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von Barbara Camenzind, 24.05.2024

Wer sehen will, muss hören

Wer sehen will, muss hören
Dem Wal auf der Spur auf dem Untersee: Das NŒISE-Kollektiv plant seinen dritten Streich. | © Cornelia Giger

Die dritte Ausgabe der Neue-Musik-Reihe Noeise wagt den Sprung aufs Wasser. „See the Whale” greift dabei auf einen uralten Trick der Musik zurück. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Herrlich. Mit NŒISE’s Einladung zu den Walbeobachtungen im Untersee rattern wieder einmal  die Assoziationen. „Was ist denn Musik?“ fragt der „Componist“ gesungen von einer Mezzosopranistin in Richard Strauss’ Prolog zu „Ariadne auf Naxos“. Beim heiligen Brendan, dem Schutzpatron der Schiffsreisenden: Musik IST hörbar gemachte Assoziation. Und Léo Collins Kompositionskonzept, das ihn tief ins Herz der See stechen lässt, wird uns, das Publikum mitnehmen auf diese Assoziationsreise.

Wale sind faszinierende Lebewesen, die über riesige Distanzen miteinander ein Duett singen können. Das ist fast zum neidisch werden. Gleichzeitig haben sie als Säugetiere Stress unter Wasser, weil ihnen irgendwann der Atem ausgeht. Wie jede Sängerin weiss: Mit fast leeren Lungen klappt ein klingendes Legato tausendmal schöner, als vollgepumpt mit Luft. Oder „Stress-Release“ wie Léo Collin es für seine Musik formuliert.

Zum bewährten NŒISE-Team mit Initiant Christoph Luchsinger an den Trompeten,  Performance-Künstlerin und Tänzerin Naomi Schwarz, Leandro Gianini Tontechnik und Bildkunst, stossen Aleksander Gabrys, Kontrabass und Performance, Sebastian Hofmann, Perkussion und Performance, Nuriia Khasenova, Flöte und Performance, Kay Zhang, Saxophon und Performance, sowie Mariana Vieira Grünig, Kostüme, dazu. Das Projekt ist eine Co-Produktion mit dem Kollektiv International Totem, zu dem Komponist Collin gehört.

Die Kunst des Wartens

Um ein weiteres Segel des Assoziationschiffes zu setzen, oder vom Seemansgarn zu den Anglergeschichten zu kommen. Der Wal als künstlerisches Motiv, gar als spirituelles, zieht sich vom biblischen Jona, der Pinocchio-Geschichte zu Moby Dick, dem Literatur-Nobelpreisträger Halldor Laxness und dem Walfänger-Spielfilm „Im Herzen der See“. Der Wal bläst. Durch unsere Phantasie und unsere Musik.

Doch Léo Collin bemerkte beim Gespräch treffsicher: Herman Melvilles Saga um Käpt’n Ahab und den weissen Pottwal sei ehrlich gesagt pottlangweilig, weil fast das ganze Buch lang auf diesen Wal und den Showdown im Eismeer gewartet wird. Zwischen reichlich seltsamen philosophischen Ergüssen und eben, dem Warten.

 

Jagd mit langen Wartezeiten. Pottwal mit Walfängerschiff, gemalt von W. Turner, 1845 (Credit: Wikisource)

Die Ausbeutung der Umwelt

Das passt so gar nicht zu einer Gesellschaft, die erlebnisbesoffen sofort einen Wow-Effekt haben will und für Instagram den perfekten Fotomoment bucht. Take a picture, das Walvieh hat gefälligst seine Schwanzflosse zu heben. Anders als der Äscher im Alpstein, kann das Sujet sich aber total unsichtbar machen. Das weiss jeder, der mal auf Whalewatching vor Island war und Pech hatte.  

Auch das sei ein Thema der Performance auf dem Schiff im Untersee, erklärt NŒISE. Die visuelle Ausbeutung unserer Umwelt für unsere eigene Selbstinszenierung. Doch wie man NŒISE bislang kennt, wird auch dieser Aspekt und der des Wartens höchstwahrscheinlich nicht sonderlich langweilig sein. Mittels Bespielung der Schiffsräume der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein könnte Warten auf Wale eine ganz neue Erfahrung sein.

Die Qual des Wals, pardon, der Wahl

Eine Zeitgenössische Musikperformance auf einem Schiff auf dem Untersee an einem hoffentlich lauen Nachmittag am 1. oder 2. Juni: Allein schon die Idee macht neugierig. Die Qual der Wahl für den Wal besteht, ob man am Samstag 1. Juni  um 14 Uhr in Kreuzlingen das Schiff besteigt, oder am Sonntag 2. Juni um 15.30 Uhr in Stein am Rhein. Und bitte vorher anheuern, äh, hier anmelden.

Ob denn wirklich Wale zu sehen sein werden? Im braven Bodensee? Im Rorschacher Hafen wurde in den 80ern schon Nessie gesichtet. Ernsthaft. Wer seine Ohren spitzt bei NŒISE, wird sie vielleicht sehen können. Oder, um den „Componisten “ aus „Ariadne auf Naxos“ fertig zu zitieren: „Musik ist eine heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut….“

 

Whalewatching vor Island: Zu viel Touristen bedeutet Stress für die Tiere. (Credit: MAST, Reykjavík)

 

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