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23.07.2012

Nahrung wächst aus dem Tisch

Nahrung wächst aus dem Tisch

Seit Anfang Mai sorgt ein mit 24 Gedecken versehener langer Holztisch für viel Aufsehen im Garten des Thurgauer Naturmuseums in Frauenfeld. Aus einem grünen Rasentischtuch wachsen beinahe fünfzig Gemüse- und Früchtearten. Die Installation wurde vom Uesslinger Künstler Max Bottini in Zusammenarbeit mit dem Naturmuseum des Kantons Thurgaus realisiert. Das Projekt wird am 25. August mit einer Kochaktion vor Publikum beendet.

Das Projekt namens "Aus dem Tisch! Auf den Tisch" reiht sich ein in die lange Serie der Auseinandersetzung Bottinis mit unserem Umgang mit Lebensmitteln. Vor drei Jahren kam es zur ersten Zusammenarbeit mit dem Naturmuseum beim erfolgreichen Projekt "tomARTen". Dass "Aus dem Tisch! Auf den Tisch" im Garten des Naturmuseums stattfindet, sei alles andere als ein Zufall, meinte der Museumsdirektor Hannes Geisser an der gestrigen Medienorientierung. Der Museumsgarten, der seit 1996 gemeinsam von Archäologie- und Naturmuseum gepflegt wird, habe die Aufgabe, die Entwicklung und die Kulturgeschichte unserer Nahrung zu zeigen. Der rund 300 m2 grosse Garten, in welchem verschiedene Gemüsearten, Heilmittel, Gewürze, Getreide und alte Beerensorten angebaut werden, bildet den idealen Rahmen für Bottinis Kunst. Geisser zeigte sich beeindruckt von der ungewohnten Betrachtungsweise, welche in humorvoller und ästhetischer Weise einen Denkanstoss zu unserem Umgang mit Lebensmitteln gebe.

Ökowahnsinn Lebensmittelproduktion

Max Bottini erwähnt kurz die Geschichte vom italienischen Schwein, welches eingepfercht mit vielen Leidensgenossen ins 1'300 Kilometer entfernte Hamburg gekarrt wird, dann zurück kehrt und schliesslich als prusciutto crudo in einem temperierten Industriekeller in Parma auf seinen Versand und letztlich seinen Verzehr wartet. Diese Geschichte sei nur ein Beispiel für den täglichen ökologischen und ökonomischen Wahnsinn im Umgang mit Lebens- und Nahrungsmitteln. "Die Produktion von Nahrungsmitteln ist für die Konsumenten, bedingt auch durch die zunehmend industrialisierte Herstellungsweise, undurchschaubar geworden", stellt Bottini fest. Es mache den Anschein, dass die Distanz zwischen Produzenten und Konsumenten immer grösser werde.

Im Garten produziert, im Garten geniessen

Hier setzt Bottinis Arbeit ein: Für einmal soll die Distanz zwischen Produzent und Konsument auf ein Minimum reduziert werden. Knapp 50 verschiedene Kulturpflanzen wachsen aus dem 8 Meter langen Tisch direkt in die Teller hinein. Die immer üppiger werdende Tafel hat bereits einiges überstanden, so auch den üblen Hagelsturm von vergangener Woche. Sie erfreut Passanten und Besucherinnen noch bis am 25. August. Doch dann ist tabula rasa im wortwörtlichen Sinn: Sechs Köchinnen und Köche bereiten die Speisen direkt vor Ort auf vielfältige Art und Weise zu und bieten sie den Besucherinnen und Besuchern zur Verkostung an. Die öffentliche Aktion beginnt um 10 Uhr und dauert bis 14 Uhr. Die Tische und Stühle können am 25. August nummeriert und signiert von Max Bottini für 100 beziehungsweise 300 Franken (Bestellungen: naturmuseum@tg.ch) erworben werden. (id)

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