von Brigitta Hochuli, 13.03.2016
"Ein gutes Notizbuch ist ein..."

Brigitta Hochuli
Omama steht vorübergehend wieder in Lohn und Brot. Nun hat sie es mit diversen interaktiven kalendarischen Tools zu tun. Obwohl nützlich, steht sie mit ihnen teilweise auf Kriegsfuss. Wohl etwas rückständig, wenn sie denkt, dass es manchmal von Hand oder per E-Mail schneller ginge.
„Alles noch analog“
Da kommt eine Bemerkung der Thurgauer Radio- und Fernsehfrau Mona Vetsch (@ mona_vetsch) gerade recht. „Ein gutes Notizbuch ist gutes Notizbuch. Auch Heute. Gerade heute“, schreibt sie auf Twitter. Gerichtet ist ihr Tweet an Peter Schnyder, den Kollegen bei SRF Sport, am 11. März unterwegs zu einer Sitzung. „Kein leichter Tag nach dem Play-off-Aus gestern für einen mit öffentlich zur Schau getragenem ZSC-Notizbuch, darum hat es mir doppelt gefallen“, erklärt Mona Vetsch auf Anfrage. Sie selber bewältigt die Alltagsorganisation ebenfalls auf Papier. „Alles noch analog. Agenda-Buch und Notizbücher. Ich will umblättern können und richtig schreiben, krabeln, zeichnen, durchstreichen, Zettel reinlegen, Sätze notieren. Ich behalte alle Agenden auf, warum, weiss ich auch nicht. Notizbuch: immer dabei, gerade auf Reisen. Ich habe schon eine riesige Sammlung davon.“
Nun hat Omama, die ihre privaten Agenda theoretisch auf den Kühlschrank kleben könnte, die Neugier gepackt. Sie machte eine Umfrage.
„Nur, wenn der Hinterkopf zu platzen droht“
Markus Schär, der Weinfelder Buchautor („O Thurgau“) und Weltwoche-Journalist, bezeichnet sich organisationstechnisch als Chaoten. „Ich führe meine Termine rudimentär auf der iPad-Agenda und mache mir nur Notizen zu Pflichten und Lesefrüchten, wenn der Hinterkopf zu platzen droht. Und vieles kann ich mir jetzt auch dank Twitter merken und markieren. Ich sagte immer, man studiere Geschichte, um zu wissen, was man wegwerfen könne, weil man es irgendwo findet.“
Markus Schär arbeitet also „meist mit dem Gedächtnis, gestützt durch Google und SMD“. Sonst staple er Papier, thematisch geordnet; bei einem grösseren Artikel schaue er dann die Stapel durch. Aber es komme oft vor, dass er Artikel mehrmals ausdrucke. „Ich brauche immer noch Papier! -, weil es schneller geht, als sie zu suchen.“
Laptop, Notizbuch, Kalender-App
Die Slampoetin, Filmstudentin und Thurgauer Kulturpreisträgerin Lara Stoll ist multifunktional bestückt: „Bei mir läuft das so: Wenn ich meinen Laptop nicht dabei habe, dann pack ich mein Notizbuch ein, wenn ich mein Notizbuch nicht dabei habe, hält das Handy her. Im Notizbuch findet sich allerlei drin, Festgehaltenes aus dem Filmgeschichts-Unterricht, Songtexte, ein gescheiterter Versuch, den afrikanischen Kontinent zu zeichnen, viele Dreiecke und Kreise, Filmideen, Requisitenlisten, wenige Termine. Dafür hab ich eine Kalender-App, die ich mit meiner Agentur teile.“

Moleskine-Notiz Leopold Hubers
Wie Lara Stoll ist auch Leobold Huber Thurgauer Kulturpreisträger. Als Regisseur ist er auf vielen Bühnen daheim. „Ich schreibe meine Notizen in ein Moleskine und bin mittlerweile bei Nr. 58 angelangt.“ Sein letzter Eintrag nach einer Probe der „Ittingen Saga“ war: „Käfig (voller Narren). Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen."
Trotz Wolke noch nie ein Konzert verpasst
Der Pianist Benjamin Engeli reist von Kreuzlingen bis China auf der halben Welt zu Konzerten. „Bei mir schwirren Termine, Überlegungen zu künftigen Programmen und Notizen zu meinen Studenten irgendwo in einer Cloud zwischen Aarau und dem kalifornischen Cupertino herum.“ Auch schon vorgekommen sei, dass die Synchronisation zwischen seinen Geräten nicht so ganz funktioniert habe. Blöd, wenn dann plötzlich zwei Studenten auf einmal zur Stunde kämen oder eine Probe vergessen gehe. „Ein Konzert verpasst habe ich glücklicherweise aber noch nie.“
Rumpelkammer des Geistes
Alex Meszmer, Künstler und Kunstdozent, Initiator der Kulturhauptstadt Pfyn, weiss, was Künstler benutzen: „schon immer Skizzen, die gebunden als Buch einfach besser aufbewahrbar sind. Skizzen, Notizen, Scribbles, einzelne Wörter, Namen - man kann sie auch wild auf Blätter schreiben, oder auf post-its - in einem Buch gehen sie weniger schnell verloren, und sie geben einem das Gefühl von einer gewissen Ordnung.“ Skizzenbücher seien das geheime Gedächtnis hinter einer künstlerischen Arbeit; deswegen griffen Dozenten bei Aufnahmegesprächen immer sofort zu den Skizzenbüchern. „In diese kleinen Geheimnisträger lässt man das Publikum normalerweise nicht hineinschauen. Nach vielen Jahren vielleicht, wenn die Ideen verjährt, schon ein bisschen angegraut sind. Aber nur selten freiwillig.“
Die Geheimnisträger „sind eine ideale Denkhilfe - auch für Momente, wenn die Muse gerade nicht so intensiv küsst. Sie sind Erinnerungsstützen - was habe ich dann da einmal gedacht. Sie sind Überraschungsmomente - oh wow, da stecken ja noch eine ganze Reihe guter Ideen drin, die ich vergessen hatte.“ Ideen und Gedanken in einem Buch festzuhalten, habe eine grosse Intimität. Da kann ein Computer oder ein i-Pad mit einem Büchlein niemals mithalten. Diese Büchlein sind immer auch ein wenig die Rumpelkammer des eigenen Geistes, der Dachboden der gedachten Momente. „Ich trage immer eines bei mir. Herzeigen würde ich es nie!“
post-it!
Martha Monstein, die Chefin des Kulturamtes des Kantons Thurgau, umschreibt ihre Methode kurz und bündig: "Notizen verwalte ich in einem schwarzen Notizbuch und bei besonders grosser Dringlichkeit auf einem post-it Zettel, der oberhalb meiner Computertastatur hin geklebt wird. Termine verwalte ich ausschliesslich elektronisch und für meine Mitarbeiterinnen einsehbar."

Omama ist überwältigt vom Rücklauf ihrer Umfrage. Kürzlich hat sie dem Enkel ein Notizbuch mit eingestecktem Kugelschreiber gekauft. Wie Alex Meszmer zeigt aber auch sie dessen Inhalt nicht her. Der Zweijährige hat zudem andere Wege entdeckt, um sich mitzuteilen. Die Notizen auf Grossmutters Handy ergänzte er randvoll mit lustigen Bildchen. Sie machen sich gut neben deren sporadisch eingetragenen schwankenden Blutdruckwerten.

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