von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 03.05.2017
Über etwas Licht im Dunkeln

Zum Tag der Pressefreiheit: Warum wir uns alle um die aktuellen Entwicklungen sorgen müssen, es aber trotzdem auch ein kleines schummriges Licht am Ende des Tunnels gibt.
Eine kleine Quizfrage zur Eröffnung der Wochenmitte: Bei welcher internationalen Rangliste liegt die Schweiz genau zwischen Costa Rica und Jamaika? Sonnenscheintage können es nicht sein. Lebenszufriedenheit vielleicht? Oder Marihuana-Konsum? Alles nicht schlecht, stimmt aber nicht. Die Rangliste von der hier die Rede sein soll stammt von „Reporter ohne Grenzen" und kümmert sich um den Index „Pressefreiheit". Die Schweiz liegt hier auf einem soliden siebten Platz, knapp hinter Costa Rica, aber immerhin noch vor Jamaika. Und auch deutlich vor den lieben Nachbarn aus Österreich (Platz 11), Frankreich (Platz 39) und Deutschland (Platz 16). Was auf den ersten Blick vielleicht noch lustig klingt, ist es natürlich eigentlich gar nicht.
Denn: „Reporter ohne Grenzen" (RoG) zieht eine traurige Bilanz des Jahres: „Medienfeindliche Rhetorik führender Politiker, restriktive Gesetze und politische Einflussnahme in Demokratien haben zu einer Verschlechterung der Lage für Journalisten und Medien weltweit beigetragen." Nach Zahlen des Vereins hat sich in knapp zwei Dritteln der 180 untersuchten Länder die Situation im vergangenen Jahr verschlechtert. Dazu hätten die Entwicklungen in demokratischen Ländern beigetragen, schreibt RoG. Immer wieder haben demnach „Politiker Journalisten verbal angegriffen und Regierungen Gesetze verabschiedet, die Überwachungsbefugnisse der Geheimdienste ausbauen und Whistleblower bedrohen." Zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai kann man daran ja mal erinnern.
Bedrohung von Menschen, Ausgrenzung von Meinungen
Das Schwierige an solchen Ranglisten ist die Frage, wie vergleicht man was? Und inwiefern kann man unterschiedliche Situationen in ganz unterschiedlichen Systemen überhaupt vergleichen? Man kann, sagt RoG. Aber klar ist ja auch: Bedrohung der Pressefreiheit hat in der Türkei eine ganz andere Dimension als, sagen wir mal, in Zentraleuropa. Dort sind Journalisten auch als Menschen in Gefahr, hierzulande geht es doch eher um gefährdete Meinungen und Fakten. Nichtsdestotrotz bleibt natürlich beides nicht tolerierbar.
Konzentrieren wir uns kurz auf die Situation in unseren Breitengraden. Entschiede beispielsweise ein Medienunternehmen, dass journalistische Unabhängigkeit und mithin Pressefreiheit, nur so lange Gültigkeit hätten, wie nicht eigene wirtschaftliche Interessen betroffen sein könnten, wäre das ein Problem. Denn dann würde ein unverrückbarer Wesens-Bestandteil demokratischer Gesellschaften plötzlich zur Handelsware, den man je nach Situation einkauft oder verkauft. Und das darf es nicht geben. Punkt. Pressefreiheit und journalistische Unabhängigkeit gibt es weder in Scheiben noch in wohldosierten Portionen. Die gibt es nur am Stück. Ökonomisch wäre ein solches Handeln ohnehin, nun ja, gewagt bis dumm. Unternehmen, die so handeln, verspielen ihr höchstes Gut - die Glaubwürdigkeit.
Für mich persönlich gibt es zwei Gründe auf Hoffnung
Vor gut einem Jahr habe ich selbst intensiv über das Thema nachgedacht. Ich war mir damals nicht sicher, wie gut es um die Pressefreiheit bei uns tatsächlich bestellt ist. Die gute Nachricht ist: Ich habe jetzt wieder Hoffnung. Das liegt zum einen an meinen inzwischen rund sieben Monaten bei thurgaukultur.ch, in denen ich erleben durfte, wie umsichtig, sensibel und verantwortungsvoll hier mit dem Thema umgegangen wird. Wenn das auch andernorts so klar und unmissverständlich im Bewusstsein aller Entscheider verankert ist, dann wäre das noch mehr Grund zur Zuversicht. Der zweite Grund heisst Constantin Seibt.
Mit seiner Mannschaft des noch zu gründenden Online-Magazins „Republik" hat der frühere Tagi-Autor einen neuen Weltrekord bei einem Crowdfunding aufgestellt. Innerhalb eines halben Tages haben sie so viel Geld generiert wie sie in einem Monat sammeln wollten: 1 Million Franken. Inzwischen steht die Zahl bei 2,6 Millionen Franken (Stand: 2. Mai, 10 Uhr). Ohne Übertreibung: Was da gerade passiert, ist historisch. Dass so viele Menschen in ein Produkt investieren, von dem es noch nicht mehr gibt, als viele warme Worte, ist aussergewöhnlich und zeigt ein Stück weit auch das Lechzen der Gesellschaft in politisch schwierigen Zeiten nach Qualitätsjournalismus. Jetzt ist es an der „Republik" zu liefern. Ich drücke der Mannschaft jedenfalls beide Daumen, dass aus den vielen pathetischen Worten am Ende auch ein lesenswerter Journalismus wird. Wenn Sie mehr über Seibt und sein Team wissen wollen, klicken Sie mal hier. Ich hatte Constantin Seibt im Januar in Zürich getroffen und mit ihm über seine Ideen gesprochen.
Ach und übrigens: Spitzenreiter in Sachen Pressefreiheit ist Norwegen, Schlusslicht Nordkorea. Das wiederum war jetzt zu erwarten.
Die komplette Rangliste zur Pressefreiheit 2017 von Reporter ohne Grenzen gibt es hier

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