von Brigitta Hochuli, 27.02.2013
Cervantes, vielgründig und modern

Die „Vielgründigkeit“ des „Don Quijote“ bedeutet für die Autorin Zsuzsanna Gahse den Anfang der Moderne. Am 7. März berichtet sie zusammen mit Annette Hug im Bodman-Haus in Gottlieben vom grossen Roman des Spaniers.
Interview: Brigitta Hochuli
Frau Gahse, nehmen wir das Kapitel 17 des ersten Buches von „Don Quijote“. Hier wird Sancho zur Strafe für die Zechprellerei seines Herrn auf ein Tuch gelegt und damit solange in die Höhe geworfen, bis sich bei den Werfern ob ihres Werks Müdigkeit einstellt. Davon werden Sie voraussichtlich im Bodman-Haus berichten - was gefällt Ihnen so besonders an dieser Szene?
Zsuzsanna Gahse: Mir gefällt das klare Bild, das Cervantes anhand der Sprache zeichnet. Diese Szene mit dem hoch fliegenden und ächzend landenden Sancho wird sich jeder deutlich vorstellen können, gut vorstellbar sind auch die hämisch lachenden Übeltäter. Und deutlich sichtbar ist Don Quijote, der hinzukommt und den Vorgang grimmig beobachtet, aber nicht eingreift. Bei dieser Situation kann man die Kühnheit des sogenannt edlen Ritters erkennen.
In der Diogenes-Ausgabe hat der Roman gut 1000 Seiten. Die Schilderungen der Abenteuer von Don Quijote und Sancho Pansa sind manchmal irrwitzig, manchmal langweilen sie aber auch. Was macht für Sie als Autorin den Reiz dieser Geschichten aus?
Zsuzsanna Gahse: Ich will nicht behaupten, dass bei diesen 1000 Seiten jede einzelne Seite gleich spannend, besser gesagt gleich interessant wäre. Aber ich habe jede Seite gerne gelesen, übrigens mehrfach, und das liegt beispielsweise an den unterschiedlichen Erzählweisen von Cervantes und damit an den unterschiedlichen Spannungen. Oft stehen Bilder im Vordergrund, wie bei der Szene mit dem gewippten Sancho, und als ich den Don Quijote zum zweiten Mal gelesen habe, war ich einfach nur auf der Suche nach solchen Bildern und fand sehr viele. Es ist ja kein Zufall, dass die Bildenden Künstler – zum Beispiel Goya oder Picasso – sich herausgefordert sahen, solche Situationen zu zeichnen, zu malen.
Und der Witz neben den Bildern?
Zsuzsanna Gahse: Neben den Bildern geht es Cervantes um Dialoge. Herrliche Dialoge, die mal durch die einzelnen Sätze glänzen, durch die Logik der Fragen und Antworten, mal sind die Sätze einfach witzig. Berühmt ist das Buch ja unter anderem durch die Sprichwörter, die Sancho am laufenden Band einfallen, über die sich der Don auf heftigste Weise ärgert, die er, Quijote, aber mehr und mehr nachahmt. Zudem beschreiben die Dialog-Passagen die damalige und teils sogar die heutige Gesellschaft. Die Übersetzerin Susanne Lange – von ihr stammt die neueste deutsche Version – sagte in einem Interview, dass die Dialoge das Wichtigste am Ritterbuch seien. Das finde ich nicht. Die Bilder sind mindestens so wichtig. Oder die klare Darstellung einzelner Personen. Aber auch die Dialoge sind überaus wichtig. Diese Mischung aus verschiedenen Erzählweisen ist hervorragend. Sie ist lebensnahe, realitätsnah. Wirklichkeitsnah, obwohl oder gerade weil Cervantes oft flunkert. Er meint oft genau das Gegenteil von dem, was er zu sagen scheint.
