von Elke Reinauer, 14.10.2026
Ein Amriswiler sucht den Sound von Nashville

Zum 20-Jahr-Jubiläum hat der Amriswiler Schlagersänger Roger de Win seine EP in Nashville aufgenommen. Mit Country, Mundartpop und neuen Klangfarben will er sich von musikalischen Schubladen lösen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Seit 20 Jahren singt Roger de Win Schlager. Zum Jubiläum hat er seine neue EP «From Nashville to Amriswil» in Nashville aufgenommen. Am 18. September ist sie erschienen, und Roger nennt sie einen musikalischen Befreiungsschlag.
Befreit hat er sich «vom Korsett der Erwartungen», wie er sagt: «Im Musikgeschäft landest du zu rasch in Schubladen.» Ist ein Song zu rockig, läuft er nicht mehr im Schlagerradio. «Und die Rock-Sender? Die hören erst gar nicht rein, weil sie denken: ‹Ach, das ist doch der Schlagersänger.›» Dabei sei das Publikum längst weiter.
Live spielt er seit Jahren Country, Rock und Pop im Schlager-Set. Zum Jubiläum hielt er sich an Michael Endes «Unendliche Geschichte»: «Tu, was du willst. Also, was du wirklich willst, nicht das, was am einfachsten ist.»
Reinhören: So klingt das neue Album von Roger de Win
Staub von den Stiefeln
Radikal war der Neustart nicht, sagt er. Roger wollte vielmehr das Gefühl hinter sich lassen, «musikalisch nur noch auf Autopilot zu laufen». Oder, im Country-Jargon: «Der Re-Start war nötig, um den Staub von den Stiefeln zu klopfen und den Blick nach vorne zu richten.» Von der Musik lebt er nicht. In seiner Schaffenspause wollte er die alte Freude wiederfinden und stöberte im Archiv.
Dabei grub er alte Schätze aus. Die Wurzeln seines Nashville-Songs «Be Free» reichen in die 90er-Jahre zurück: Geschrieben hat er ihn auf den Klippen der Bretagne, während seiner Zeit am Lehrerseminar Kreuzlingen. «Für mich einer meiner stärksten Songs. Aber ins Radio wird er es wohl nie schaffen, ist halt kein Schlager.»
Ein Störgeräusch namens Mundart
Der Funke sprang bei einem Projekt mit dem Schweizer Gitarristen Dave Hasler, Bandmitglied bei Florian Fox. Er holte aus Rogers Songs ganz neue Klangfarben heraus. «Das Echo war so gut, dass ich mich fragte: Warum nicht gleich alles stilgerecht direkt in Nashville einspielen?» Bei den Hidden Creek Music Studios stiess Roger auf offene Ohren. Für die Amerikaner waren die schweizerdeutschen Texte ein echtes Abenteuer. «Einmal hielten sie mein raues Mundart-CH für ein Störgeräusch und haben das weggefiltert. Klang witzig!»
Ein Traum war Nashville für ihn nie. In dieser Stadt stand Elvis am Mikrofon, Johnny Cash gab legendäre Konzerte, Dolly Parton sang in den RCA-Studios «Jolene» ein. «Vor 20 Jahren hätte ich gesagt: Ich bin doch nicht grössenwahnsinnig und wandle auf diesen Spuren!» Heute wollte er hören, was Musiker in Nashville aus seinen Songs machen. «Es war eigentlich auch ein Experiment mit mir selbst: Haben meine Kompositionen wirklich die Kraft, in diesem Umfeld, bei diesen Musikern zu bestehen?»
Eingespielt hat er die EP mit Studioprofis: Kevin Grenier am Schlagzeug, Taylor Tuke an Piano und Gitarren, David Young an der Mundharmonika und Luis Espaillat am Kontrabass. Unvergesslich bleibt ihm der Moment, als «Be Free» angespielt wurde. Die Musiker hielten kurz inne und meinten nur: «Wow, man, that song has a very special vibe!» Für Roger war klar: «Wenn eingefleischte US-Musiker bei einem Schweizer Mundart-Projekt mit dem Kopf nicken, weisst du: Das passt also doch.» Herausgekommen ist ein «Retro-Mix aus Mundartpop, Schlagermelodien und authentisch-erdigem Country-Sound».
Country erzählt und Schlager tröstet
Am Country fasziniert ihn, «dass er absolut unbestechlich ist». Da verstecke sich nichts hinter fetten Synthesizern oder Effekten. «Country will erzählen, Schlager eher trösten.» Zwar singen beide Genres von Liebe, Heimat und Verlust, doch beim Country gehe es tiefer: «Während der Schlager den Schmerz oft weglächelt, brennt sich ein Verlust in der Countrymusik unheilbar in die Seele.»
Seine Fans reagierten unterschiedlich. Manche lassen sich mitreissen, andere mögen lieber das Bewährte. Schwieriger war es bei gewissen Veranstaltern: Einer wollte ihm einst verbieten, englische Songs auch nur anzuspielen. Eigentlich habe sich bei ihm aber gar nicht so viel verändert, sagt Roger. «Fürs Scheinwerferlicht habe ich nun, metaphorisch gesagt, einfach ein neues Paar Stiefel im Gepäck.»
Wurzeln und Flügel
Auf der Bühne steht er vorerst trotzdem nicht. Zuerst erscheinen weitere Auskopplungen, ein Weihnachtssong und ein Jubiläumsalbum mit 20 Schlagern aus 20 Jahren in frischem Gewand. «Erst, wenn das alles im Kasten ist, wird die Bühne wieder zum Thema.»
Und was hat Nashville mit Amriswil gemeinsam? «Gar nichts», sagt Roger. «Ausser für mich persönlich: Amriswil gab mir die Wurzeln, und Nashville verlieh mir die Flügel für diese EP.» Es sei die erste und wohl einzige Platte, auf der diese beiden Städte jemals in einem Atemzug genannt werden.
Mehr von der neuen EP

Von Elke Reinauer
Weitere Beiträge von Elke Reinauer
- Wenn Musik hilft, ins Leben zurückzufinden (14.10.2026)
- Phase Rot: Mundart-Rock mit Tiefgang (14.10.2026)
- Jazz, der in mystische Wälder führt (14.10.2026)
- Neue Musik für den Thurgauer Herbst (14.10.2026)
- bandXost: Die Bühne gehört dem Nachwuchs (28.09.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Musik
Kommt vor in diesen Interessen
- Vorschau
- Rock
- Schlager
Ähnliche Beiträge
Wenn Musik hilft, ins Leben zurückzufinden
Die Saxofonistin Nicole Johänntgen hat nach dem Verlust ihres Kindes durch die Musik zurück ins Leben gefunden. Mit ihrer Band Henry spielt sie in Weinfelden ein Benefizkonzert zugunsten des Vereins Stärnechind. mehr
Phase Rot: Mundart-Rock mit Tiefgang
Seit 19 Jahren macht die Ostschweizer Band Phase Rot Mundart-Rock. Mit ihrer neuen Single «Summerseel» verbindet sie einen leichtfüssigen Sound mit Fragen über das Leben und das Vergehen. mehr
Jazz, der in mystische Wälder führt
Der Thurgauer Saxofonist Orima Stark hat mit seiner Band Starkgroup das Debütalbum «Glades – And Other Mystical Places» veröffentlicht. Am 16. Oktober spielt das Quartett in Weinfelden. mehr

