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von Doris Burger, 11.03.2026

Wann wird Widerstand Pflicht?

Wann wird Widerstand Pflicht?
Start in die Uustellig: Sonia Diaz (links) und Christina Benz als Schweizer Kulturvermittlerinnen. | © Lukas Fleischer

Was wäre, wenn sich NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl und die Hitler-Sekretärin Traudl Junge gekannt hätten? Das Theater Bilitz wagt mit «Sophie & Ich» ein Gedankenexperiment im Theaterhaus Thurgau und lotet die Grenzen aus zwischen Mut und Mitläufertum. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

«Schöne Uusstellig», wünscht Roland Lötscher, Leiter des Theater Bilitz, dem Publikum in seiner kurzen Begrüssung. Punktgenau um 20:15 Uhr im Theatersaal in Weinfelden, zur Premiere am 7. März. 104 Zuschauer und Zuschauerinnen sind gekommen, kein Platz blieb frei, und alle sind blitzgespannt auf das neue Stück. «Sophie & Ich» heisst es, und es geht von einer fiktiven Frage aus: Was wäre, wenn …

Also: Was wäre, wenn sich die Widerstandskämpferin Sophie Scholl und die gleichaltrige Traudl Junge, die spätere Sekretärin Hitlers, getroffen hätten? Was wäre, wenn sie sogar befreundet gewesen wären? Vor dem Zweiten Weltkrieg, unbelastet von Fahnenappell und Arbeitsdienst. Neugierig auf das ganze Leben, das noch vor ihnen liegt.

Schweizer Zwischenspiel

Wie steigt man am besten in diese Konstellation ein, wie kommt man zu den beiden jungen Mädchen, die vor über hundert Jahren zur Welt kamen? Traudl wurde als Traudl Humps 1920 geboren, Sophie Scholl 1921. Diese Fragen haben sich auch die Theatermachenden vom Bilitz-Theater gestellt und eine Rahmenhandlung entworfen, die im Hier und Jetzt der Schweiz spielt. Zwei Kulturvermittlerinnen sollen eine Ausstellung über das Leben von Sophie Scholl einrichten. Dabei tauchen unerwartet Gegenstände und Briefe von Traudl Humps auf, der späteren Traudl Junge.

Das klingt nicht nur bemüht, sondern sieht zunächst auch so aus. Die beiden Schauspielerinnen treten nacheinander auf, nahezu gleich gekleidet, lässigen Schrittes, mit Handy – oder Kaugummi kauend. Voluminöse gehäkelte Hauben verbergen die Haare, sodass sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie schieben die Stellwände von hier nach da, sie rollen die Requisitenkisten herum.

 

Der Einstieg in die Theaterszene gelingt mit einem historischen Grammophon. Bild: Lukas Fleischer

Die eine eher eifrig, die andere eher bockig

Die allerdings, einmal aufgeklappt, bergen mit den Requisiten das Leben der Protagonistinnen. Zwei unschuldige weisse Schürzchen, verziert mit NS-Flagge und Hakenkreuz, machen die beiden Darstellerinnen zu BDM-Mädchen: «Bund Deutscher Mädel», rufen sie das Schlagwort laut und deutlich ins Publikum. Mit roten Gymnastikbändern üben sie eine Choreografie, die zur Erbauung der Militärs aufgeführt werden soll.

Hier zeigen sich bereits die Charaktere, die später zu unterschiedlichen Lebenswegen führen sollen. Eifrig und ganz bei der Sache: Sonia Diaz als Traudl, die dunklen Zöpfe nach hinten geflochten, wie es brave Art war. Geschickt schwingt sie das rote Band zur Marschmusik. Christina Benz wirkt mit ihrem blonden Pagenkopf als Sophie ein wenig bockig. Wie passend, dass sich ihr Band verheddert – und einfach nicht geschmeidig fliessen will. Einig sind sich beide in ihrer Freude und der Lust auf das Leben. «Weiterüben», ermuntert Traudl ihre Freundin.

Die Geschichte als Hintergrund

Aus der Geschichte wissen wir, dass Sophie Scholl zunächst begeistert vom NS-Regime und seinen Parolen war. 1934 trat sie dem BDM bei, 1936 wurde sie Scharführerin. Erst während des Reichsarbeitsdienstes 1941 kam sie durch religiöse Lektüre und Gespräche zurück zu christlichen Werten und zur Abkehr von der NS-Ideologie.

