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von Brigitta Hochuli, 18.04.2013

„Es war toll, hier einzusteigen“

„Es war toll, hier einzusteigen“
Stefanie Hoch, die neue Kuratorin des Kunstmuseums Thurgau, vor dem Scheiterturm von Tadashi Kawamata in der Kartause Ittingen. | © Brigitta Hochuli

Im Kunstmuseum Thurgau hat sich eine neue Ausstellungskuratorin eingearbeitet. Stefanie Hoch steht kurz vor ihrer zweiten grossen Bilder-Vernissage - der Sammlungspräsentation „Konstellation 5. 71 Jahre - 71 Werke“.

Brigitta Hochuli

Als am 24. März Tadashi Kawamatas Holzscheiterturm eingeweiht wurde, gab es noch Minustemperaturen und einen dunkelgrauen Sonntagmorgenhimmel. Unter ihm fiel eine strahlende junge Frau auf, die mühelos mit dem Künstler englisch und mit den aus Paris angereisten Studenten französisch parlierte: Stefanie Hoch, die 33jährige neue Ausstellungskuratorin des Kunstmuseums. Im Juni 2012 hat sie mit einem Pensum von 70 Prozent die Nachfolge von Dorothee Messmer angetreten.

Nach dem Coup mit dem Scheitertum steht nun die dritte Bewährungsprobe bevor. Am Sonntag wird die fünfte grosse Sammlungsausstellung des Kunstmuseums eröffnet, die sie gemeinsam mit Direktor Markus Landert kuratiert. Die Schau umfasst 71 Jahre, 71 Werke „und noch viel mehr“, wie Stefanie Hoch verspricht; die Vorbereitungen bis zur Eröffnung am Sonntag sind noch im Gang. Stefanie Hoch hatte trotzdem Zeit für ein Gespräch. Sie fühlt sich wohl in ihrem kleinen Büro hinter den Butzenscheiben im Obergeschoss des Museums. Vor ihr liegt der Bildband zu Willi Oertig, an dem sie mitgearbeitet und mitgeschrieben hat und dessen Ausstellung ihr Einstieg war.

Aufbruch in die Provinz

Sie hatte sich zu entscheiden. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Bildende Kunst im deutschen Hildesheim arbeitete sie im Fotomuseum des Münchner Stadtmuseums, im Kupferstich-Kabinett Dresden und im Museum Folkwang in Essen. Dann wurde 2009 das österreichische Linz zur europäischen Kulturhauptstadt. Dort war sie am „OK“ Offenes Kulturhaus Oberösterreich tätig und danach Kuratorin an der Landesgalerie Linz. Nach den Kulturstädten in die Provinz? „Entweder man bleibt oder man macht sich auf“, sagte sich Stefanie Hoch.

Als gebürtige Ravensburgerin fand sie das Stellenangebot des Kunstmuseums Thurgau verlockend. Die Bodenseeregion hatte sie schon immer interessiert und von der Kartause Ittingen war sie als Ort „sofort ziemlich begeistert“. Speziell findet sie gerade deren Abgeschiedenheit und den mönchischen Hintergrund, die thematische Verbindung des Kunstmuseums und seines modernen Ausstellungsprogramms mit dem historischen Ittinger Museum, aber auch die Einrichtungen der Stiftung mit dem betreuten Wohnen und Arbeiten, der Landwirtschaft mit den Kühen und dem Käse, der Gastronomie oder der Seminartätigkeit. „Das muss gut sein“, hatte sie gedacht und war fasziniert. „Hier wird man hinauskatapultiert aus der Welt und trotzdem ist es nicht esoterisch. Man wird mit zeitlosen und auch aktuellen Fragen konfrontiert.“

„Es war toll, hier einzusteigen“, sagt Stefanie Hoch. Sie schätzt die Herzlichkeit, mit der ihr hier begegnet werde, das kleine, nette, sehr engagierte Team und den gegenüber Österreich leichten Verwaltungsapparat. Einfach war die Situation nach dem Stopp des Neubauvorhabens nicht. Aber sie konnte sogleich tief in die Sammlung des Kunstmuseums einsteigen, denn kurzfristig musste man die Jubliäumsausstellung organisieren. Dabei hat sie Museumsdirektor Markus Landert schätzen gelernt. „Er hat genaue Vorstellungen, lässt einem gleichzeitig aber auch Freiheiten.“

„Als Qualität begreifen“

In ihrer Diplomarbeit und ihrer derzeit ruhenden Dissertation geht es um Fotografie, die ihr wesentliche Anstösse gebe zum Beispiel über die „Kunst der Aneignung“ und das kollektive Bildgedächtnis. Zu fragen, wie man Bildern begegne, sei auch im Thurgau kein schlechter Ansatz, wo der fotografische Dietrich-Nachlass inventarisiert worden sei und wo es überhaupt tolle Fotografen gebe. Stefanie Hoch hat aber eine breite Ausbildung hinter sich und scheut auch nicht vor den letzten Arbeiten am Nachlass von Hans Krüsi zurück. Ihr Studium hatte den Schwerpunkt Bildende Kunst und war interdisziplinär ausgerichtet. Das Spektrum reichte von der Kunstgeschichte zur Gegenwartskunst über die Kultupolitik, Literatur und das Theater bis zu den Medien. „Da ging es nicht nur um Ikonografie“, sagt Stefanie Hoch. „Es ging um den umfassenden Blick auf die Kultur.“

