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von Brigitta Hochuli, 12.08.2010

Huggenbergers Vermächtnis

Huggenbergers Vermächtnis
Hans Wenzinger, Präsident der Alfred-Huggenbergergesellschaft. | © Brigitta Hochuli

Unter dem Patronat der UBS Kreuzlingen feiert die Alfred Huggenberger-Gesellschaft am 27. August ab 18 Uhr die Vernissage eines neuen Huggenberger-Sammelbandes. Das Vermächtnis des Bauerndichters aus Gerlikon (1867-1960) sei «Die Beschreibung von 50 Jahren Thurgau», sagt Hans Wenzinger, Präsident seit Januar 2009.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Wenzinger, Sie sind ein frühpensionierter Bankdirektor. Warum bürden Sie sich die Arbeit als Präsident der Huggenberger Gesellschaft eigentlich auf?

Hans Wenzinger: Das ist kompliziert. Es war nämlich nicht mein Ziel, Präsident zu werden. Ich wollte einfach mitmachen. Da das Durchschnittsalter der Mitglieder hoch ist, erforderte die personelle Situation dann eine Aufgabe im Vorstand.

Was finden Sie denn an Alfred Huggenberger interessant?

Wenzinger: Zwei Dinge. Erstens ist er interessant als Dichter und zweites als Ökonom. Er beschreibt die Agrargesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis Mitte 20. Jahrhundert sehr präzis.

Jetzt geben Sie einen neuen Huggenberger-Band heraus. Warum tun Sie das?

Wenzinger: Weil es Spass macht und ich überzeugt bin, dass daraus etwas Schlaues wird. Und weil ich begeistert darüber bin, wie sehr das die Leute anspricht.

Dann steht wohl auch die Finanzierung der Ausgabe?

Wenzinger: Ja, mehr als die Hälfte der nötigen 12 000 Franken wurden, als das Projekt bekannt wurde, ohne Nachfrage freiwillig beigesteuert, und zwar nicht nur von Mitgliedern der Gesellschaft.

Welchen Verlag haben Sie gewählt?

Wenzinger: Huggenbergers Tochter Martha hatte einen Verleger im Elgg (ZH) geheiratet. Der Teaterverlag Elgg, unser Verlag, wurde vor vielen Jahren nach Belp (BE) verkauft. Die Enkel von Alfred Huggenberger, Willi und Alfred Büchi haben uns grosszügigerweise die Rechte für die Publikation gegeben.

Wo haben Sie inhaltlich die Schwerpunkte gesetzt?

Wenzinger: Das Buch ist ein Querschnitt aus Huggenbergers Werk und enthält je einen Auszug aus den beiden Romane «Die Bauern von Steig» (1913) und «Die Frauen von Siebenacker» (1925) sowie Erzählungen, Gedichte, Schwänke und eine Kurzbiografie von Hans Menzi.

Und wer hat diese Auswahl getroffen?

Wenzinger: Der Vorstand und Heinz Böckli aus Gerlikon, der den halben Huggenberger auswendig kann.

Machen Sie uns ein wenig gluschtig!

Wenzinger: «Die Bauern von Steig» ist ein Erziehungsroman, der «Grüne Heinrich» von Huggenberger sozusagen. Und «Die Frauen von Siebenacker» ist ein Frauenroman. Dabei geht es um eine total emanzipierte moderne Frau, die eine für die Zeit überraschende eigene Meinung und Einfluss auf die Familie und ihre Umgebung hat.

Glauben Sie nicht, dass Huggenberger ein solches Frauenbild vor allem seiner eigenen Frau Bertha zu verdanken hat?

Wenzinger: Das kann sein. Jedenfalls war Bertha alles andere als eine unterdrückte Hausfrau. Sie war in literarischen Fragen eine wichtige Ansprechpartnerin für ihren Mann. Sie hielt ihm den Rücken frei und besorgte die Landwirtschaft, wenn er unterwegs war.

