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von Jeremias Heppeler, 12.05.2017

Schichtarbeiter

Schichtarbeiter
„Es entsteht aus dem Entstehen": Peter Stoffel über seine Arbeit. Der Kunstraum Kreuzlingen zeigt jetzt einige seiner Arbeiten. | © Jeremias Heppeler

Wer die neue Schau „Gedränge von Leere" im Kunstraum Kreuzlingen besucht, muss vorsichtig sein: Denn Peter Stoffels Bilder können einen einsaugen. Einfach so.

Von Jeremias Heppeler

Da steht man als Beobachter vor diesen brachialen, meterhohen und meterbreiten Werken, die keinen definitiven Abschluss kennen und sich zumindest in der Vorstellungskraft ohne Endpunkt in alle Himmelsrichtungen entrollen und spürt plötzlich diesen Sog. Es ist der gleiche Sog, denn wir Menschen im Anblick von reiner Natur erleben. Wenn wir auf Bergen in Täler blicken. Oder in die unendliche Weite. Wenn wir uns plötzlich ganz klein vorkommen – und im Normalfall das Handy für verwackelte Selfies zücken.

Peter Stoffel selbst ist eine Erscheinung. Nicht nur, weil er knappe zwei Meter misst, sondern weil er so unprätentiös und frei über seine Kunst spricht. Am Morgen des Pressegesprächs trägt er ein buntes Kurzarmshirt und hat die halbe Nacht im Kunstraum gearbeitet. Eine Fensterfront der Kreuzlinger Institution wurde mit einer massiven weissen Wand verkleidet, das verändert den Raum von Grund auf und erschafft die perfekt neutrale Fläche für Stoffels Arbeiten. Später kommt noch eine Kollege, mit dem Stoffel Wurst für die Vernissage macht. Die entsprechende Wurstpresse steht bereits bereit, schließlich „...muss es ja irgendwas geben."

Aus zehn Horizonten wurden über die Jahre hunderte

Ob er sich mit Landschaftsmalerei auseinandergesetzt habe? Nein. Es reichte der Blick aus dem Fenster, damals, auf die Landschaften der Appenzeller Heimat. In seinen früheren Arbeiten waren die Landschaften noch klar als solche zu erkennen. „Da habe ich noch mit einem Horizont gearbeitet, aber auch da gab es schon zehn davon." Aus den zehn Horizonten wurden über die Jahre hunderte. Auch die Fluchtpunkte verschwanden. Verfolgt man Stoffels bildnerische Entwicklung, so kommt es einem vor, wie wenn man am Computer immer weiter in ein Bild hineinzoomt. Bis dort aus all den Pixeln ein neues Bild entsteht. Und noch eines. Und noch eines. Stoffels Bilder vibrieren zwischen kosmisch gross und mikroskopisch klein. Es bleibt offen, ob wir jetzt zum Makrokosmos auf- oder zum Mikrokosmos hinab blicken.

Wir aber fragen uns, welche Fragen Peter Stoffel hinter all der schieren Visualität beschäftigen? Im Internet (natürlich!) werden wir fündig: „Ist die (irdische) Beziehung von nördlichem Eisspeicher, tropischer Holzkohle und Plattentektonik übertragbar, und wird man schon bald ein neues (kosmisches) Dreieck zeichnen können, vielleicht mit gekrümmten Schenkeln?", schrieb Stoffel einst in einem veröffentlichten Email-Austausch an den Geologen Flaviu Anselmetti. Das Interesse des Künstlers an den naturgegebenen Formen, Strukturen und Oberflächen ist eben nicht oberflächlich, Stoffel saugt Wissen über fraktale Geometrie und tektonische Platten in sich auf wie ein Schwamm und drückt ebendiesen über seinen Bildern aus. Bereits als Kind blätterte Stoffel mit Vorliebe durch den Erdkundeatlas, fasziniert und angezogen von den unterschiedlichen Karten und Landschaftstypen unseres Planeten. Sein Vorgehen aber erscheint keinesfalls wissenschaftlich oder adäquat, Zufall und Prozess die einflüsternden Puppenspieler. Denn: „Schlussendlich geht's nur ums Bild!"

Der Startpunkt ist egal. Es geht darum die Leinwand zu füllen 

Zu Beginn des Arbeitsprozesses erklärt Stoffel, geht es in erster Linie darum, den „white canvas" mit Information zu füllen. Farbe, Kontraste, Fläche müssen auf Bild. Möglichst schnell, möglichst wild. Der Startpunkt ist egal, mal oben, mal unten, mal in der Mitte. Oder alles gleichzeitig. „Es entsteht aus dem Entstehen. Die erste greifbaren Ölfarben werden dann auf Bild gejagt. Einfach Farbe drauf." Diese Informationspartikel dienen dem Künstler in der Folge als Kommunikationstrigger. Künstler und Bild stehen von nun an in einem abstrakten Austausch, in dessen Zuge sich Stück für Stück die jeweilige Landschaft entwickelt. „Schauen. Machen. Schauen. Machen." Die Pinsel werden hierbei immer kleiner, die Tätigkeit des Malers immer kompakter, diffiziler und komprimierter. Spannend wird es immer dann, wenn ein Fehler passiert. Wenn ein Pinselstrich zu lang, eine strukturelle Form zu groß ausfällt. Denn dann findet eine Art künstlerischer Schmetterlingseffekt  statt: Das erste Abrutschen zieht eine Vielzahl von Folgeentscheidungen nach sich, die Bildstruktur verstellt sich elementar und auf Bildebene entstehen kolossale Bewegungen.

Über einen Monat arbeitet Stoffel an einem seiner grossformatigen Bilder. Es wird übermalt, umgestellt, gelöscht und verschoben. Bis alle offensichtlichen Proportionen und Zentren verschwimmen. Bis irgendwann alles im Einklang ist und jedes Ausschnitt der Leinwand gleichwertig und absolut ausgewogen erscheint. Erst dann legt der 1972 geborene Künstler seinen Pinsel bei Seite. Meistens ist es dann mitten in der Nacht. „Eine Unruhe. Eine Bewegung. Ohne definitives Zentrum. Ich versuche ein All-Over zu finden, mit Gleichgewicht. Aber einem Gleichgewicht, das auf vielen Wirbeln aufgebaut ist. Du könntest irgendwas wegnehmen oder ergänzen und das Bild würde stabil bleiben. Es soll sich möglichst ausbreiten. Möglichst mit Millionen kleiner Zentren."

Der Künstler als Geologe. Oder war das jetzt andersrum?

Hier wird klar: Es geht eben nicht nur um das offensichtlich Sichtbare. Sondern auch ums Untendrunter, um den hinterlegten und übermalten Prozess. Um die unerforschten Zwischenstufen und Ablagerungen. Wie in der Geologie. Und ein bisschen wie bei Jackson Pollock, der durch die hinterlassenen Farbspuren die Zeitlichkeit ins Zentrum rückte. Es geht um Räume und Zwischenräume und eben auch um die Räume zwischen den Zwischenräumen. Diese offenbaren sich porös. Fraktal. Atonal. Aber eben auch von einer unberechenbaren Ästhetik. Der Rezipient aber wird zum Forscher und Geologen. Er verfolgt die Spuren des Pinsels, untersucht die verschiedenen Sedimente und Schichten. Legt sie frei. Das grosse wie das kleine Ganze, das dich irgendwann wieder freigibt. 

Weitergucken:

arttv.ch hat 2015 einen Beitrag über Peter Stoffel gedreht

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