von Zora Debrunner, 17.03.2014
Heftige Texte, Grenzen, Katzen

„Literatur in den Häusern der Stadt“ lud dieses Wochenende in Kreuzlingen zu Lesungen ein. Wir besuchten Gerda und René Imesch: Christoph Nix, Intendant des Theaters Konstanz, las in deren Privatwohnung aus Jesús Carrascos verstörendem Roman „Die Flucht“.
Zora Debrunner
Das Konzept ist einfach, aber wirkungsvoll: Offene Menschen laden andere Menschen in ihre gute Stube ein. Dort liest dann ein Kulturschaffender aus einem selbst ausgewählten Buch vor. Auch 2014 fanden sich in Konstanz, Kreuzlingen und Litzelstetten offene Menschen. Beziehungsweise offene Häuser. Wir wählten Kreuzlingen, der Intendant des Theaters Konstanz lockte mit einer erstaunlich heftigen Textauswahl.
Als wir bei der heutigen Gastgeberfamilie ankommen, finden wir weitere Zuhörer vor der verriegelten Türe des Mehrfamilienhauses. Gemeinsam warten wir darauf, dass man uns einlässt. Ein anrührend intimes Gefühl. René Imesch begrüsst alle mit Handschlag und freundlichen Worten. Dann steigen wir die Treppen hoch bis in den sechsten Stock.
Das intime Gefühl wird stärker, wir stehen mit einem Dutzend anderen Fremden in einer Wohnung! Neben der Terrassentüre ein Kratzbaum, überall Merkzettel und ausgelesene Bücher. Hier leben echte Menschen. Die Aussicht auf den See von der Terrasse ist grossartig, die Warmherzigkeit der Gastgeber ansteckend. Man beschnuppert sich. Die einen kennen sich bereits, andere wiederum sehen sich zum ersten Mal.

Impressionen der Lesung von Christoph Nix bei Gerda und René Imesch in Kreuzlingen. Bilder: Sascha Erni
So warten schliesslich alle neugierig, aber nicht ungeduldig, auf den Hauptakteur des Abends. Christoph Nix kommt einige Minuten verspätet: Er war mit dem Velo unterwegs und hat sich verfahren. Der guten Stimmung tut dies keinen Abbruch, Nix macht die Runde und gibt jedem die Hand. Die Gastgeber sorgen dafür, dass ein jeder etwas zu trinken und zu essen hat. Die Lesung sollte immerhin gut eineinhalb Stunden dauern.
Dann setzt sich Nix an seinen Tisch und beginnt. Es ist faszinierend zu sehen, wie er mit Stimme, Lesetempo und Handbewegungen seine Zuhörer fesselt. Nach dem ersten Abschnitt fragt Nix aufmerksam, ob er zu schnell sei. Der Raum verneint lachend. Die Passagen sind eindrücklich gewählt – das ganze Buch ist es. Man ist sprachlos ob der Gewalt der Worte. Die Zeit vergeht wie im Fluge, die Sonne geht mit Jesús Carrascos Worten unter. Vor dem geistigen Auge entstehen Bilder, Gefühle, Fragen. Dann stossen die Katzen des Hauses zur Gruppe. Sie schwänzeln durch die Wohnung. Auch ihnen scheint die Stimmung zu gefallen. Grenzen verschwimmen: Ist dies ein Event, organisiert vom Stadtmarketing, oder ein Treffen unter Freunden?
Im Anschluss an die Lesung erzählt Nix, wie es ihn an den Bodensee verschlagen hat, von Berlin über Thüringen und Kassel. Und das als Prof. Dr. der Juristerei. Auch seine Geschichte klingt wie ein Buch, das ich gerne lesen würde.

Von Zora Debrunner
Weitere Beiträge von Zora Debrunner
- Charakterstudie eines Gewalttäters (02.10.2018)
- SUPERGELB in der Spätsommer-Dürre (20.08.2018)
- Ein Spaziergang mit Felix Brenner (16.05.2018)
- Reise durch die Weinfelder Musikgeschichte (30.04.2018)
- Wie die Musikschule Weinfelden ihren 50. Geburtstag feiert (20.04.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Literatur
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
Ähnliche Beiträge
Melancholie auf ganz dünnem Eis
Ein ausverkaufter Abend im Literaturhaus: Peter Stamm spricht über sein neues Buch, Nichtkommunikation und die Frage, ob Literatur politisch sein muss. mehr
Verena Stefan forever
Vor 50 Jahren erschienen die „Häutungen“ von Verena Stefan. Im Literaturhaus Thurgau gab es dazu eine szenische Lesung mit „animierten Bühnenbild“ zum Werk der feministischen Autorin. mehr
Wie ein Film, nur als Buch
Graphic Novels verbinden filmisches Erzählen mit Literatur. Eine Ausstellung in Konstanz zeigt bis 15. März, warum das Genre boomt – und wie Erinnerung in Bildern eindrücklich erzählt wird. mehr