Und das war er ja oft. Rea Brändle, die zusammen mit Mario König zurzeit den Nachlass erforscht, beschreibt Huggenberger als äusserst umtriebig in der eigenen Vermarktung. Bekanntlich hatte er eine grosse Affinität zu Nazi-Deutschland, wo er mehrfach gefeiert wurde. Stört Sie das nicht?

Wenzinger: Es ist nicht unsere Aufgabe, das aufzuarbeiten. Ich blende das aus, ich habe genug anderes zu tun. Das Thema kann einem auch mal verleiden. Zu Beginn meiner Tätigkeit für die Huggenberger-Gesellschaft wurde ich neun- von zehnmal gefragt, ob Huggenberger ein Nazi gewesen sei. Heute werde ich das nur noch ein- von zehnmal gefragt.

Nun geben Sie die 2000 Exemplare aber auch an Kirchen und Schulen ab. Ist das nicht problematisch?

Wenzinger: Es kommt eben darauf an, wie man Huggenberger in seine Zeit einordnet. Bis jetzt ist das aber noch ungefestigtes Material. Wir erwähnen in der Kurzbiografie, dass er zwei deutsche Preise entgegengenommen hat. Ansonsten beschränken wir uns auf die Herausgabe der Anthologie.

Und demzufolge auf deren literarischen Wert, nehme ich an. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Qualität der Huggenberger-Texte?

Wenzinger: Es gibt auch langatmige Texte, das räume ich ein. Auch Huggenbergers Humor in seinen Schwänken ist nicht unbedingt der heutige. Aber vieles finden wir immer noch gut zu lesen. Die Stücke werden ja immer noch gespielt. Kürzlich hat sich sogar eine Absolventin der Pädagogischen Hochschule Bern bei uns erkundigt, weil sie mit ihren Schülern einen Huggenbergber aufführen will.

Welches Stück finden Sie persönlich das lustigste?

Wenzinger: Ich kenne nicht alle 60 Schwänke. Der beste ist aber «30 Minuten». Darin geht es um Goldstückli und die menschliche Schwäche der Habgier. Das hat absolute Top-Aktualität, nicht zuletzt auch deshalb, weil die ganze Situation durch einen Deutschen bereinigt wird.

Huggenberger sei aber nicht auf Grund persönlicher Erfahrung, sondern über die Literatur zum Schreiben gekommen, sagte die Germanistin Rea Brändle in einem Gespräch im April. Angefangen habe er mit Ritterballaden. Sie seien «papieren» gewesen.

Wenzinger: Das ist ähnlich wie bei Bornhauser. Als sie zu Beginn ihrer literarischen Versuche die ganz Grossen kopieren wollten, war es bei beiden «Stückwerk». Huggenbergers Werk hat Höhen und Tiefen, wie gesagt, manches ist langatmig. Aber das ist «Das Schloss» von Kafka , das ein Meisterwerk erster Güte ist, in gewollter Absicht ja auch.

Noch ein Wort zur Religion, die ja gerade im See-Burgtheater ein Thema ist. Ihre Gesellschaft hat im Februar den 50. Todestag Huggenbergers mit einem Gottesdienst begangen. Was war der Grund für diese Form der Ehrung? Was hatte Huggenberger mit Religion zu schaffen?

Wenzinger: Er hatte intensive Beziehungen zum Pfarrhaus in Gachnang und hat dort auch ein Ehrengrab. Auf dem Grabstein steht: «Alfred Huggenberger, Dichter unserer Heimat». Das ist typisch Thurgau, dass man – bei aller Bescheidenheit – auch etwas gelten will. Oft fallen solche Entscheidungen bei mir aus dem Gefühl, aus dem Bauch heraus.

Haben Sie das auch als Banker so gehalten?

Wenzinger: Ich kenne keinen erfolgreichen Banker, der nicht auch gut ist im Bauch.

***

Siehe auch:

> Huggenberger und Nazideutschland

 

 

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