von Inka Grabowsky, 15.07.2026
Auf der Suche nach der richtigen Piratenbande

Schauspieler:innen können einen Theaterabend prägen – im Guten, wie im Schlechten. Deshalb ist die Auswahl des Ensembles auch für das See-Burgtheater zentral. Das ist oft aufwändiger als man denkt. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
In der Titelrolle als Anne Bonny war Moira Albertalli von Anfang an gesetzt. Für die Theatermacher Wohlgensinger/Engeli/Spina war sie die Idealbesetzung. Sie ist immer wieder beim See-Burgtheater engagiert, von den «Schweizermachern» über «Lysistrata» und «Prometheus», bis zu «Honig im Kopf». «Sie spielt, tanzt und singt - und das, wenn gewünscht, auch kopfüber in der Luft schwebend», sagt Co-Autor und Regisseur Simon Engeli.
«Diese Fähigkeiten hatten uns ermutigt, ein actionreiches Stück mit einer Frau in der Hauptrolle zu machen. Und dann bekam Moira ein grandioses Alternativ-Angebot, das sie einfach nicht ausschlagen konnte. Also haben wir im Herbst ein Casting angesetzt.» Zu dem Zweck schaltet man eine Anzeige auf der eigenen Website und fragt bei Kollegen, die man kennt. «Wir waren überwältigt von der Anzahl und Qualität der Bewerbungen», sagt Co-Leiterin Rahel Wohlgensinger.
Rund 50 Portraitbilder hingen auf einer Leine auf dem Dachboden des Theater-Paars. «Es war grässlich», meint Rahel. «Man hat eine Verantwortung für die Leute und will sie nicht zu lange warten lassen», ergänzt Simon.
Casting bedeutet auch Absagen formulieren
Zwischenzeitlich hatte sich Moira doch für das See-Burgtheater entschieden, so dass nur noch ihr Counterpart, die Mit-Piratin Mary Read, gesucht wurde. «Wir haben einen Workshop mit unserem Fechtlehrer Sven Reiner organisiert, denn wir suchten eine Frau, die eine ‹Kampfsau› darstellen kann», sagt Rahel.
Zehn Bewerberinnen wurden eingeladen, vierzig wertschätzende Absagen formuliert. «Das ist das Unangenehmste, was Theaterleiter machen müssen», so Simon. «Es ist für beide Seiten emotional belastend, und zeitaufwändig ist es auch noch», meint Rahel. «Immerhin waren wir zu dritt bei der Entscheidung. Das hat geholfen.»
«Wie entsteht Kunst?», das war die Leitfrage einer Recherche, die wir im Vorfeld der diesjährigen Premiere veröffnetlicht haben. Wer im Thurgau ins Theater geht, erlebt ein Kunstwerk innerhalb von zwei bis drei Stunden. Es ist eine extreme Verdichtung eines langen Schaffensprozesses. Wenn man sich bewusst macht, was Bühnenkünstler und -künstlerinnen an Zeit, Geld und Nerven investiert haben, wächst der Respekt.
Anhand der Aufführung von «Die Legende von Anne Bonny» zwischen dem 9. Juli und dem 4. August im See-Burgtheater zeigen wir, was zusammenspielen muss, damit ein Theaterabend gelingt. Unsere Autorin Inka Grabowsky hat den Produktionsprozess über mehrere Monate begleitet. In einer Serie schildert sie in den kommenden Wochen nun ihre Eindrücke.
Die Serienteile
Die Suche nach dem Thema, Teil 1
Wie erweckt man Puppen zum Leben?, Teil 2
Der richtige Rahmen: So ensteht ein Bühnenbild, Teil 3
Jenseits der Kunst: Die Organisation gehört zum Geschäft, Teil 4
Das Ensemble: Wie findet man die richtigen Schauspieler:innen? (Teil 5)
Diese umfassende Recherche ist nur dank unseres Recherchefonds möglich. Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Und unseren Autor:innen für diesen Aufwand auch ein angemessenes Honorar zahlen zu können. Unter dem Titel „15 Jahre, 15 Geschichten“ sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebüldet. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.
Mit-Theaterleiter Giuseppe Spina war im Prozess relativ entspannt. «Simon und Rahel haben das Stück gemeinsam geschrieben, Simon inszeniert es. Ich spiele nur mit. Das ist eine leichtere Aufgabe.» Grundsätzlich seien sie sich einig gewesen: «Unsere Eindrücke waren über weite Strecken deckungsgleich. Das ist beruhigend.»
Video: Einblick in die Proben der Kampf-Choreografien
Julia Barth steckt mit ihrer Begeisterung an
Nach dem Kampf-Workshop blieben noch fünf Kandidatinnen übrig, die alle gut waren. Die Wahl fiel auf Julia Barth. «Sie ist fast schon eine Stuntfrau und strahlte beim Training aus, dass sie Lust auf Fechten und Action hat», sagt Simon. «Ihr Commitment und ihre Begeisterung haben uns überzeugt. Ausserdem passte sie am besten ins Team.»
