von Barbara Camenzind, 07.11.2016
Wenn die Posaunen erschallen

Kraft der Kontraste: Igor Strawinskys „Danses concertantes" und Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem KV 626 standen auf dem Herbstkonzert-Programm des Oratorienchors Kreuzlingen, der zusammen mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz in Romanshorn und Kreuzlingen-Emmishofen konzertierte. Unter der Leitung der glänzend agierenden Dirigentin Annedore Neufeld erlebte das Publikum einen Hörgenuss der Extraklasse.
Barbara Camenzind
Für Annedore Neufeld war es ein Heimspiel. Romanshorn war lange ihre musikalische Heimat und sie dankte mit warmen Worten ihren zahlreich erschienenen Fans, die bei dem ungemütlichen Herbstwetter den Weg in die reformierte Kirche auf sich genommen hatten. Der schwierigen Akustik im hallenartigen Raum trotzend, führte sie das hervorragend eingestimmte Orchester durch Strawinskys heikle Klangkaskaden. Jeder Schlag sass, jeder Tempoübergang in den feinziselierten Tänzen war perfekt eingeleitet. Schnell war klar, dass die engagierte Frau ihr Handwerk beherrschte. Es war eine Freude, ihr zuzusehen. Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz agierte hochkonzentriert und spielte makellos. Die während der Kriegsjahre 1941/42 entstandenen „Konzertanten Tänze" sind in ihrer Melodieführung klassisch gehalten, weisen jedoch harmonisch weit in die Zukunft. Sie bildeten die perfekte Ergänzung zu dem, was noch kommen sollte. Denn auch Mozarts Musik war seiner Zeit weit voraus.
Kluge Konzeption
Sie wollte mit dem Programm Kontraste setzen, erzählte Neufeld nach dem Konzert. Strawinsky ist in der Tat der perfekte Einstieg zur zeitgenössischen Musik. Er gilt schon lange als Klassiker der Moderne. Selbst Musikliebhaber, die mit Klängen jenseits von Dur und Moll nichts anfangen konnten, wurden an diesem Konzert mit den Werken des russischen Tausendsassas sanft und charmant in eine neue Welt entführt. Annedore Neufeld schlug mit dieser klugen Konzeption den Bogen zum Salzburger Wunderkind. Als Mozart sich einst mit Joseph Haydn zu einer Kammermusik-Partie traf, sprach ihn dieser auf die „kühnen Harmonien" in seinem Streichquartett an. Mozart antwortete: „Sie sind kühn, aber richtig." Dass dieser mutige, wunderbare, verspielte und geniale Komponist seine Totenmesse nicht selbst vollenden konnte, gehört zu den grossen Tragödien der Musikgeschichte. Sein Schüler Franz Xaver Süssmayr orientierte sich ab an den Generalbass-Notizen und vollendete ab dem Abbruch im „Lacrimosa" das Werk im Sinne seines Schöpfers.

Dirigentin mit Geschick und Verve: Annedore Neufeld
Fulminanter Chor, zurückhaltende Solisten
Mit knapp 80 Sängerinnen und Sängern bildete der Oratorienchor Kreuzlingen den kraftvollen Boden für das Requiem. Gut eingesungen und mit grosser Ernsthaftigkeit waren die aus dem ganzen Thurgau zusammengezogenen Sängerinnen und Sänger bei der Sache. Der grosse Klangkörper war für die Zuhörenden ein physisches Erlebnis. Jeder in den Bänken schien mitzuatmen. Die Solisten fielen in diesem gewaltigen Arrangement leider etwas ab. Die Sopranistin Christina Daletska erfreute zwar durch ihre helle charmante Stimme, blieb aber seltsam unbeteiligt. Tenor Marcus Ullmann sang zu sehr auf Sparflamme, was schade war, denn sein Timbre entsprach durchaus dem Mozarttenor, der so berührend sein könnte. Tobias Wicky hatte ordentlich Pech mit dem berühmten Einsatz bei „Tuba mirum spargens sonum". Wer hier nicht stimmlich die Posaune erschallen lassen kann, der hat verloren. Einzig die Altistin Margot Oitzinger bestach durch eine solide, warmherzige Stimmführung, die dem Werk in seiner Grösse gerecht wurde. Mozart war letztendlich Opernkomponist und in seinen späten Werken sind die Unterscheidungen zwischen geistlicher und weltlicher Musik obsolet. Giuseppe Verdi lässt grüssen. Doch insgesamt war es ein wunderbares Musikerlebnis mit dem Oratorienchor, der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz und ihrer grandiosen Dirigentin. Auf Haydns Nelsonmesse am 2. April 2017 kann sich jeder Klassikfan freuen.

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