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von Roland Schäfli, 22.04.2026

Frei nach Max Frisch: Verlorene Frühwerke prominenter Thurgauer

Frei nach Max Frisch: Verlorene Frühwerke prominenter Thurgauer
Früh übt sich, was ein Meister werden will: Mona Vetsch, Peter Stamm, Julius Maggi und Napoleon III. drückten die Schulbank im Thurgau. | © rs/KI-generiert

Der Thurgaukler: Die jüngste literarische Sensation um einen wiederaufgetauchten Schulaufsatz von Max Frisch hat auch die Thurgauer Kulturforschung elektrisiert. Zum allerersten Mal publizieren wir die Hausaufgaben von Mona Vetsch, Napoleon III, Peter Stamm und Julius Maggi. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Max Frischs wiedergefundener Maturaufsatz gilt als kleine literarische Sensation. Schon 1930 brachte er zu Papier: «Je klarer und logischer wir denken, desto rascher erkennen wir die bodenlo­se Stumpfsinnigkeit unseres Daseins.» Wer solches in einem Aufsatz liest, müsste eigentlich die Dargebotene Hand verständigen. 

Wir sind in die Thurgauer Archiven gestiegen – und haben die frühesten Niederschriften bekannter Thurgauer zutage gefördert, strotzend vor jugendlichem Ungestüm. Die folgenden Aufsätze aus der Jugendzeit werden zum allerersten Mal publiziert: 

Peter Stamm

Literaturhistoriker sehen im Schulaufsatz aus der Weinfelder Schülerzeit von Peter Stamm ein frühes Dokument jener radikalen Reduktion, die später zum Markenzeichen des Bestseller-Autors werden sollte. Der vollständig erhaltene Text trägt den schlichten Titel «Nachmittag»:

«Ich sitze in der Schule am Fenster. 

Draussen fährt ein Traktor vorbei. Hinter ihm warten drei Autos.
Niemand hupt.

Die Wolken stehen über Weinfelden. Sie bewegen sich kaum.
Vielleicht bewegen sie sich, wenn ich nicht hinschaue.

Auf dem Parkplatz vor dem Volg steigt eine Frau aus.
Ich weiss nicht, was sie kauft. Braucht sie überhaupt etwas?

Ein Zug fährt Richtung Romanshorn. Ich sehe ihn nur kurz zwischen zwei Häusern. Dann ist er wieder weg.

Manchmal höre ich im Klassenzimmer die Uhr. Vielleicht hört sie mich auch.

Ich bleibe sitzen. Hoffentlich aber nicht in dieser Klasse.»

Was heutige Interpretationen als bedeutendes Erwachen einer neuen Stilrichtung würdigen, wurde von Stamms Deutschlehrerin als ungenügend benotet. In ihrem Randkommentar bemängelt sie einen ausgeprägten Mangel an Adjektiven und einen beschränkten Wortschatz. 

Napoleon III.

Der spätere Kaiser Napoleon III. verbrachte einen prägenden Teil seiner Jugend auf Schloss Arenenberg. Louis besuchte die Kantonsschule in Frauenfeld. Vor diesem Hintergrund gewinnt der kürzlich entdeckte Schulaufsatz des jungen Exilprinzen, der sich durch einen Putsch zum Souverän aufschwang, historische Bedeutung. 

«Ich bin Louis Napoleon Bonaparte. Von meinem Fenster im Schloss Arenenberg sehe ich weit über den See. Es ist gut, wenn man sich früh einen weiten Ausblick verschafft. Meine Maman verlangt immer, dass ich mein Zimmer aufräume. Ich sage ihr dann, dies ist schliesslich kein Museum! 

Meine Schulkameraden sagen, ich sei verrückt, weil ich mich für Napoleon halte. Dann setze ich meinen Hut verkehrt herum auf und stecke die Hand zwischen die Knöpfe. Daran merken sie, dass ich es ernst meine.

Unser Lehrer hat die Klasse nicht optimal organisiert. Ich habe deshalb den Plan gefasst, die Sitzordnung selbst neu zu bestimmen. Am besten überraschend, gleich nach der Pause. Wenn alle wieder hereinkommen, sitzen sie schon anders. So merkt man sofort, wer wirklich führen kann. Wenn das dem Lehrer nicht passt, setze ich ihn ab. 

Später möchte ich wieder nach Frankreich gehen. Dort gibt es grössere Klassen als hier. Mein Grossvater hat gezeigt, dass man sich auch selbst krönen kann, wenn die anderen zu lange überlegen.»

 

Mancher Thurgauer Schüler schrieb Weltgeschichte zuerst in sein Schulheft. Bild: rs/KI-generiert

Mona Vetsch

Besonders aufschlussreich erweist sich ein Fund aus der kurzen wirtschaftswissenschaftlichen Phase von TV-Moderatorin Mona Vetsch. Geschrieben kurz vor ihrem Abbruch des Wirtschaftsstudiums an der Uni St.Gallen, trägt ihr Essay den nüchternen Titel «Strategische Optionen der globalen Mobilität bei begrenzter Eigenfinanzierung» (Auszug):

«Ich bin der Ansicht, dass die moderne Unternehmung nicht mehr an einen festen Standort gebunden sein muss. Vielmehr muss sie dort tätig werden, wo sich interessante Menschen, attraktive Landschaften oder angenehme klimatische Bedingungen finden.

Ziel eines zukunftsfähigen Geschäftsmodells ist daher, eine Form der Wertschöpfung zu entwickeln, die es erlaubt, regelmässig interkontinentale Ortswechsel vorzunehmen, ohne die dabei entstehenden Kosten selbst tragen zu müssen. 

Dieses Prinzip lässt sich auf den Medienbereich übertragen. Sendungen könnten unter dem Gesichtspunkt der Information so konzipiert werden, dass sie eine Reise in entfernte Regionen zwingend erforderlich machen und sogar dem Grundauftrag entsprechen. Idealerweise entsteht beim Publikum der Eindruck, diese Mobilität erfolge zu seinem eigenen Nutzen. Halbierte Reisebudgets würden die Aussagekraft nachhaltig beeinträchtigen (…)»

Heute gilt dieser Text als frühes Statement einer Laufbahn, in der ökonomische Rationalität und unstillbare Reiselust zu einer eigenständigen Form der Weltaneignung verschmolzen sind.

Julius Maggi

Der spätere Markenpionier Julius Maggi besuchte die Bürgerschule in Frauenfeld und wuchs im Umfeld der väterlichen Mühle auf. Der Fund seines Tagebuchs lässt bereits erkennen, wie früh er Themen lancierte, mit denen er weltweite Ernährungskonzepte prägen sollte.

«In unserer Klasse bringt jedes Kind ein anderes Znüni mit. Das ist unpraktisch. Man müsste eine Speise erfinden, die alle gleich gernhaben. Sie müsste schnell verteilt werden und stark schmecken, damit man mit wenig auskommt. Ausserdem muss man etwas haben, was den Geschmack verstärkt, der gar nicht da ist. Wenn man das in eine kleine Flasche tut, denkt man gleich, das sei wertvoller als es wirklich ist. Wenn man das als Suppenwürfel macht, müssten Hausfrauen weniger lange Kochen und hätten mehr Zeit für andere Arbeiten, und ich mehr Sackgeld.» 

Diese literarischen Fundstücke lehren uns vor allem eines: Wer seine Hausaufgaben früh fertig macht, kann später ganze Gesellschaften damit belehren.

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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

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