von Barbara Camenzind, 13.08.2018
Love Parade? Love Bänkli!

…oder ein Loblied auf die Provinz. Urban happening? Nicht schon wieder. Urban gardening? Uääk, wie unauthentisch. Vergessen Sie „urban“. thurgaukultur.ch stellte fest: Im Murg-Auen-Park in Frauenfeld waren vom 10.-12. August Spezialisten für „Weltreisen in die Nähe“ am Werk. Das „Out in The Green Garden Festival“ OITGG war und bleibt hoffentlich bezaubernd anders. Thurgauerisch eben. Charmant, etwas versteckt - und selbstgemacht.
Wie Goethes Faust: Ein Festival in zwei Teilen, nur cooler. So frech - überspitzt warben die Veranstalter für die Neuauflage von „Out In The Green Garden“ OITGG nach der Kunstpause im vergangenen Jahr. (thurgaukultur.ch berichtete.) Doch was braucht es den Brocken für den Hexentanz, wenn eine Parkanlage am Flüsschen Murg zum lauschigen Stelldichein abseits des Mainstreams einlädt. Sehr faustisch, in der Tat. Allein der Ort machte schon die Musik. Ein überschaubarer Platz mit zwei Bühnen, einer etwas grösseren und einer herzig kleinen, umrahmt von Bäumen und einer kühlen Parkanlage, wohlan, hier liess es sich sein. Und alle Traumata vergessen, die mit Open-Air-Festival-Besuchen aus der Jugendzeit verbunden sind. Kein Dauerkrach, Dreck, Dichtestress, Sonnenstich und Liebeskummer. Gegen letzteres gab es sogar ein Love-Bänkli im Grünen.
Der Blick auf das LineUp zeigte: Die Musikverantwortlichen des OITGG sind nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen. Sie verfügen über gute Kontakte. Der Mix aus regionalen und internationalen Bands, beziehungsweise Musikern, die ein Heimspiel gaben, kam sehr gut an. Dazu klug kombiniert das Rave-Zelt, etwas abseits gelegen, um durch die Nacht zu tanzen.
Ein paar musikalische Highlights, selbstgehört und von zwei weiteren Ohrenpaaren bestätigt: Am Freitag überzeugten “Häxxan““ aus Israel mit ihrem echt abgefahrenen Schrägrock, am Samstag bezauberte Indiepopper Jonathan Bree mit seiner geheimnisvoll maskierten Band und kühlen, etwas an Sigur Rós erinnernden Klängen. „Cheibe Balagan“, die Schweizer Klezmertruppe, spielte sich fröhlich trötend in die Herzen der Zuhörenden. Tanzen, tanzen! Am Sonntag - so wurde berichtet - sorgte „Tischbombe“ für Bombenstimmung bei den in Heerscharen angereisten Kindern. Es war für alle etwas da.
„Wir wollen, dass dies hier passiert.“
David Nägeli, Presseverantwortlicher des OITGG-Kollektivs ist zufrieden mit der Wiederaufnahme. „Wir haben einen sehr guten Draht zur Stadt und zu den Behörden und schauen vorwärts.“ Die Zahlen sprechen für sich: Rund 2500 Besucher, mit einer nicht ganz festzumachenden Zahl an Kindern, kamen in den Murg-Auen-Park. Neben dem vielseitigen Musikangebot lockte das Kinderprogramm am Sonntag, der Jamsession-Jurte, wo selber musiziert werden durfte. Ein kleiner Markt, ein bezahlbares, leckeres Essensangebot und liebe, kleine Details, wie bunte Steine an der Murg mit Aschenbechern.
Wegleitung zum freiwilligen Festival-Beitrag.
(Foto: Barbara Camenzind)
A Propos bezahlbar: Mit dem Eintrittspreis „bezahl was du möchtest“, lagen die Frauenfelder voll im Trend - und konfrontierten selbst die hipsten Festivalbesucher mit der in Finanzdingen ureigenen Ostschweizer „Brötigkeit“. Um der Hilflosigkeit im Umgang mit so viel Selbstverantwortung etwas entgegenzukommen, montierte OITGG eine Tafel mit einer netten Gebrauchsanweisung - die zu helfen schien.
Auf die Frage, was denn das OITGG von anderen Festivals abgrenze, sagte Nägeli: Wir wollen dieser Gegend etwas zurückgeben. Die meisten in unserem Kollektiv stammen von hier, sind zum Teil ausgewandert und arbeiten im Kulturbereich oder der Veranstaltungstechnik. Für uns ist es eine Art „Klassentreffen“ zu dem wir alle einladen. Wir lieben Kultur und Musik, wir wollen selber Hand anlegen und wir wollen, dass dies hier passiert. Dass wir das Festival durch das Gelände B um viel an Nacht- und Tanzkultur erweitern konnten, ist für uns vor allem eine grosse Freude. Ebenso freut es uns, dass das erstmalige Kinderprogramm am Sonntag von vielen Familien besucht wurde.“
„Du gleichst dem Geist, den du begreifst“, heisst es in Goethes Faust. Die guten Geister des OITGG-Kollektivs spinnen sicher schon Ideen für das nächste Jahr. Gut so.
Weitere Bilder und Impressionen unter www.outinthegreengarden.ch

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