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von Bettina Schnerr, 05.08.2021

Der Bodensee als Arbeitsplatz und Nahrungslieferant

Der Bodensee als Arbeitsplatz und Nahrungslieferant
Die Nachbildung eines Eisfischers mit seinem geflochtenen Windschutz erinnert daran, wie ungemütlich die Nahrungsbeschaffung auf dem winterlichen Bodensee ablief. | © Foto: Bettina Schnerr

#Lieblingsstücke, Teil 17: Im Kreuzlinger Seemuseum ein Lieblingsstück zu finden, war gar nicht so leicht. Zwar ist das Museum klein, aber hier buhlten so einige Fundstücke um meine Aufmerksamkeit.

Klein, aber fein, dieses Seemuseum. Und klar, dass ich wegen der Ausstellungsstücke zum prominenten Wrack des Dampfschiffs „Jura“ gleich in den oberen Stock gestiegen bin. Es ist schade, davon zu lesen, dass das Wrack von Sporttauchern erst einmal nach Kräften geplündert wurde, bevor der Denkmalschutz eingreifen konnte. Vor diesem Hintergrund ist es für mich geradezu erstaunlich, dass im Museum der zierliche Poststempel der Jura zu finden ist und irgendjemand trotz der Trophäenjäger für die Ausstellung auch noch einen Schmalztopf aus der Küche auftreiben konnte. Was sich wohl sonst noch in Speichern und Kellern finden liesse?

Ganz unauffällig in der Ecke steht ein Fahrkartenautomat für die Bahnfahrten entlang des Ufers. Wüssten die Museumsverantwortlichen, dass ich die kleinen Pappfahrkarten als Kind kiloweise gesammelt hatte, hätten sie mich nicht so nah an den Automaten gelassen. Als ich klein war, gab’s diese Karten nämlich noch und der wesentliche Teil meiner Sammlung bestand aus aufgesammelten Karten von Bahnhöfen (und ein kleiner Teil aus Rohlingen, die ich beim Tag der offenen Tür bei der Bahn an der Druckmaschine eingesackt hatte — ich kreierte daraus eigene Fahrkarten).

Wer würde sich da nicht gerne dazugesellen? | Foto: Bettina Schnerr

Eine Eisschicht verwandelt den See

Nach meinem Rundgang kehrte ich zu einer ganz bestimmten Ecke zurück, jene, in der sich alles um den Bodensee im Winter dreht. Die Eisfläche verwandelt den See in eine ganz andere Welt, auf der sich die Menschen rege tummeln. Sie gingen spazieren oder eislaufen und nutzten die Eisfläche als willkommene Abwechslung. Ein Vergnügen, dass wir so schnell wohl nicht mehr nachvollziehen können und uns auf alte Schwarzweiss-Bilder berufen müssen.

Die zugefrorenen Bereiche waren gespickt mit kleinen Schlitten, auf denen dichte, geflochtene Paravents aus biegsamen Ästen als Windschutz montiert waren. Postiert an einem kleinen Loch waren sie für einige Stunden ein kalter und vermutlich ungemütlicher Arbeitsplatz. Aber er brachte etwas zum Essen.

Bettina Schnerr

Aber auch im Winter blieb der zugefrorene Bodensee ein Arbeitsplatz. Daran änderte die Eisschicht nichts. Die Menschen entwickelten also eine Technik für das Eisfischen. Dafür begaben sich vor allem viele Kleinlandwirte auf dem See, die in den kalten Monaten wenig auf dem Hof zu tun hatten. Die zugefrorenen Bereiche waren gespickt mit kleinen Schlitten, auf denen dichte, geflochtene Paravents aus biegsamen Ästen als Windschutz montiert waren. Postiert an einem kleinen Loch waren sie für einige Stunden ein kalter und vermutlich ungemütlicher Arbeitsplatz. Aber er brachte etwas zum Essen.

 

 

In den Eislöchern verschwanden bis zu 30 Meter lange Angelschnüre mit einem Senkblei und bis zu drei Angelhaken. Wie merkt man nun, dass einer angebissen hat? Ganz einfach am Zucken der Leine. Aus diesem „Zucken“ wurde „Zock“fischen als gültiger Begriff für die Angeltechnik. Und so sitzt er nun da, im Museum, der lebensgrosse Puppenmann auf seinem Schlitten und hockt neben einem kleinen „Eisloch“. Vielleicht brachte einem echten Zockfischer ein Kind das Mittagessen vorbei, aber viel Gesellschaft wird er wohl nicht gehabt haben.

War das ein Gaudi für die Kinder oder die einfachste Methode, zu befahrbarem Wasser zu gelangen? Ich wüsste es wirklich gerne. | Bild: Bettina Schnerr

 

Die Serie #Lieblingsstücke und wie Du mitmachen kannst

In unserer neuen Serie #Lieblingsstücke schreiben Thurgaukultur-Korrespondentinnen und -Korrespondenten über besondere Kunstwerke im Kanton. Das ist der Start für ein grosses Archiv der beliebtesten Kulturschätze im Thurgau. Denn: Wir wollen auch wissen, welches ist Dein Lieblings-Kunststück aus der Region?

 

Skulpturen, Gemälde, historische oder technische Exponate, Installationen, Romane, Filme, Theaterstücke, Musik, Fotografie - diese #Lieblingsstücke können ganz verschiedene Formen annehmen. Einige der vorgestellten Werke stehen im öffentlichen Raum, manche sind in Museen zu finden, andere wiederum sind vielleicht nur digital erlebbar. Die Serie soll bewusst offen sein und möglichst viel Vielfalt zulassen.

 

Schickt uns eure Texte (maximal 3000 Zeichen), Fotos, Audiodateien oder auch Videos von euch mit euren Lieblingswerken und erzählt uns, was dieses Werk für euch zum #Lieblingsstück macht. Kleinere Dateien gerne per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch, bei grösseren Dateien empfehlen wir Transport via WeTransfer.

 

Oder ihr schreibt einen Kommentar am Ende dieses Textes oder zum entsprechenden Post auf unserer Facebook-Seite. Ganz wie ihr mögt: Unsere Kanäle sind offen für euch!

 

Alle Beiträge sammeln wir und veröffentlichen wir sukzessive im Rahmen der Serie. Sie werden dann gebündelt im Themendossier #lieblingsstücke zu finden sein.

 

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