von Inka Grabowsky, 18.01.2016
Poesie der Gesten

Die Südwestdeutsche Philharmonie spielte im Kreuzlinger Dreispitz die Filmmusik zum Klassiker von Charlie Chaplin und sorgte für ein generationenübergreifendes Kino-Erlebnis.
85 Jahre alt sind die Gags, und die Menschen lachen noch immer. Sie leiden mit Charlie Chaplins „Tramp“, als er im Boxring niedergeschlagen wird. Sie freuen sich mit ihm, als die Geliebte das Augenlicht wiedererlangt. Chaplin wusste genau, wie man das Publikum bezaubert. Musik spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wenn die Geigen seufzen, seufzen auch wir. Im Kreuzlinger Dreispitz spielte die Südwestdeutsche Philharmonie die Filmmusik unter der Leitung von Dirigent Kevin Griffiths live zum Film und begeisterte das Publikum.

Das Publikum lauscht gebannt. Sogar die Stehplätze waren ausverkauft. (Bilder: Inka Gabowsky)
Charlie Chaplin erstmals als Komponist
Bei "City Lights" zeigt sich Chaplin als Universalgenie – er agierte als Schauspieler und Pantomime vor der Kamera, führte die Regie, schrieb das Drehbuch, war sein eigener Produzent, schnitt den Film selbst und komponierte die Filmmusik. Dabei war Chaplin nicht wirklich gelernter Musiker. Er soll noch nicht mal Noten gekannt haben. Aber er erkannte, welche Melodie zu welcher Szene passt und welcher Rhythmus die Handlung vorantreibt, ironisiert oder akzentuiert. Also spielte er sie einem Musiker vor, der sie für ihn aufschrieb und arrangierte. Für seinen ersten eigenen Soundtrack bediente sich ungeniert in den Genres Oper, Jazz oder Tanzmusik. Dem Konstanzer Orchester gibt das heute die Gelegenheit zu zeigen, wie anpassungsfähig es ist und mit welcher Präzision es spielt.
Perfektion im Film und auf der Bühne
Die Geschichte, die Chaplin erzählt, ist nicht wirklich neu. Und natürlich ist man über die Missgeschicke des Tramps auch nicht verwundert. Man sieht die Fettnäpfchen ja lange, bevor der Tramp in sie hineintappt, aber darum geht es ist "City Lights" auch gar nicht. Es geht um die Poesie, die keine Worte braucht, nur Gesten. Chaplin hat das erkannt. Es war mutig von ihm, nach dem Ende der Stummfilm-Ära noch einen Film ohne gesprochene Sprache zu drehen. Der modernen Technik bediente er sich trotzdem. „City Lights“ hatte eine Tonspur, so dass die Menschen in allen Kinos die gleiche passende Musik hören konnten.

Entspannte Atmosphäre im vollbesetzten Dreispitz.
Der Perfektionist Chaplin wollte sich nicht länger auf die Künste von lokalen Musikern verlassen, die einen Film während der Vorführung live vertonten. Ein zuverlässiges Orchester wie die Südwestdeutsche Philharmonie stand ja nicht immer zur Verfügung. Der Film eroberte die Welt im Sturm. Noch heute ist „City Lights“ offenkundig Garant für ein volles Haus. Im Kreuzlinger Dreispitz waren sogar die Stehplätze ausverkauft.

Dirigent Kevin Griffiths bedankt sich für den wohlverdienten Applaus.
Das nächste Kino-Erlebnis mit Live-Musik bietet – in kleinerem Rahmen – das Kreuzlinger Theater an der Grenze am 10. April. Das Wanderkino zeigt an „Nosferatu“ als „Symphonie des Grauens“ mit Musik von Claudia Lindt und Caspar Fries.

Von Inka Grabowsky
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