von Barbara Camenzind, 26.06.2017
Ein Wald voller Geschichten

Was ist schöner, als wenn einer Märchen erzählt? Wenn dies ganz viele tun. Im Romanshorner Wald schlug am vergangenen Wochenende das schweizweit bekannte Märchen- und Geschichtenfestival Klapperlappapp seine Zelte auf - und lockte über 800 begeisterte Zuhörer auf die verwunschenen Pfade zu Frau Holle und Co. thurgaukultur.ch kletterte am Samstag durchs Gehölz zu einem Augenschein.
Märchenfans müssen auch einen guten Orientierungssinn haben. Wer die Tücken des Navigationsgeräts überwunden hatte und glücklich den Schiessstand oberhalb der Hafenstadt erreichte, sah sich am Samstag mit der Tatsache konfrontiert, dass er - ähnlich wie das Rotkäppchen - die vier im Unterholz versteckten Spielorte „Drachenwald", "Zwergenwald", "Feenwald" und „Hexenwald" erstmal finden musste. Karten lesen kann ähnlich vertrackt sein, wie das Rätsel der Kalifentochter in „Ali Baba und die 40 Räuber". Wie gut, gab es am Samstag Jürg Steigmeier mit seinem währschaften Muotathaler Büchel. Wie ein Signalrufer lockte er mit dieser kleinen Schwester des Alphorns seine Kundschaft zum Erzählerzelt. Wie wohl tat es, nach den brüllend heissen Tagen im lauschigen Buchengehölz zu flanieren, wunderbar begleitet von Amsel, Drossel, Fink und Star. Die ganze Vogelschar inspirierte den Zurzacher Geschichtenspezialisten gleich zur ersten Moritat: Er gab eine feinziselierte Story über einen weisen Vogel, der ein Mädchen einen Ring finden liess, zum Besten, mit dem sie einen Mann, notabene einen Königssohn aus einem Baum zaubern konnte. Die Moral von der Geschichte: Wenn ein Mann alleine im Wald herumsteht, ist es meistens ein Prinz. Zumindest im Märchen Jürg Steigmeiers.
Brauchtum und Ursprünglichkeit
Der Erzähler fand sofort den Draht zu den Kindern - und zauberte den Erwachsenen ein Lächeln auf die Lippen. In die Graubündner Variante von „Tischlein-deck-dich" flocht er immer wieder feinsinnigen Schalk und fesselte das kleine Publikum durch den präzisen Sprachrhythmus und die typischen Wiederholungen. Allerdings fehlte zum Schluss der „Knüppel aus dem Sack". Steigmeier meinte dazu: Wenn er dieses Märchen jeweils in Deutschland erzähle, wo man sich an den Gebrüdern Grimm orientiere, müsse er hinzufügen, dass der Knüppel in der Schweiz eben nicht erscheine, weil wir hier früher wieder Frieden schlössen. Sein Wort in Gottes Ohr.
Jürg Steigmeier ist der wohl dienstälteste Kindergärtner der Schweiz, seine Geschichten erzählt er allerdings meistens für Erwachsene. Er findet sie im Brauchtum, den Älplersagen und in der Begegnung mit den Menschen. Märchen erzähle er im Kindergarten nur etwa fünf, er halte grad die Grimm'schen Märchen vielfach für zu kompliziert, sagte er nach der Vorstellung. Der Büchel, die Drehorgel, und eine kleine Zwitschermaschine: Mehr brauchte der Purist unter den Darbietern an diesem Samstag nicht, um mit ihm ins Märchenland reisen. Berührt verliess man das von Jungfröschen umhüpfte Zelt.
Begeistertes Publikum unter dem Blätterdach. Bild: Barbara Camenzind
Neben dem Bach unter dem Blätterdach sorgte das Minitheater Hannibal für Furore. Das Ehepaar Andrea und Adrian Schulthess agierten als Duo Infernal zwischen Häschen, Pilzen und einer riesigen Wassermelone. Sie im Fifties-Hausfrauen-Look als Erzählerin liess ihren Göttergatten bald als verwöhnte Prinzessin, dann als reichlich vertrottelten Wolf auftreten, mit atemberaubenden Wechseln zwischen Dialekten und Stimmungen. Das Lachen der Zusehenden plätscherte durch die Blätter - so witzig und rasant „galoppierten" König Drosselbart und der Wolf mit den sieben Geisslein durch den Romanshorner Forst. Hannibal setzte ganz auf Comedy - und blieb trotzdem erstaunlich werktreu. Die Thurgauerin Manuela Baumann gab an diesem Samstag ein Heimspiel. Ihre poetische Kraft und magische Ausstrahlung sprach alle Sinne an. Klapperlapapp-Gründer und Tour-Organisator Michael Furler von Furler Productions war sehr zufrieden mit dem Wochenende. Es bleibt zu hoffen, dass dieses märchenhafte Festival nächstes Jahr wieder den Thurgauer Wald und viele Gäste verzaubert.
Witzige Märchentante und schräge Prinzessin: Minitheater Hannibal beim Märchen- und Geschichtenfestival im Romanshorner Wald. Bild: Barbara Camenzind

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