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von Doris Burger, 02.04.2026

100 Jahre Kino Schwanen: Filmkunst und Theater in Stein am Rhein

100 Jahre Kino Schwanen: Filmkunst und Theater in Stein am Rhein
Die Menschen hinter dem Kino - das Team des Cinema Schwanen. Von links hinten nach rechts vorne: Carla Rossi, Andreas Schwarz, Willy Zürcher, Tina Wilck, Martin Furger, Graça Tanner, Walther Giger, Uta Straube, Heidi und Michael Armbruster, Verena Nussbaumer, Kathrin Berg, Dieter Riester, Martin Peter und Zekeria Özdemir. Nicht auf dem Foto sind Catherine Jane Schweizer und Monica Hofer-Lobato | © Cinema Schwanen/Roberta Fele

Das Jubiläumsprogramm im Cinema Schwanen sorgt für neue Lust am Kino. Nun wurde zusätzlich eine Ausstellung im Kulturhaus Obere Stube eröffnet: „Film ab!“ ist sie überschrieben. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Wo bitte ist in Stein am Rhein ein Kino, hat man sich noch vor wenigen Monaten gefragt. Untergebracht ist es in einem eher unscheinbaren Fachwerkhaus, vom Bahnhof aus kommend rechterhand, kurz vor der Rheinbrücke. Die Aussenhülle ist historisch, es war früher ein Gasthaus, das Gasthaus Schwanen: Und es ist keineswegs ein Zufall, dass das Jubiläumsprogramm mit dem Filmklassiker „Cinema Paradiso“ aus dem Jahr 1988 eröffnet wurde. 

 

Das Cinema Schwanen im historischen Fachwerkhaus. Bild: Doris Burger

 

Denn das war zugleich der erste Film, der nach fünfzehnjähriger Kinopause zur Neueröffnung am 29. April 1995 gezeigt werden konnte. Nach einer ausgiebigen Renovierung, die von einem kleinen Team an Freiwilligen gestemmt wurde.

Im früheren Kinosaal herrschte zuvor marodes Chaos: Es wurde entrümpelt, restauriert, gestrichen. Der Projektor und die Tonanlage waren noch vorhanden, ebenfalls die Leinwand. Zuletzt fehlte ein kompletter Satz an Kinosesseln, die gebraucht vom Kino Frosch in Zürich geholt werden konnten. 

Engagiertes Team

Ein Kinoverein mit heute 17 Team-Mitgliedern machte und macht es möglich, alle sind in unterschiedlichen Rollen engagiert. Martin Furger ist beispielsweise dabei, Gründungsmitglied und seit 30 Jahren aktiv, er hat bereits in der ersten Renovierungsphase mit angepackt. 

Ein Universaltalent ist Willy Zürcher, der sich um das Programm und den Kontakt zu den Verleihern kümmert, speziell ums Montagskino mit den exklusiven Filmen. Er sorgt für die Besucherstatistik und ist zudem im Team „Haus und Hof“ aktiv. Genau wie Architektin Tina Wilck, denn immer wieder gibt es Bedarf im alten Haus. 

„Viele engagierte Menschen mit gutem beruflichem Hintergrund“, erklärt Uta Straube, die selbst Marketingleiterin war und nun in Ermatingen lebt. Professionell in der Pressearbeit ist sie bereits – wenn auch erst seit einem Jahr dabei, wie sie bescheiden anmerkt. 

 

Der Kinosaal während der Renovation 1995. Bild: Bruno und Eric Bührer

 

Die Steiner Stadträtin Carla Rossi hilft ebenso, wie Verena Nussbaumer vom Kulturhaus Obere Stube. Nussbaumer sorgt für die stets aktuelle und gut funktionierende Homepage. Zusammen mit Andreas Schwarz, ehemaliger Lichttechniker und heute Kurator im Kulturhaus Obere Stube, schreibt sie den Newsletter.

Die meisten haben mehrere Aufgaben, sie bringen sich in der Programmgestaltung und bei den Sonderaktionen ein. Oder sie stehen an der Kasse und schenken Getränke aus. „Wir haben ein tolles Team und es macht viel Spass mitzuarbeiten“, sagt Uta Straube, „der Umgang ist sehr zugewandt und freundschaftlich“. 

Angenehme Atmosphäre

Das spüren auch die Zuschauer im kleinen Entrée und beim Empfang. Zum Jubiläumswochenende im Januar gab es nicht nur den Film gratis, sondern auch Getränke und eine Einführung in die Historie. Martin Peter erklärte die hundertjährige Geschichte, beginnend von einer ländlichen Kleinstadt und dem Rhein, auf dem noch Lastkähne führen. Erste Filmvorführungen fanden in mobilen Zelten statt, bevor der Wirt Ernst Heller-Geisser 1926 ein Baugesuch für das Kino im Gasthaus Schwanen stellte. 

Unumstritten war das damals nicht, befürchtete man doch eine „Verrohung der Jugend“ durch unsittliche Filme und vor allem: durch das anhaltende Dunkel im Kino! Diese Details führt Helga Sandl aus, Kulturleiterin der Jakob- und Emma Windler Stiftung bei der Vernissage der begleitenden Ausstellung im Kulturhaus Obere Stube. Dort lässt sich die gesamte Geschichte an einer Fotowand nochmals nachlesen. 