Doch diese Geschichte eins zu eins soll nicht erzählt werden. «Wir machen keinen Geschichtsunterricht», betont Regisseurin Stella Seefried im Vorgespräch. Es geht ihr um eine allgemeinere Thematik: «Wie kann man wachsam durchs Leben gehen? In sich hineinfühlen, was richtig und was falsch ist? Wie kann man den Mut haben, seine Position zu finden und zu vertreten, auch gegen andere Positionen?»

«Wie kam es, dass Sophie Scholl bemerkt, dass etwas schiefläuft?» So können die Zuschauer miterleben, wie die Ansichten auseinanderlaufen: von der ersten gemeinsamen Zigarette in der Freistunde beim BDM, von Traudl angestiftet.

 

Regisseurin Stella Seefried freut sich über die Premiere von Sophie & Ich. Für sie ist das auch ein besonderer Moment, denn: Ab August übernimmt sie die Leitung des Theater Bilitz. Bild: Doris Burger

Die Rahmenhandlung als Kunstgriff

Was zu Beginn noch etwas steif daherkam, entwickelt sich in der Folge zu einem geschickten Kunstgriff. Die Darstellerinnen kehren zwischen den gespielten Szenen von Traudl und Sophie in ihre Rollen als Kunstvermittlerinnen zurück. So können sie hinterfragen und überlegen, wie es weitergehen soll. Sie schaffen damit Atempausen für die Zuschauenden, die mit der einstündigen Spielzeit immer wichtiger werden.

Nach der BDM-Szene Mitte der 1930er-Jahre springen wir in den Oktober 1940, eine Sequenz im Theater wird im Theater Weinfelden gespielt. Traudl träumt davon, Tänzerin zu werden, sie tanzt vor, unterstützt von Sophie – und wird tatsächlich angenommen. Zum Greifen nah: die neue Freiheit, die ungeahnten Möglichkeiten, die das Theater bieten kann. Doch die Freude wird zerstört durch ein Schreiben, amtlich und ohne Zweifel: Sie darf ihren Job nicht kündigen. «Sekretärinnen werden gebraucht, Tänzerinnen nicht», stellt sie enttäuscht fest.

 

Traudl (Sonia Diaz, links) ist entsetzt über die Flugblätter, die Sophie (Christina Benz, rechts) in ihrem Koffer transportierte. Bild: Lukas Fleischer

 

Hier könnte wieder eine Abzweigung entstehen, ein Aufbegehren. Aber Traudl, überzeugt vom eingeschlagenen Weg und dem Willen des sogenannten Führers, also vom Krieg, bleibt brav und angepasst. Der Krieg stellt ihrer Ansicht nach nur eine Durststrecke dar, die es durchzustehen gilt, und so fügt sie sich in ihr Schicksal. Sie wird weitertippen, ab 1942 gar als eine von vier ausgewählten persönlichen Sekretärinnen Hitlers.

Sie wird sogar die Testamente noch aufnehmen, kurz vor Hitlers Selbstmord im Berliner Führerbunker. Sie habe nur Persönliches getippt, nichts Politisches, wird sie später im Stück bekunden. Ihre Erinnerungen hat sie bereits 1947 zu Papier gebracht, noch unreflektiert. Von den Gräueln an der Ostfront, den Verbrechen gegen Juden und Behinderte, habe sie nichts gewusst. Hätte sie das wissen können? Hätte sie das wissen müssen?

Mitläufer und Widerstand

Das Stück, konzipiert für Jugendliche ab 13 Jahren, wirft viele Fragen auf: Fragen um «Verantwortung und Schuld, um Mut und Mitläufertum», wie es bereits der Untertitel formuliert.

Was bringt Sophie zum Widerstand? Wieso findet sie den Mut, ihre Position zu ändern und ihrem Gewissen zu folgen? Unter Lebensgefahr Flugblätter zu erstellen und beim Drucken zu helfen, sie zuletzt mit ihrem Bruder Hans an der Münchner Uni zu verteilen, wo sie entdeckt wird. Im Februar 1943 werden sie hingerichtet, wenige Tage nach ihrer Festnahme.

Regisseurin Stella Seefried, gebürtige Deutsche, lebt seit einigen Jahren in Weinfelden. Ab August wird sie die Verantwortung im Theater Bilitz übernehmen, als Nachfolgerin des Gründers Roland Lötscher.

