von arttv, 08.12.2020
Zwischen Peripherie und Zentrum

Zum Abschluss des diesjährigen Festivals gastiert «Tanzplan Ost» im Phönixtheater Steckborn. Arttv.ch gibt einen Vorgeschmack auf das Programm 2020. (Lesedauer: ca. 1 Minute)
Alle zwei Jahre zeigt TanzPlan Ost auf diversen Bühnen der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein einen Querschnitt durch die aktuellen Bewegungen des zeitgenössischen Tanzgeschehens und verknüpft relevante Themen mit Kulturpolitik. So beschäftigt sich die diesjährige Ausgabe mit dem Thema der Peripherie und rückt damit den Rand ins Zentrum des Geschehens.
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Die Beziehung zwischen Peripherie und Zentrum ist ein komplexes Spannungsfeld, geprägt durch ungleiche Machtverhältnisse. Oft konzentriert sich Macht bei einer Minderheit im Zentrum und macht die Mehrheit am Rand vergessen. Auch Tanzschaffende bekommen dies zu spüren. So verfügen grosse Zentren über ein Mehrfaches an Kulturbudgets im Vergleich zu den Randregionen. Die aktuellen Herausforderungen – sei es die Coronakrise, die Flüchtlingspolitik oder die Klimaerwärmung – führen vor Augen, dass marginalisierte Menschen in wichtige Entscheide nicht einbezogen werden.
Nach diesem Verständnis bezeichnet die Peripherie ein Ort der Unterdrückung und Machtlosigkeit. Die Autorin und Aktivistin Bell Hooks hingegen sieht die Peripherie als einen Ort radikaler Offenheit. Erst die Perspektive vom Rand aus ermöglicht uns, radikale Alternativen zu erdenken und uns neue Welten vorzustellen. So nährt der Rand unsere Fähigkeit zum Widerstand und stellt den scheinbaren Glanz des Zentrums in den Schatten.
Mit der Macht verbunden
Die TanzPlan Ost KünstlerInnen 2020 bewegen sich an diesem kreativen Rand. Sie schauen genau hin, exponieren sich mit ihrer Verletzlichkeit und geben denjenigen am Rande der Gesellschaft eine Stimme. Das diesjährige Programm besteht aus sechs Stücken, davon zwei Koproduktionen, welche sich auf unterschiedliche Art mit der Beziehung zwischen Rand und Zentrum und dem verbundenen Thema der Macht beschäftigen.
Affekte, Sehnsucht und Gier
Die Choreografin und Tänzerin Micha Stuhlmann ist eine etablierte Persönlichkeit der Thurgauer Kunstszene. Sie beweist Mut, indem sie gesellschaftliche Randthemen wie das Alter(n), Beeinträchtigungen im weitesten Sinn oder das Artensterben in unserer Gesellschaft ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. In «ich esse deinen schatten» beleuchtet Micha Stuhlmann gemeinsam mit dem Winterthurer Musiker Beat Keller die archaische Grundkonstitution des Menschen – einem von Affekten, Sehnsucht und Gier getriebenes Wesen. Es ist eine Art Genesiserzählung, ausdrucksstark durch ihre vieldeutige Tanzsprache, dargestellt auf einem schmalen Grat von überzeugender Sinnlichkeit, Wirklichkeit und Wahnsinn.

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