von Roland Schäfli, 21.05.2026
Seh-Bühne: wo Nationale Mythen baden gehen

Die Seebühnen sind mit ihrem Konzept Musik & Sommer & Event-Gastronomie ebenso erfolgreich wie berechenbar. Nachdem alle Nationalmythen zu Musicals umgesungen wurden, herrscht jetzt aber akuter Ideen-Notstand. Weshalb wir den Veranstaltern mit unseren Inputs die Saison retten. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Die Ostschweiz war bekanntlich wegweisend in der Erfindung des Kulturevents ohne Dach: schon 1971, in der Ära der Hippies als rebellisches Happening, setzte Bischofszell das erste Openair der Schweiz in die Welt, und Kreuzlingen hatte schon 1990 seine eigene kleine Seebühne mit Picknick-Atmosphäre.
Es hat 50 Jahre gedauert, sich das Konzept von Bregenz abzugucken, aber seit man am Thuner- und Walensee die Erfolgsformel entschlüsselt hat (Seebühne + Musical = Tourismus), wächst nun jeden Sommer dieses Logistikmonster, um dann im Winter zu pausieren.
Dabei hat sich das Genre des Musicals als niederschwelliger Publikumsmagnet etabliert. Am besten funktionieren Bücher, von denen man schon mal gehört hat, da man aber nicht gelesen haben muss. Zielgruppe ist das Eventpublikum, das beim Apéro ein Selfie macht, das Tic geschenkt gekriegt hat und fragt: «Was läuft heute nochmal genau?»
Nur gibt es jetzt einen Notstand, und der Ruf wird laut, der an eine Drogenszene erinnert: Wo bleibt der Stoff? Denn alle gängigen Musicals mit Karaoke-Faktor sind verbraucht, und alle Swissness-Stoffe von Gotthelf bis Tell und Dällebach Kari sind bereits in die zweistündige Musical-Form gepresst worden (bitte nicht länger, man muss den letzten Zug erwischen).
Weshalb wir den Bühnenmanagern mit diesen neuen Vorlagen auf die Sprünge helfen wollen:
Der Richter und sein Henker
Dürrenmatt: allein der Name des Literatur-Giganten lässt Schulkindern erzittern, die einen Aufsatz über «Der Richter und sein Henker» schreiben sollen. Das leicht bekömmliche Musical bringt den schwer verständlichen Krimi endlich auf den Punkt. Wer da wen gemeuchelt hat, wird schon bei der Erkennungsmelodie von Bob Marleys «I shot the Sheriff» klar, und zwar immer, wenn der Mörder Tschanz die Bühne betritt.
Der Casting-Coup: Sergio Ermotti, dessen UBS auch das Hauptpatronat übernimmt, tritt als Tschanz auf und bedroht Erzfeindin Karin Keller-Sutter. So viel sei verraten: sie braucht ihn nur entwaffnend anzusehen! Und aus dem Wasser steigt eine Badenixe im Bikini, die Überraschung der Saison, Ursula Andress saniert mit dem Bad in der Menge ihre Finanzen. Die Schlagzeilen der Boulevard-Presse sind uns sicher: «Andress richtet ihr Bikini – und nichts henkt raus».
Heidis Lehr- und Wanderjahre
Die Seebühnen sind die grossen Recyclingstationen. Die Stoffe werden nach Gebrauch in den Musical-Kreislauf zurückgegeben. Heidi kommt dabei auf die höchste Umlaufzahl. In der radikalen Neufassung «Heidi Reloaded» muss die Protagonistin endlich lernen, dass sie ihre Berge nicht egoistisch für sich behalten kann.
Unternehmer Samih Sawiris haucht der Rolle eines Unternehmers, der aus dem Heidi-Dörfli einen modernen Kurort mit Hafen machen will, Leben ein. Hitverdächtig: der ABBA-Song «Money, Money, Money» wird in der Schweizerdeutschen Fassung zu «Berge, Berge, Berge – alles Bauland hier!» Hauptsponsor Pro Natura bewirbt das Stück als Heidi – ein Musical unter Naturschutz. Die Wirtschaftspresse urteilt: «Alptraum Alpen: Heidi wohnt jetzt mit Seesicht – im 5. Stock».
Nagra: das Grusical
Hier vermählen sich Politik, Gastronomie und Musical-Power: das Atomlager-Grusical wird am Katzensee aufgeführt, in unmittelbarer Nähe des geplanten Nagra-Stollens! Eine komplexe Handlung, für alle verständlich erklärt: 1. Akt: Eine abgelegene Gemeinde wird ausgewählt, wissenschaftlich begründet. Ein griechischer Chor aus Experten erklärt alles: «Irgendwo muss es ja hin». 2. Akt: der Bau: viele Jahre nach dem ersten Akt (hier natürlich nur in Minuten): Die Dorfbewohner schwanken zwischen Zweifel und Subvention. 3. Akt: Der Stollen ist fertig. Keiner der ursprünglichen Entscheidungsträger lebt mehr. Das Licht geht aus – und die Gäste können richtig mitfühlen, wie sich als entsorgter Brennstab im Dunkeln anfühlt. Eingedeutscht wird der beliebte Ohrwurm von Pink Floyd, «Another Brick in the Wall»:
Wir brauchen keinen Stollen,
wir brauchen keine Kontrollen,
Politiker, lasst uns zufrieden —
es ist ja nur Müll… tief unten im Stollen!
Die Regenbogenpresse urteilt: «Ein Musical, das inbrünstig gegen die Angst vor Atommüll ansingt. Am Ende strahlten alle.»
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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

Von Roland Schäfli
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