Der ironische Heinrich Heine schrieb 1837, als Kind habe er die grossen Abenteuer des kühnen Ritters für baren Ernst genommen und bittere Tränen vergossen, wenn dieser „für all seinen Edelmut nur Undank und Prügel genoss“. Ist es diese Diskrepanz zwischen Bewunderungssehnsucht und Lächerlichkeit, die uns heute noch so fasziniert an dem Ritter von der traurigen Gestalt?
Zsuzsanna Gahse: Heine sagt das gut. Auch ich hatte dem Ritter zunächst mein ganzes Herz geschenkt, wobei ich bei der ersten Lektüre zwar jung, aber kein Kind mehr war. Inzwischen sehe ich den Don in einer köstlich dargestellten Parodie.
Cervantes habe die grösste Satire gegen die menschliche Begeisterung geschrieben, meint Heine. Zugleich sei er - im Jahr 1605! - der Begründer des modernen Romans. Sehen Sie das auch so?
Zsuzsanna Gahse: Cervantes hat den Don Quijote gegen die Unzahl von Ritterromanen geschrieben, unter anderem gegen sie. Aber, wie schon angedeutet, auch aus anderen Gründen. Die „Vielgründigkeit“ dieses grossen Buches bedeutet für mich den Anfang der Moderne. Übrigens hat Heine die Flut von den heutigen Romanen nicht erlebt. Die dicken Schmöker, die sich Romane nennen. Für mich sind viele heutige Romane nicht besser, als die Rittergeschichten, die Cervantes damals zu überwinden wusste. Und etwas zu überwinden ist unbedingt etwas Modernes. Das wäre es auch heute.
Formal ist der „Don Quijote“ eine Reisebeschreibung. Auch Ihre Bücher, Frau Gahse, sind zum Teil eine Art Reisebücher. Was macht eigentlich den Reiz dieser Form aus, die ja ansonsten heute fast gänzlich verschwunden ist?
Zsuzsanna Gahse: Heute halten wir die Gattungen streng auseinander. Es gibt Reisebücher, sogenannte Fachbücher für Reisende, Kochbücher, Gedichte, Romane. Es scheint, als gäbe es keine andere Möglichkeit – jedenfalls von den Gattungen her. Cervantes´ Don Quijote ist meist unterwegs. Meine Figuren sind ebenfalls oft unterwegs. Er wollte den fahrenden Ritter ad absurdum führen, ich will die heutige Unruhe und die Gründe dafür hervorheben.
„Don Quijote“ ist auch ein Buch der Sprache. Hier prallen die Gebildetheit des Ritters und die Derbheit des Dieners knallhart aufeinander. „Der Erstere, wenn er redet, scheint immer auf seinem hohen Pferde zu sitzen, der Andere spricht, als sässe er auf seinem niedrigen Esel“, schreibt Heine. Das wirft auch die Schwierigkeit der Übersetzung auf. Werden Sie und Ihre Lesepartnerin Annette Hug diese Frage berücksichtigen?
Zsuzsanna Gahse: Über die Sprache der beiden werden wir am Literaturabend im Bodman-Haus unbedingt reden. Meinerseits werde ich sicher nicht Heines Ansicht vertreten. Mir gefällt Sancho Pansa besonders gut, samt seiner einfallsreichen Sprache und seinen liebevollen Absichten.
Frau Gahse, verraten Sie uns zum Schluss Ihren Lieblingssatz aus dem Roman? Oder was ist für uns Heutige die Moral der Geschicht?
Zsuzsanna Gahse: Ich könnte zwanzig Seiten mit meinen Lieblingssätzen füllen. Und die herrliche Moral der Geschichte ist unter anderem, dass man die Ohren spitzen und die Augen offenhalten sollte, um Windmühlen nicht für Riesen zu halten, und um die wirklichen Feinde zu erkennen.
***
Literatur am Donnerstag mit Zsuzsanna Gahse und Annette Hug: Miguel de Cervantes Saavedra - Don Quijote: Bodman-Literaturhaus Gottlieben, Donnerstag 7. März, 20.00 Uhr

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