von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 23.10.2026
Reise zu den Reizen

Zeitgleich zu den Romanshorner Kulturtagen läuft eine neue Ausstellung im Kornhaus. 21 Ostschweizer Künstler überraschen darin noch bis 30. Oktober mit berührenden, rätselhaften und urkomischen Arbeiten. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Man muss schon ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit reisen, um ein Rätsel dieser Ausstellung zu lösen. «Reizig!» heisst die Schau, die noch bis 30. Oktober im Romanshorner Kornhaus zu sehen ist. 21 Künstler:innen aus der Ostschweiz zeigen hier Arbeiten. Aber was genau meint dieser Titel? Im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird man fündig. Demnach bedeutete es ursprünglich «für einen Kriegszug gerüstet», «beritten» oder «auf der Reise befindlich» (hergeleitet von Reise als Kriegszug). In älteren Texten kam es auch mit der Bedeutung «verlangend, gierig» oder «aufgeregt» vor. Heute ist diese Form im Neuhochdeutschen veraltet.
Der Titel lässt sich also doppelt lesen: als Aufforderung, Reize zu setzen, und als Hinweis auf den Zustand des Gereiztseins. Auch die Debatte um das Ausstellungsformat im vergangenen Jahr klingt darin nach. Wer hier teilnehmen wollte, musste zahlen. Im konkreten Fall waren es 450 Franken pro Aussteller:in. Solche Teilnahmegebühren gibt es in Museen und klassischen Galerien eigentlich nicht. Entsprechend gross war die Aufregung auf unserem Instagram-Kanal dazu.
Kluge Reaktion auf Debatte aus dem letzten Jahr
In diesem Jahr haben die Veranstalter:innen daraus gelernt: Die ausgewählten Künstler:innen müssen nicht für ihren Platz in der Ausstellung zahlen; die Finanzierung der Ausstellung erfolgt durch Sponsoren und Zuschüsse. Dass das vierköpfige Ausstellungsteam aus Gerda Leipold, Corinna Dintheer, Brigitte Schneider und Annelies Debrunner die Diskussion ernst genommen hat und nun darauf reagiert, ist ein gutes Zeichen. Es spricht eindeutig für die Veranstalterinnen.
Susann Albrecht-Amsler, Ulrike Berthold, Giancarlo Bolzan, Martin Bührer, Ursula Anna Engler, Ursula Fehr, Annemarie Graf, Marianne Haas, Chantal Hediger, Edgar Leissing, Stefan Rogger, Marlies Pekarek, Gert Richter, Roland Rüegg, Brigitte Schneider, Jürg Strässle, Daniela Vincenz, Marco Vincenz, Walter Wetter, Jana Zürcher
Entsprechend neugierig macht man sich auf den Weg nach Romanshorn, um die diesjährige Ausgabe von «Simply Two: No. 5» anzuschauen. Der Titel der Reihe stammt noch aus den Anfängen, damals stand die Zahl 2 im Fokus. «Der Titel ist nun bewusst offen für die Assoziationen der Besuchenden und Betrachtenden», erklärt Gerda Leipold.
Verschiedene Perspektiven bereichern die Auswahl
In der nunmehr fünften Ausgabe des Formats stellen also 21 Künstler:innen aus der Ostschweiz aus. Stil und Form sind vielfältig: Neben Malerei, Zeichnung, Skulpturen und Fotografie gibt es auch Installationen im Raum. «Wir wollten eine möglichst grosse Bandbreite zeigen», sagt Brigitte Schneider, die die Ausstellung mitkuratiert hat. Sie zeigt dort selbst auch zwei Arbeiten. Das ehrenamtlich arbeitende Organisationsteam bringt unterschiedliche Hintergründe mit: Brigitte Schneider ist Künstlerin, Annelies Debrunner Soziologin, Corinna Diether Grafikerin und Gerda Leipold Museologin. Diese unterschiedlichen Perspektiven bereichern die Ausstellung und machen sie vielfältig.
Im rund 1300 Quadratmeter grossen Ausstellungssaal des Kornhauses – das kantonale Thurgauer Kunstmuseum träumt seit Jahren von einem Raum dieser Grösse – kommen die Arbeiten in einer klug komponierten Hängung zur Geltung. Zwischen den Werken entstehen Dialoge, Bezüge werden sichtbar. Die Anordnung zeigt, dass die Kuratorinnen Erfahrung mit solchen Ausstellungen haben. Raum und Ausstellung ergänzen sich überzeugend.