Dazu können Besucher die Entwicklung der laufenden Bilder studieren, beispielsweise an einer Laterna Magica aus dem 17. Jahrhundert. Und wie kam die Farbe ins Bild? Dazu der Ton? 

 

Blick in die Ausstellung: Der Projektor der Dresdner Firma Ernemann dominiert den Raum. Bild: Doris Burger

 

Heute wie damals sind Kinder und Jugendliche ein wichtiges Publikum: Im Januar zeigte das Kino „Heidi“ von 2015, die jüngste aller Heidi-Verfilmungen. Ein toller Anlass für zahlreiche Familien – auch von der Höri und aus dem Thurgau. Kinderkino ist eine Seltenheit in der Region und wird im Cinema Schwanen jeden Monat angeboten. Im Juni wird im Jubiläumsprogramm nochmals ein besonderes Fest für Kinder ausgerichtet, Ende Oktober eines ausschliesslich für Jugendliche: „Horror, Popcorn und Gänsehaut" lautet dann das Motto. 

Meilensteine der Filmgeschichte

Nach dem fulminanten Auftakt mit „Cinema Paradiso“ zeigte das Cinema Schwanen Mitte Februar „Der heilige Berg“ von 1926. Es war der erste Film, der im Schwanen je gezeigt wurde. Vor knapp hundert Jahren, heute in aufgearbeiteter digitaler Fassung, aber mit Eintrittspreisen wie damals: 1,50 Franken waren für die Karte zu bezahlen. 

Ein Stummfilm mit eigens komponierter Filmmusik, Zwischen- und Untertiteln. Schon national beladen, kennen die heutigen Gäste doch die weitere Geschichte um ihre später umstrittenen Schauspieler:innen Leni Riefenstahl, Luis Trenker und Ernst Petersen. 

Wovon das Kino heute lebt

Für die ersten Zuschauer im Schwanen muss der Film doppelt eindrücklich gewesen sein, noch heute ist man vollkommen erstarrt und tief beeindruckt von den Aufnahmen. 

Nach der Renovierung zur 1. Wiedereröffnung 1995, bei der auch die Hinterwand heraus gestemmt wurde, um Platz für eine Bühne zu schaffen, konnten Theater und Kleinkunst ins Haus einziehen. Ein weiteres Standbein für das Cinema Schwanen, das von mehreren Stiftungen gefördert wird: Das Theater wird von der Jakob und Emma Windler-Stiftung getragen, von der Stadt Stein am Rhein sowie dem Kanton, wie Uta Straube berichtet. Das Kino wiederum lebt von den Eintrittserlösen, der kleinen Gastronomie, den treuen lokalen Werbekunden – und natürlich der ehrenamtlichen Arbeit des Teams. 

 

Farbe im Film: Mit verschiedenen Techniken wurde zunächst von Hand coloriert. Bild: Cinema Schwanen

Lässig verweilen in Kino und Kulturbeiz

Mit grosser Eigenleistung und Stiftungsunterstützung konnte 2018 nochmals umgebaut werden: Ein kleines Foyer wurde geschaffen und Toiletten im Erdgeschoss, eine neue Lüftungsanlage im Kino und wieder ein neues Interieur, mit breiten, äusserst bequemen roten Sitzen. 

Nicht nur zum Jubiläum lohnt sich der Ausflug nach Stein am Rhein, anspruchsvoll und gut gemischt ist das reguläre Kino-Programm. Stets mit aktuellen Blockbustern. Aber auch mit besonderen Filmen wie im Montagskino, die zumeist politische Themen aufgreifen und von einem Vorgespräch begleitet werden. Und sollte man gerade in Stein am Rhein sein, lässt sich das Kulturhaus Obere Stube empfehlen: Die Ausstellungen sind im ersten Stock, die historische Gaststube unten steht Besuchern offen, inzwischen mit lässigem Konzept: Eine Bestellung kann, aber muss nicht sein. Man darf auch einfach verweilen.

 

Die Leuchtkasteninstallation von David Pfluger kann mit kleinen Lupen betrachtet werden. Bild: Doris Burger

 

Cinema Schwanen feiert 100-Jahre Jubiläum: Die nächsten Termine im Jubiläumsprogramm

8. bis 10. Mai 2026: Schweizer Filmklassiker, von „Bäckerei Zirrer (1957) bis „Die göttliche Ordnung“ (2017)

7. Juni, ab 15 Uhr: „Ein Fest für Kinder“, Rahmenprogramm und Film

 20./21. Juni sowie 21. November: Uraufführung - Stummfilm mit Livemusik, eigens komponiert von Team-Mitglied Walther Giger 

Reservierung und gesamtes Programm unter: www.cinema-schwanen.ch

 

Ausstellung im Kulturhaus Obere Stube

„Film ab! – 100 Jahre Kino Schwanen“, Von 15. März bis 31. Oktober 2026. Geöffnet Di-So 10-17 Uhr

Gaststube: Montag 15-23 Uhr, Di-Sa 9-23 Uhr, Sonntag 9-17 Uhr

Adresse: Kulturhaus Obere Stube, Oberstadt 7, CH-8230 Stein am Rhein, www.kulturhaus-oberestube.ch

 

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