von Brigitta Hochuli, 13.04.2011
Alfred Muggli bietet Hand

Mit Kriegsrhetorik kämpfen die Gegner des Steckborner Turmhof-Kulturzentrums gegen die Stiftung. Jetzt schreibt sie ihnen einen Brief. - Diplomatisch äussert sich der neu gewählte Stadtammann Roger Forrer zur heiklen Situation in seiner Stadt.
Brigitta Hochuli
Die Gegner des Neubauprojekts im Steckborner Turmhof-Areal legen ihre Argumente im Internet dar, sie haben zudem 267 Unterschriften gesammelt. 14 Einsprachen sind deponiert. Darunter auch vom Heimatschutz. Der Stadtrat hat sich am Montagabend mit dem Baugesuch der Stiftung Turmhof befasst - „dies jedoch nicht abschliessend“, wie Stadtammann Thomas Baumgartner auf Anfrage von thurgaukultur.ch betont. Rechtsfähige Beschlüsse lägen noch keine vor.
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Der Ton der Gegnerschaft ist scharf. Es ist von Korruption die Rede, von Bunker-Look: Kriegsrhetorik. Was sagt der Stiftungs-Co-Präsident Alfred Muggli dazu, Steckborner und ehemaliger Präsident der Evangelischen Kirchgemeinde?
„Schauen Sie sich zuerst das Wasserwerk an“, sagt er. Es stamme aus dem Jahr 1944. Im Hinweisinventar der Thurgauer Denkmalpflege ist es beschrieben als Zweckbau mit Heimatstil-Charakter und hohem Wert an einer der prominentesten Stellen im Ortsbild, bedeutend für die Seesilhouette. Im Innern stehen zwei kolossale Behälter, gefüllt mit Sand. So wurde einst das Wasser filtriert und gereinigt. Seit 50 Jahren ist die Anlage ausser Betrieb.
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Dieses Seewasserpumpenhaus ist der Stein des Anstosses. An seiner Stelle plant die Stiftung einen modernen Betonbau mit Bistro und Gemeinschaftsraum. Die Front zum See hin ist verglast, die Gesamtform des alten Gebäudes bleibt erhalten. „Ein Aquarium“, finden die Gegner.
Alfred Muggli bleibt ruhig. Er sei in der Sache entschlossen, obwohl ihn die heftige Opposition überrascht habe. Nein, man habe nicht zu wenig informiert. Dokumentiert ist die Öffentlichkeitsarbeit seit 2004 auf der Homepage der Stiftung. Zu Gratis-Bratwurst ist die Bevölkerung allerdings nie eingeladen worden. Ob das genützt hätte?
„Wir haben im Sommer Tapas gemacht. Es kamen 40 Gäste, auch Steckborner“, sagt Muggli. Jedes Jahr halte man zudem eine Versammlung mit den Gönnern ab. Aktuell sind es 110. Im neuen Stadtrat wird ab Juni noch eine Gönnerin sitzen. Der Rest von Steckborn habe sich bis jetzt noch nie um den Turmhof gekümmert.
Immerhin: Über den Verkauf des Turmhofs an die Stiftung hat die Kirchgemeindeversammlung im Jahr 2002 demokratisch abgestimmt. Der Verkauf von Kaufhaus, Remise und Pumpenhaus für 200‘000 Franken durch die Stadt passierte eine Urnenabstimmung.
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Die Einsprache des Thurgauer Heimatschutzes nimmt der Stiftungspräsident ernst. Der sei legitimiert. Im Visier sei das Flachdach des Bistros, vermutet Muggli. „Jo nu, denn mache mer halt es Dächli.“ Wenn die Bewilligungsbehörde zum Schluss komme, ein Flachdach entspreche nicht dem Reglement, dann gehe man nochmals über die Pläne.