Wie ein Blick in die Seele
Ein erster Blickfänger sind die grossformatigen Porträts von Daniela Vincenz. In einer Dreierserie zeigt sie berührende Porträts von Frauen. Es könnte dieselbe Frau sein, vielleicht sind es aber auch Schwestern. Vincenz hält in ihren Acrylbildern einen melancholischen Moment fest. Die Porträts wirken dabei so unmittelbar, als gäben sie einen Blick ins Innenleben der Dargestellten frei. Beeindruckend aufreizend gerät auch eine zeichnerische Arbeit von Martin Bührer. Aus Schraffuren schafft er das ausdrucksstarke Porträt eines vampirgleichen Wesens. Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigte in diesem Jahr eine bemerkenswerte Ausstellung zum Fotorealismus. Bührers Werk erinnert daran.
In eine andere Richtung gehen die Arbeiten von Susann Albrecht-Amsler und Jana Zürcher. Während die St. Galler Künstlerin Albrecht-Amsler mit Fotografie und der Ästhetik von Werbeplakaten arbeitet, beschäftigt sich die in Zürich lebende Künstlerin Jana Zürcher mit textilen Strukturen und Tapeten. Ihre im Raum schwebenden Hochformate entfalten eine leicht psychedelische Wirkung. Die textilen Strukturen und Tapetenmuster laden dazu ein, genauer hinzusehen. Das gilt auch für die abstrakten Körperbilder von Chantal Hediger. Wer sich auf die abstrakten Farbflächen einlässt, entdeckt darin einen expressiven Zugang zu Sexualität und Körperlichkeit.
Muss die Kunst runter von ihrem Podest?
Bei den installativen Arbeiten ragen die Werke von Ursula Fehr und Brigitte Schneider heraus. Fehrs Bronzeskulpturen bestechen durch ihre eigenständige Ästhetik. Schneider schlägt mit ihren Arbeiten die Brücke zu gesellschaftlichen Fragen: Ihre Betonabgüsse von Automaten-Plastikkaffeebechern lenken den Blick auf den Wert eines Gesprächs. Eine weitere Arbeit stellt die Rolle der Kunst zur Diskussion: Müsste sie nicht vom Podest herunter und mitten ins Leben? Damit öffnet Schneider einen Denkraum, in dem Kunst als Dekoartikel, Mitbewohner:in oder gesellschaftlicher Seismograf erscheinen kann.
Walter Wetter sorgt mit seiner Installation für einen David-Lynch-Moment. Ein mönchsgleiches Wesen steht mit einem grossen, rostigen Sägeblatt in der linken Hand vor dem in Sepiafarben getauchten Porträt einer jungen Frau. Was es im Schilde führt, bleibt unklar. Das Unheimliche bricht in eine ansonsten friedvoll gestaltete Ausstellung ein.
Schön: Man darf auch lachen
Was der Romanshorner Ausstellung besonders gut gelingt: Sie nimmt sich selbst nicht zu ernst. Es gibt einige Positionen, die humorvoll und witzig auf das Thema der Schau reagiert haben. Ursula Anna Engler zum Beispiel zeigt eine Collage aus BH-Verschlussbändern. Direkt daneben lohnt ein genauer Blick auf die karikaturhaften Zeichnungen von Ulrike Berthold. Wie sie mit schnellen Strichen hier für herrlich komische Momente sorgt, ist auf ganz eigene Weise kunstvoll.
Man darf hier nicht zu viel verraten, sonst ist der halbe Spass verloren. Aber wer mag, suche einmal die Motive «Frieda uf Erden», «Der Busenfreund», «Clownkiss» und «Love is in the Air». Hier kommen Humor und Menschenliebe zusammen. Wirklich berührend. Und sehr lustig.
Was der Ausstellung gut gelingt
Nur noch bis 30. Oktober ist die Ausstellung im Kornhaus in Romanshorn zu sehen. Für Romanshorn, wo Bildende Kunst vergleichsweise wenig präsent ist, bedeutet das Format einen Gewinn. Die Ausstellung bietet Künstler:innen eine Plattform, deren Arbeiten andernorts nicht regelmässig zu sehen sind. Zwei Wochen bleiben allerdings wenig Zeit für eine Schau, hinter der so viel ehrenamtliche Arbeit steckt. Vielleicht lässt sich der Eigentümer des Kornhauses für die nächste Ausgabe ja erweichen und gewährt den engagierten Ausstellungsmacher:innen einen Kulturrabatt auf die Saalmiete. Verdient hätten sie es.

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