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von Inka Grabowsky, 09.10.2015

Das universelle Happy End

Das universelle Happy End
Durch die ausgeführten Rituale kommt wieder Ordnung ins Chaos bei "Doing things". | © zVg

Orientalischer Tanz ist nicht nur Bauchtanz in sexy Kostümen. Die Compagnie "Tanz Raum" zeigt im Theater an der Grenze die Ausdruckskraft und die Spiritualität, die dieser Kunstform zu eigen ist.

Inka Grabwosky

Rosenblätter liegen auf der steilen Treppe am Theater an der Grenze. Der Duft nach Weihrauch zieht durch den Bühnenraum. Qrientalische Musik empfängt die Zuschauer. Gelbes Licht lässt an die Abendsonne denken. Gut die Hälfte der normalerweise hundert Stühle ist durch flauschige Kissen ersetzt – kurz: die Atmosphäre des kleinen Theaters ist für die Tanzperformance „Doing Things“ völlig verändert. Rund eine Dreiviertel Stunde darf man in diese orientalische Welt eintauchen, dann hat die Zuschauer die Kreuzlinger Wirklichkeit wieder.

Caroline Chevats Finger tanzen über das Trommelfell (Bilder: Inka Grabowsky/zVg).

 

Der etwas andere Gottesdienst

Der Titel des Werks „Dinge tun“ ist eine wörtliche Übersetzung. So umschrieben die alten Ägypter die Rituale, die sie in Kontakt zu ihrer Götterwelt brachten. „Doing things“ ist die jüngste Produktion der Compagnie „Tanz Raum“, die die Wahl-Kreuzlingerin Claudia Heinle 1996 gegründet hat. Seit fast zehn Jahren ist Caroline Chevat (ebenfalls aus Kreuzlingen) Teil der Truppe. Aktuell stehen besonders ihre Talente als Perkussionistin im Vordergrund.

Claudia Heinle verkörpert die suchende Frau.

 

Die Klänge, die sie ihrer Rahmentrommel entlockt, sind vielfältig. Mal geheimnisvoll, mal klagend, mal treibend sorgt sie für den Hintergrund, vor dem das Verständnis des Stückes möglich wird. Zum ersten Mal dabei ist die Sängerin Johanne Staiquly aus Strassburg. Zwar dürfte sich der Wortlaut ihrer Lieder kaum jemandem erschliessen, die Stimmung überträgt sich jedoch einwandfrei.

Claudia Heinle, Caroline Chevat, Johanne Staiquly und Daniel Siedler erzählen mit den Mitteln des Tanzes, der Rhythmen, des Gesangs und der Lichtregie eine universelle Geschichte eines Happy Ends. Eine verzweifelte Frau (Heinle) ist auf der Suche. Sie hat vergessen, was sie verloren hat. Wie ein Derwisch tanzt sie sich in Trance und wird schliesslich ruhig. Eine zweite Frau (Staiquly) kommt ihr zur Hilfe. Gemeinsam rufen sie ihre Götter an. Durch die ausgeführten Rituale kommt wieder Ordnung ins Chaos, so dass schliesslich Tänzerin, Sängerin und Perkussionistin (Chevat) gemeinsam das Leben feiern können.

Ergreifender Gesang von Johanne Staiquly.

 

Viele der Gesten und Handlungen dürften so oder so ähnlich tatsächlich vor Tausenden von Jahren gebraucht worden sein. Claudia Heinle hat sich auf das Gebiet spezialisiert und schreibt gerade an einem Buch über „Tanz und Ritual im Alten Ägypten“.

Andächtige Atmosphäre

Die Zuschauer sind sich bei der Vorstellung offensichtlich bewusst, dass sie quasi einer heiligen Handlung bewohnen. Wie bei den Mysterien der christlichen Kirche müssen sie dabei die eigene Unwissenheit und bedeutungsvolle Pausen aushalten. Wie bei einem religiösen Konzert in der Kirche ist man am Ende unschlüssig, ob man wegen der grossen künstlerischen Leistung applaudieren soll oder ob man damit den magischen Moment zerstört. Bei der Premiere dauerte es ein paar Sekunden, bis sich das Publikum ein Herz fasste.

Chevat, Staiquly und Heinle nach der Vorstellung.

 

Infos

Die nächsten Vorstellungen:

9., 10. Oktober um 19 Uhr. Am 11. Oktober um 12 Uhr und 19 Uhr.

Karten für 25 Franken über Kreuzlingen Tourismus oder an der Abendkasse.

Lin zur Website: http://www.theaterandergrenze.ch/

 

 

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