von Maria Schorpp, 10.02.2017
Der Mann spricht für sich

Wir sind mediengeil, die Medien sind geil auf uns. Sie wollen unsere Aufmerksamkeit, die wollen wir auch. Welche Blüten das alles treibt, davon handelt Michael Elseners Programm „Mediengeil", das das KIK-Festival im Kreuzlinger Dreispitz eröffnet hat.
Von Maria Schorpp
Naja, von nichts kommt nichts. Wer nicht selber ziemlich scharf darauf ist, kann es auch nicht so zielsicher aufs Korn nehmen. Und Michael Elsener lässt keinen Zweifel, dass er das Objekt seiner zwiespältigen Begierde fest im Blick hat. „Mediengeil" ist er, und so heisst auch sein Programm, das dem Publikum um die Ohren fliegt. Beim KIK-Festivalauftakt im Kreuzlinger Dreispitz kannte er keine Schonung. Mediengeil sind wir ja alle – mehr oder weniger.
Überrascht war der Zuger Kabarettist aber dann doch, als sich auf Nachfrage mehr Leute als erwartet als Facebook- und Twitter-Schwänzer outeten. Mag sein, es liegt daran, dass der 30-Jährige erstaunlich viele Menschen in der gehobenen Altersklasse anlockte. Und überzeugt wieder nach Hause gehen ließ. Es ist wieder KIK-Zeit in Kreuzlingen, und alle gehen hin.
Michael Elsener ist ein Sprachartist, der sich den Schweizer Mundarten entlang hangelt, hier sich einen Zweig schnappt, dort einen Sprung wagt und am Ende sicher auf dem Boden der Tatsachen landet. Wie er sein Programm einleitet, zeigt, wie nah dran er am Mediengetöse ist und wie scharf dabei doch sein Blick geblieben oder vielleicht erst geworden ist. In diesem Stakkato aus Moderatorenaufschrei zeigt er alles, was er kann, nämlich spielen, parodieren und sezieren. Kleiner Witz am Rande: Wie erklärt der SBB-Chef die Fahrpreiserhöhung bei gleichzeitiger Verspätung der Züge? Die Fahrgäste verbringen durch die Bummelbahn schliesslich mehr Zeit im Zug. Logisch. Dieser SBB-Chef ist fiktiv. Oder?
Richtig böse ist Elsener nicht, niemand wird hier vorgeführt
Michael Elsener jongliert mit Wirklichkeit und Fiktion, mit den Erwartungen des Publikums und dessen Bereitschaft, sich etwas vormachen zu lassen. Weil er aber nicht richtig böse ist, lässt er es nicht auflaufen. Wenn er sich vorne in der ersten Reihe den einen oder die andere aus dem Publikum herauspickt, können die sicher sein, dass sie nicht vorgeführt werden. Erwin und Hans und die Heilpädagogin dürfen – und wollen irgendwann wohl auch – von sich erzählen. Und schon haben sie sich mit der Öffentlichkeit angefreundet, merken möglicherweise, dass es durchaus etwas hat, die ganze Aufmerksamkeit im Saal auf sich zu ziehen.
Auch in seinen Karikaturen bleibt Michael Elsener Kabarettist mit Anstand. Wenn es dann trotzdem mal ans Limit geht, muss einfach gesagt werden: Es ist halt so. Beim Schweizer Bundesrat Johann Schneider-Ammann muss offenbar gar nicht so viel Parodie zum Einsatz kommen. Der Mann spricht für sich, und die Leute kringeln sich vor Spass. So ist auch die Figur des Schweizers mit bosnischem Migrationshintergrund angelegt. Wenn der Kabarettist sein buntes Sportjäckchen und sein Käppi anzieht beziehungsweise aufsetzt, dann wäre in der Welt der political correctness eigentlich Alarm angesagt. Oder es wäre zu befürchten, jetzt kommt Comedy-Hardcore zum Einsatz. Stattdessen darf „Bostic Besic" – einerseits bereits Schweizer Staatsbürger, andererseits noch mit dem staunenden Blick von aussen – in aller Harmlosigkeit die Schweizer Armee durch den Kakao ziehen. Aufgabenbeschreibung fürs Militär: Warten, bis der Krieg vorbei ist.
Die Gesellschaft giert heute nach öffentlicher Aufmerksamkeit
Aber zurück zum Medienärgern. Das dritte Abendprogramm des Prix Walo-Preisträgers nimmt sich nicht nur der Frage an, warum wir eigentlich mediengeil sind, sondern darüber hinaus dem allgemeinen Drang unserer Gesellschaft nach öffentlicher Aufmerksamkeit an. Denn ohne passende Zielgruppe kein Facebook, kein Twitter, ja nicht einmal der Coach, der vom Bühnenrand aus sein Publikum für den knallharten Aufmerksamkeitskapitalismus fit macht: Ich bin der einzige Gott. Nur mit dieser oder ähnlichen Überzeugungen lassen sich Menschen begreifen, die tagtäglich die Medien mit ihrer Person bespielen. Selbstdarstellung ist zum Muss geworden.
Besonders gut an beim Publikum kam im Dreispitz der Alte, der sich mit dem Stuhl rollatorgleich über die Bühne schiebt. Die ehrwürdige Weisheit, dass Alter nicht vor Torheit schützt, bekommt hier einen aktuellen Anstrich. Auch Pflegeheimbewohner sind längst von der Aufmerksamkeitsindustrie eingefangen worden. Zwar klappert alles, aber die Ü80-Party ist schon noch drin, mit allem, was dazu gehört. Alt und würdig war gestern, heute ist Party bis zum Sprung in die Grube – oder wie der Rock'n'Roller von der Bühne aus direkt ins Publikum. Mit denselben Folgen. Wer glaubt, so etwas kommt nicht von Ungefähr, der könnte Recht haben.
Zerlegt wird am Schluss auch noch der Medienriese Ringier
Michael Elsener nimmt sich für eine Erklärung einen der Grössten vor: den Konzern Ringier. Dabei erweist sich der Kabarettist als durchaus durchtriebene Ausgabe seiner Zunft. Scheinbar spielerisch macht er das Publikum mit den krakenhaften Aktivitäten des Medienriesen vertraut. Und demonstriert gleichzeitig, was aus uns geworden ist: manipulierbare Masse, die die Stichworte, die der da vorne aufgreift ohne nachzudenken wiederkäut. Im Ernstfall bis zum Sanktnimmerleinstag – wenn nicht ab und an einer wie Michael Elsener vorbeikäme und uns dieses Störgefühl bereiten würde. Das ist nett vom ihm, und lustig ist er auch, aber: Von nichts kommt nichts.
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Mehr zum weiteren Programm des KiK-Festivals gibt es hier
Zum Interview mit Michael Elsener geht es hier lang
Einblick in das Programm "Mediengeil" von Michael Elsener

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