von Brigitta Hochuli, 17.11.2013
„Erfunden und erlogen“ - von den Fakten zum Fake

Bei Benteli in Sulgen hat die Thurgauer Künstlerin Judit Villiger ein Buch über „Die poetische Simulation der Wissenschaften“ herausgegeben. Texte der Kuratorin Stefanie Hoch und der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse lüften auf Deutsch und auf Englisch ein paar Geheimnisse. Vernissage ist im Kunstmuseum Thurgau am 19. November.
Brigitta Hochuli
Für die werkschau tg platzierte Judit Villiger unter Vitrinenglas Keramikbruchstücke eines römischen Steckborner Kachelofens. Ein sensationeller Fund! Und „eine erste Interpretation“, wie die Künstlerin in einer Vorschau bemerkte. In Wahrheit handle es sich um eine künstlerische Installation, schreibt Stefanie Hoch, Kuratorin des Kunstmuseums Thurgau. Zweifel verdichteten sich bis hin zu jenem Punkt, an dem die Fakten schliesslich zum Fake würden. So wie das Museum seine Rolle immer wieder institutionskritisch hinterfrage, so stelle Judit Villiger Fragen zum Zeitgeist, zur Geschichtsschreibung und zur Rekonstruktion nicht historisch, sondern „in Gestalt künstlerischer Arbeiten“.
Judit Villligers Werk ist natürlich noch viel vielschichtiger als eine Grabung nach römischen Scherben offen legt. Im wunderbar bebilderten neuen Band „Erfunden und erlogen“ aus dem Benteli Verlag stellt Stefanie Hoch auch die Meteoriten-Sammlung der Künstlerin oder deren „Kraftfeld“, „Jardin des Plantes“ und das „Hasenkabinett“ vor, das dem Buch die Titelseite leiht. Judit Villigers Motivwelten wie auch ihre Strategien schüfen epochenübergreifende Querverbindungen. Gut verständlich bringt die Kuratorin der Leserin diese Herausforderung näher, sodass sie sich künftig vielleicht weniger durch die „Falltüren und doppelten Böden“ gewohnter Rezeptionsmuster stolpern wird.
Ergänzend zu Stefanie Hoch nähert sich die in Müllheim lebende Zsuzsanna Gahse der Künstlerin. Dabei beschreibt die Schriftstellerin, was sie sieht und was ihr beim Sehen passiert: „Ein einziger Blick genügt (...), und schon springen reihenweise Erinnerungen herbei, oder nicht Erinnerungen, sondern Abbildungen eigener Ideen.“ Zu sehen seien beispielsweise „die klaren, lieben, teuren Hasenköpfe (...). Hasenphilosophen.“ Echte Philosophen seien beinahe Halbgötter, sinniert Zsuzsanna Gahse, „wobei Hasen gar nicht die Möglichkeit haben, unecht zu sein, und das ist geradewegs erschütternd.“
***
Judit Villiger. Buchpräsentation "Erfunden und erlogen. Made and made up“, Dienstag, 19. November, 19 Uhr, im Kunstmuseum Thurgau. Das künstlerische Werk von Judit Villiger wird an diesem Abend aus zwei unterschiedlichen Perspektiven interpretiert und reflektiert. Die Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse liest Texte, welche die humorvoll-poetische Kunst unterstreichen und Stefanie Hoch geht dem Geheimnisvollen aus kunsthistorischer Sicht nach.

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