Und nun also ab 21. April der erste Teil der Jubiläumsausstellung zu 30 Jahren Kunstmuseum in der Kartause Ittingen. Gezeigt werden aber 71 Werke aus 71 Jahren Thurgauer Sammeltätigkeit, vom ersten Ankauf bis heute. „Gezeigt werden soll, wie es zu den Schwerpunkten kam.“ Im langen Gang des Museums soll ein Zeitstrahl mit einem Bild pro Jahr entstehen. Die Zellen werden als „Vergrösserungsgläser“ für spezielle Sammlungsschwerpunkte dienen. Der zweite Teil der Ausstellung wird im September dann die „raumgreifenden Dinge“ der letzten 30 Jahre und deren Auseinandersetzungen mit dem Ort zeigen. Mit 71 Jahren sei die Sammlung ja eigentlich jung, stellt Stefanie Hoch fest. „Weil sich dadurch andere Blickwinkel auf die jüngste Kunstgeschichte öffnen, können wir aber gerade das auch als Qualität begreifen!“

*****

30 Jahre Kunstmuseum - Konstellationen 5 und 6

Das Kunstmuseum konnte 1983 in der neu renovierten Kartause Ittingen für damalige Verhältnisse grosszügige Ausstellungs- und Depoträumlichkeiten beziehen. Eine der Ursachen für diese Museumsgründung war die seit 1942 betriebene Sammlungstätigkeit des Kantons. Während des Zweiten Weltkriegs hatte der Regierungsrat einen regulären Kredit gesprochen für die „Förderung des Kunstbemühens auf dem Gebiet der bildenden Kunst der Gegenwart“. Dieser Entscheid vor 71 Jahren markiert formell die Geburtsstunde der Thurgauischen Kunstsammlung.

Die Ankaufstätigkeit wurde in den folgenden Jahrzehnten in mehreren Schritten ausgeweitet und professionalisiert. Spätestens als sich ab 1977 die Möglichkeit für die Einrichtung eines Kunstmuseums in der Kartause Ittingen abzeichnete, setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine Sammlung nur mit regionaler Kunst zuwenig attraktiv ist. Aus diesem Grund wurde ab 1975 um die Werkgruppe von Adolf Dietrich ein Schwerpunktgebiet „Internationale naive Kunst“ geschaffen. Mit der Entgegennahme des Nachlasses von Hans Krüsi erfuhr die Sammlungstätigkeit 1995 eine Öffnung hin zur Aussenseiterkunst, die neben den Naiven auch die art brut oder das Schaffen von „Lebenskunstwerkern“ umfasst.

Daneben bildete der Ankauf von zeitgenössischer Kunst aus der Region einen zweiten, attraktiven Schwerpunkt. Die bis Anfang der Neunzigerjahre geltende, strikte Beschränkung auf die in der Region wohnhaften Künstlerinnen und Künstler wurde nach den ersten Betriebsjahren in Ittingen aufgegeben. Seither konnten Spitzenwerke von Joseph Kosuth, Jenny Holzer, Janet Cardiff und anderen erworben werden, wobei diese immer einen engen Bezug zur Kartause aufwiesen, um nicht der Beliebigkeit zu verfallen. Solche Arbeiten mit direktem Bezug zum Ort verschaffen dem Museum auf internationalem Qualitätsniveau Einzigartigkeit und ermöglichen dem Publikum eine unmittelbare Auseinandersetzung mit den aktuellsten Formen des globalen Kunstdiskurses.

Die Ausstellung „71 Jahre – 71 Werke“ dokumentiert die Sammlungsentwicklung, in dem für jedes Jahr ein Schlüsselwerk der Ankaufstätigkeit ausgewählt wurde. Diese Zeitlinie dokumentiert eindrücklich den Wandel des Sammlungsziels von einem rein regionalen Fokus hin zu einem weltumspannenden Diskurs, was die Kunst als globales System mit starker Verankerung in der Region erkennen lässt. Die Aufreihung lässt auch mit seltener Deutlichkeit nachvollziehen, wie sich die Anforderungen an Museumsbetrieb und Publikum in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Parallel zu dieser Zeitlinie werden in sieben Ausstellungszellen die Schwerpunkte der Sammlung, die sich im Lauf der Zeit herausgebildet haben, mit den Hauptwerken der Sammlung verdeutlicht. Neben den altbekannten Meisterwerken gibt es viel Unbekanntes zu entdecken.

Die Ausstellung „71 Jahre – 71 Werke“ vermag trotz ihrer Grösse die inzwischen auf rund 30'000 Objekte angewachsene Sammlung nur beschränkt zu repräsentieren. Aus diesem Grund wird am 15. September 2013 die Ausstellung „Konstellation 6. Begriffe, Räume und Prozesse“ eröffnet, die installativen Arbeiten und neuen Medien aus den letzten beiden Jahrzehnten gewidmet sein wird. (pd)

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Vernissage: Sonntag, 21. April, 11.30 Uhr, Begrüssung und Einführung: Markus Landert; Ausstellung vom 21. April bis 25. August 2013. www.kunstmuseum.ch

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