Julia Barth gibt das Kompliment zurück: «Es war ein angenehmes Casting, weil sie mit uns gearbeitet haben. Bei anderen Vorsprechen liefert man etwas ab, was völlig aus dem Zusammenhang gerissen ist.» Julia Barth stammt aus Pfyn, lebt jetzt in Winterthur und kehrt für das Engagement an einen ihr gut bekannten Ort zurück: Sie hat die Matura an der PMS in Kreuzlingen gemacht.
Kampf- und Erzählszenen
Tamara Kaufmann aus Liechtenstein ist für die Luftakrobatik engagiert. Die Tänzerin choreografiert die Bewegungsszenen: «Wir reagieren quasi auf die Kampfszenen am Boden und spiegeln sie neunzig Grad versetzt in der Luft. Ich nenne es ‹Walldance›.» Ausserdem spielt sie diverse Nebenrollen, unter anderem Gouverneur Woodes Rogers.
Video: Proben für die Luftakrobatik
Sabina Deutsch nimmt eine Sonderrolle ein. Sie ist die Erzählerin im Heute, die rückblickend auf die ferne Vergangenheit weist. «Die Erzählerin ist für mich so etwas wie der Geist von Anne Bonny. Sie scheint die Geschichte miterlebt zu haben und gibt sie nun weiter. Das hat etwas Magisches.»
Nachwuchs-Schauspielerinnen mit im Ensemble
Das Autorenpaar Engeli/Wohlgensinger möchte von der Kindheit und Jugend Anne Bonnys erzählen. Also brauchen sie jugendliche Darstellerinnen, die aufgrund des Jugendschutzgesetzes aber nicht jeden Abend einen Auftritt haben dürfen. Die eigene Tochter Klara übernimmt einen Part, Mathilda Rose den anderen.
Für diverse Nebenrollen haben sich junge Frauen auch Kreuzlingen und Umgebung beworben. Die Sek-Schülerin Lotta Forster hatte bereits im Zürcher Musical «Billy Elliot» eine Rolle. «Wir haben bei Simon und Rahel im Winter nachgefragt, ob sie eine 13jährige Bühnenhungrige brauchen können in ihrem Stück», erzählt Mutter Christine Forster. «Lotta wollte nach dem Ende von Billy Elliot unbedingt wieder bei einem grösseren Projekt mitwirken. Ihre Musical-Erfahrungen und ihre Begeisterung für das Theater waren genug, dass Simon und Rahel für Lotta einen Platz im Stück gefunden haben.»
Wiedersehen mit Lena Pallmann
Lena Pallmann war zuletzt als Aphrodite in «Prometheus – Revolution im Götterreich» im See-Burgtheater zu sehen. Die jetzige PH-Studentin hatte als Maturaarbeit auch schon selbst ein Musical geschrieben. Nun ist sie unter anderem eine Prostituierte in der Piratenschenke. «Es kommt mir nicht darauf an, wieviel Text ich habe», so die 20-Jährige, die in Frauenfeld wohnt. «Ich bin oft im Hintergrund dabei und kann helfen, auch beim Umbau. Und sogar das Zuschauen ist für mich interessant.»
Fast jeden Abend von Anfang Juni bis Anfang August hat sie für die Theaterarbeit reserviert, erst für die Proben, dann für die Aufführungen. «Das A und O ist die Leidenschaft. Dann bekommt man vieles hin. Ich schöpfe Energie aus dem Theater. So gesehen ist es ein Ausgleich zu meinem Studium.» Tatsächlich sei eine Laufbahn als Lehrerin für sie eine «Fallback»-Lösung. «Ich möchte nach dem Abschluss in Richtung Schauspiel gehen.»
Ihre Kommilitonin Norina Makia teilt die Freude an der Bühne. Mal ist sie Pirat, mal Soldat, mal Dienstmädchen und mal Statistin an einem Strand. Sie geniesse es, bei der Aufführung dabei zu sein, so die 21-jährige. «Bei mit langt das Talent nicht für eine Schauspielkarriere. Aber ich will die Theaterarbeit an der Schule weitermachen, sobald ich Lehrerin bin.»
Die Aufführungen und die Tickets
Weitere Aufführungen, jeweils 20.30 Uhr an folgenden Tagen:
Juli:
Di 14.7., Mi 15.7., Do 16.7., Fr 17.7., Sa 18.7.
Di 21.7., Mi 22.7., Do 23.7., Fr 24.7., Sa 25.7.
Di 28.7., Mi 29.7., Do 30.7., Fr 31.7.
August:
So 2.8., Mo 3.8., Di 4.8.
Tickets für alle Termine gibt es hier.
Aufführungsdauer: 20.30 – ca. 22.30 Uhr
Die Zuschauertribüne ist gedeckt. Gespielt wird bei jeder Witterung, ausser bei Dauerregen oder Sturm. Die Abendkasse öffnet um 18 Uhr.

Von Inka Grabowsky
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