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von János Stefan Buchwardt, 30.01.2013

Die ganze Stadt ein Zirkus

Die ganze Stadt ein Zirkus
Steckborn - bald wieder eine selbstbewusste Stadt mit starkem Teamgeist und Zukunftsvisionen? | © János Stefan Buchwardt

Steckborn, 26. Januar 1313 – ein Reichenauer Abt reist nach Florenz. Diethelm von Kastell trifft auf den römisch-deutschen Kaiser. 700 Jahre ist es her, dass Heinrich VII. Steckborn das Stadt- und Marktrecht zugesprochen hat. Im Jahr 2013 erfährt die runde Zahl besondere Heraushebung. Einheimischen und Gästen darf sie ein temperamentvolles Jubeljahr, dem illustren Seestädtchen bestenfalls eine nicht zu knappe Imagekorrektur bescheren.

Ob am Südufer des Untersees die Zeit für ein neues Selbstverständnis anbricht? Darüber lässt sich erst Anfang 2014 definitiv urteilen. Die scheffelweise ausgestreuten Negativmeldungen der letzten Jahre, die sich insbesondere um die neuste Geschichte des Turmhofs ranken, haben Steckborns Idylle und Charme aufgeweicht. Sie haben verminderte Ausstrahlung und Anziehungskraft auf dem Gewissen. Trotz aller Erstickungstendenzen ist aktuell ein diensteifriges Organisationskomitee am Ruder, das die 700-Jahr-Feier noch so gern zum Anlass nimmt, das Renommee der Ortschaft mit den kupfernen Spitztürmen gehörig aufzupolieren. Ein Gelingen ist wünschenswert und nicht unrealistisch.

Winterstimulanzien

700 Jahre Stadtgeschichte geben also Anstoss zu unzähligen Veranstaltungen. Steckborn blickt über zwölf Monate Vertrauen erweckend nach vorn, zurück und fokussiert den Status quo. Eine fotografisch feist unterlegte Website unter dem Titel «Steckborn findet Stadt» führt mustergültig durch den Reigen anstehender Angebote. Die informative Site www.steckborn700.ch widerspiegelt den reichen Aktionsplan, der vor Sattelfestigkeit nur so strotzt. Viele sind beteiligt: Vereine, städtische Institutionen, engagierte Einzelpersonen. Konrad Füllemann etwa, einer der Macher, wünscht sich ein Jubiläum, das bleibende Erinnerungen und eine selbstbewusste Stadt mit starkem Teamgeist und Zukunftsvisionen zurücklassen wird.

Erster Kristallisationspunkt ist die eigens installierte Kunsteisbahn auf dem Seeschulhausplatz. Draussen, bei Schlittschuhlauf und Käsetoast, Eishockey und alkoholfreiem Punsch, tollen auf wenigen stimmungsvollen Quadratmetern Heranwachsende und Erwachsene munter umher. Dieses frühe Eventbündel mag stellvertretend dafür stehen, dass sich die Aktionen des Ehrenjahrs zwischen feuchtfröhlichem Bratwurstgelage und rauschendem Fest einpegeln werden. Beides darf sein. Drinnen ist unterdessen ein auf übergrosse Teilnahme gestossener Vortragszyklus der Volkshochschule Steckborn zu Ende gegangen, der sich zum Ziel gesetzt hatte, das Umfeld der damaligen Stadtwerdung professionell auszuleuchten.

Sonnige Höhepunkte

Sobald die eisigen sechs Wochen enden - in einer Urknallzeremonie ist die Proklamation des Marktrechts und die Übergabe der entsprechenden Stadturkunde längst nachgestellt worden -, bekommt das Festjahr einen auserlesenen Anstrich verpasst. Ein Kulturbouquet sieht musikalische Frühjahrs- und Herbstveranstaltungen vor: der Kinderliedermacher Andrew Bond, F-Dur Romance, D-Dur Messe, ein Magnificat, alles im März. Die heimische Künstlergarde wird Ende April einen Weg zu offenen Ateliers, Galerien und Werkstätten installieren. Abschlusskonzert im November, bestritten vom Orchester Steckborn und dem Lehrer-Jazzorchester der Musikschule Untersee.

Film- und Fotowettbewerb, Lesungen, Schulfest im Juli, «Barocco» - ein modernes Tanzmärchen im Phönix-Theater, Sport und Fun im Feldbach, «Lord of the Ramp» - eine in den See gebaute Schanze für Wagemutige auf Skatebords, Rollschuhen oder Velos. Scaterbowl, Rock, Bodysoccer, Pop, eine Präsentation der hiesigen Sportvereine. Wenn und wen das nicht mitreisst! Nicht zu vergessen die eigentliche Ankerveranstaltung, das drei Tage währende Stadtfest mit Leistungsschau und Mittelaltermarkt. Sommernachtsfest, Yvonne Eschers 700 Steckborner Köpfe. Stadtbekannte Namen wie Kurt Krucker, Hans Stoller, John Dierauer, Albert Gräflein und viele andere übernehmen bestmöglich Planungs- und Koordinationsfunktionen.

Stärkung des Wir-Gefühls

Die Zeichen stehen gut, dass die ehemalige Bezirkshauptstadt ein für ihre Begriffe glänzendes Festjahr erleben wird. Werden Einheimische neue Zugehörigkeitsgefühle entwickeln? Die Empfindung dafür schärfen, ihr Gemeinwesen sei eine der verlockendsten Thurgauer Gemeinden? Der amtierende Stadtammann Roger Forrer rechnet mit einem Zusammenrücken der Bevölkerung. Auch wenn er sich über die erwartete positive Werbung ein Verstummen der in der Vergangenheit laut gewordenen Negativschlagzeilen erhofft, wird, so fragen wir, die verspielte Stadtsilhouette nicht auch in Zukunft Widerborstigkeit bergen? Sein von Herzen gemeintes persönliches Bekenntnis, Steckborn sei einer der schönsten Orte auf dieser Welt, kann ihm niemand nehmen.

Eine besondere Lage am See ist noch kein Garant für Fortschrittsdenken. Zweifelsohne, bei genauerem Hinsehen sind manche Winkel und Charakterzüge weniger malerisch, als es die Klischees vermitteln. Die Einwohnerschaft des Fleckens wird wissen, dass die Erlebniswelt einer Stadt mit vorübergehendem Fahnenschmuck nicht gesichert werden kann. Exkurs: Dass ein runder Tisch das Nutzungs- und Baukonzept für das Steckborner Wahrzeichen nach unerträglichem Hickhack überdacht hat und nun im Jubeljahr eine moderate Gangart einschlägt, darf als Merkmal der Entspannung und Genugtuung gewertet werden. Wer aber wollte nicht zumindest dem Pioniergeist hinter den jetzt in Frage gestellten ehrgeizigen Plänen für ein Kulturzentrum mitten in der Stadt gebührend Achtung zollen!

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