Gegen das Steckborner Baureglement verstosse das gesamte Neubauprojekt, kritisiert der Heimatschutz. Von der Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege im Bundesamt für Kultur, die die Sanierung des Turmhofs mit einer Korrektur beim Liftbau abgesegnet habe, gebe es grünes Licht für den Neubau, erklärt Alfred Muggli. Da könne man ruhig etwas kreativ werden, habe Ivo Zemp gesagt. Ivo Zemp ist Leiter Gutachten und Beratung im Bundesamt sowie promovierter ETH-Architekt.
Die Denkmalpflege des Kantons Thurgau hat das Projekt bis zum Baugesuch beratend begleitet. Eine detaillierte Stellungnahme zuhanden der Steckborner Bewilligungsbehörde ist in Arbeit. Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege hingegen sei nicht zuständig, sagt Muggli. Sie lasse sich dann allenfalls zum Bau eines Stegs vernehmen. Aber der sei noch gar nicht Gegenstand des Baugesuchs. Dazu gebe es auf Wunsch des Kantons bisher nur ein Gutachten.
Das Projekt gehe weit über den ursprünglichen Stiftungszweck der Sanierung des Turmhofs hinaus, wird kritisiert. Daraus sei ein Immobilien- und Renditeobjekt geworden. Stimmt das? Laut Stiftungsurkunde müsse das Projekt selbsttragend sein, sagt Muggli. Die Einnahmen der Miete von sechs Wohnungen (davon drei im Turmhof), des Bistros mit Gemeinschaftsraum und des Mehrzweckbaus im Innenteil des Areals trügen dieser Forderung Rechnung.
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Alfred Muggli wirkt nachdenklich. Er habe das Gefühl, sich wie eine öffentlich-rechtliche Institution rechtfertigen zu müssen. „Dabei sind wir eine private Stiftung ohne solche Verpflichtungen.“ Und trotzdem: „Hätte ich geahnt, was sich da zusammenbraut, ich hätte sicher früher reagiert.“ Also keiner Fehler bewusst? Doch. Einer sei wohl die Personalunion von Stadtammann, Vormundschafts- und Stiftungspräsident im Fall der Gönnerin Doris Hertner gewesen. „Aber da will ich nicht urteilen.“
Der Steckborner Muggli kennt längst nicht alle der heutigen Gegner und von einigen hat er nicht einmal die Adresse. Den übrigen schickt er heute Donnerstag einen Brief mit Kopie an die Presse. Alfred Muggli bietet Hand. Er wolle, so sagt er, noch einmal alles erläutern.
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DREI FRAGEN...
... an den neu gewählten Steckborner Stadtammann Roger Forrer zu seinem künftigen Umgang mit der Zerstrittenheit in seiner Stadt.
Herr Forrer, wie stehen Sie zu den Plänen der laufenden Baueingabe? Gefällt Ihnen das Projekt?
Roger Forrer: Ich nehme die Pläne und das Vorhaben zur Kenntnis. Aus meiner Sicht muss hinter einem so grossen Projekt die betroffene Bevölkerung stehen, ansonsten wird es für die Realisation sowie das spätere Betreiben des Kulturzentrums schwierig. Ob das Projekt mir persönlich gefällt, ist sekundär.
Wie beurteilen Sie die verfahrene politisch-gesellschaftliche Situation und die gegenseitigen Beschuldigungen?
Roger Forrer: Ich nehme die Situation zur Kenntnis und mache mir Gedanken, wie ich ab dem 1. Juni dazu beitragen kann, dass sich die Situation entschärft.
Und wie wollen Sie als Stadtammann dannzumal den Knoten lösen?
Roger Forrer: Wir haben auf der einen Seite das Gesetz, welches einen Bau zulässt oder nicht und zudem bin ich nach wie vor der Meinung, dass man mit persönlichen Gesprächen und ehrlicher Aufklärungsarbeit viel erreichen und viele Unstimmigkeiten aufklären kann. (ho)

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