 

Starke Leistung von Sonia Diaz als Traudl und Christina Benz als Sophie. Bild: Lukas Fleischer

Aktuelle Bezüge und viele Fragen

Wer hat den Stoff ausgesucht, der doch überwiegend in Deutschland spielt? Sie hatten mehrere Stücke zur Auswahl, darunter «Sophie & Ich» nach dem gleichnamigen Werk von Ursula Kohlert, erzählt sie. Doch es war nicht allein ihre Wahl: «Roland Lötscher war auch dafür.» Die Rahmenhandlung mit den Schweizer Kulturvermittlerinnen haben sie dazu entwickelt, um die Sache einzubetten und einen Bezug zur Schweiz zu schaffen.

Seefried ist überzeugt, dass Sophie und Traudl noch heute als Exempel taugen: «Sieht man die weltpolitische Lage, in der alles wieder nach rechts tendiert, ist das Stück superaktuell», sagt sie. Die Entwicklung hin zu Diktaturen zeigt sich in vielen, nicht nur europäischen Ländern.

«Wir haben hier das Paradebeispiel, wie es nicht gehen soll», sagt Seefried. «Vor allem bei Angst und Unsicherheit entsteht ein Sog nach rechts.» Doch es geht nicht nur um rechts und links. Wie können Jugendliche reagieren, wenn diskriminierende und fragwürdige Positionen eingenommen werden? Wie kommen sie überhaupt dahin zu merken, dass etwas schiefläuft? Auf dem informativen Programmheft, zugleich ein attraktives Plakat für die Schulen, werden zwei Beispiele aufgeführt.

Fragen über Fragen. Sieht man allerdings allein das Stück, dann kann man nur zu einer gültigen Antwort kommen: Es ist ein absolut rundes und gelungenes Werk. Das erste Regiestück von Seefried hält die Balance von erschreckend und witzig, entmutigend und hoffnungsvoll.

 

Schlussszene: Traudl (Sonia Diaz) sinniert über den verlorenen Krieg. Bild: Lukas Fleischer

 

Eine starke Leistung der beiden Schauspielerinnen, die sich rasch freispielen und ungeahnte Facetten zeigen. Eine harmonische Leistung des Teams, mit Projektionen von Roland Lötscher, der auch die Produktionsleitung übernommen hat. Mit Musik von Daniel R. Schneider, für Licht und Technik sorgt Heather Genini. Das Licht und die Musik werden übrigens raffiniert von den Schauspielerinnen dirigiert. Kostüme und Requisiten entwarf Natalie Pécard, auch sie auf den Punkt: passend reduziert für das mobile Theater, das auch in die Schulen kommt.

Nachdenkliches Schlussbild – grosser Applaus

Das Schlussbild – eine letzte Szene nach dem Krieg, in der Sophie als lebende Erinnerung auftaucht – zeigt eine zerstörte Stadt. Hochaktuell die Ruinen. Es gibt weder saubere Kriege noch Blitzkriege. Und immer gibt es Tote. Besonders nachdenklich machen die auf Grabsteinen eingeblendeten Lebensdaten der gerade erlebten jungen Frauen. «Sophie Scholl 1921–1943». Und «Traudl Junge: 1920–2002».

Sie werfen noch einmal eine Reihe perfider Fragen auf: Wer hat nun alles richtig gemacht? War es denn schlau von Sophie, wegen ein paar Flugblättern und ihrem «Gewissen» das Leben zu riskieren? Wem hat das genutzt? Den Moralaposteln, die heute sagen können: So wäre es auch gegangen!

Ja, auch in Deutschland gab es Widerstand. Aber war nicht die vermeintlich naive Traudl, die Geld verdienen musste und nichts weiter wissen wollte, letztlich die Schlauere? Ihre Haltung hat ihr immerhin ein langes Leben und einen Neuanfang ermöglicht. Also besser doch wegducken und die Klappe halten? Mit diesen Fragen geht man hinaus in die Nacht.

Reichlich Stoff zum Nachdenken, reichlich Stoff für Diskussionen: mit Freunden, in der Klasse. Aber in jedem Fall eine gelungene und berührende Aufführung. So wie es die Intention dieses Theaters ist.

Langanhaltender Applaus! Die Schauspielerinnen selbst sind zu Tränen gerührt.

 

Die Schauspielerinnen Christina Benz und Sonia Diaz freuen sich über den Schlussapplaus. Bild: Doris Burger

 

Das Stück

Sophie & Ich. Ein Stück über Verantwortung und Schuld, Mut und Mitläufertum von Ursula Köhlert. Ab 13 Jahren. Schweizer Erstaufführung.
Theater Bilitz, Lagerstrasse 3, 8570 Weinfelden. www.bilitz.ch

 

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