sie in Zürich unter anderen für Roger Shawinski, hetzte von Ereignis zu Ereignis oder traf im eigenen Fotostudio kunstvolle Arrangements. Danach begann ihre erstaunliche Liebesgeschichte mit dem Thurgau.

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