von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 23.08.2023
Literatur statt Netflix

Eine Plattform für junge Autor:innen: Bei den „Sofalesungen“ treffen jetzt auch im Thurgau Debütant:innen auf ein neugieriges Publikum im privaten Umfeld. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Literaturlesungen raus aus den Veranstaltungssälen, hin zu den Menschen zu bringen, ist keine ganz neue Idee. In Kreuzlingen und Konstanz gibt es seit Jahren die Reihe „Literatur in den Häusern“, am Untersee gibt es jedes Jahr ein Literaturwochenende, an dem Lesungen in zumindest halbprivaten Räume stattfinden, auch die Literaturtage in Arbon bespielen mit dem Haus Max Burkhardt im Prinzip ein Wohnhaus.
Und doch ist das, was der Verein „Sofalesungen“ seit einigen Jahren macht, nochmal ein bisschen was anderes. Das Format widmet sich explizit Nachwuchs-Autor:innen und will eine Plattform für neue Stimmen im Literaturbetrieb sein. Der gemeinnützige Verein führt eine Geschäftsstelle und veranstaltet eigenständig oder in Kooperation mit professionellen Literaturveranstalter:innen in weiten Teilen der Schweiz öffentliche Lesungen in Räumlichkeiten privater Gastgeber:innen.
Vielleicht ist es ja auch gerade jetzt eine besonders dringende Idee, die Kunst zu den Menschen zu bringen. Um nach den abgeschotteten Pandemiejahren wieder bereit zu werden für Begegnungen. Rauszukommen aus der Bequemlichkeit. Und den Rückzug ins Private ein Stück weit aufzubrechen - ehe wir alle in unseren Sofaritzen beim Glotzen von Streamingdiensten versinken. Der Ansatz: Literatur und Austausch statt Netflix und Konsum. Wäre nicht das schlechteste Motto in diesen Tagen.
Laura Vogt weiss, wovon sie spricht: Sie hat selbst in der Reihe debüttiert
In Kooperation mit der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur (GdSL) kommt das Projekt nun auch in den Thurgau - am Sonntag, 3. September, 17 Uhr, liest die Autorin Sara Wegmann aus ihrem Erstlingswerk „Sirma“. In dem Roman geht es um Sprachlosigkeit in Familien und zwischen den Kulturen. Möglich gemacht hat diese Lesung auch Laura Vogt von der GdSL. Sie koordiniert das Sofalesungen-Programm für die Ostschweiz. Und sie weiss sogar, wie sich so eine Sofalesung anfühlt - mit ihrem eigenen Debütroman „So einfach war es also zu gehen“ gastierte sie auch in der Reihe.
„Mir hat das damals sehr gefallen, es war eigentlich eine der schönste Lesungen, die ich je hatte“, erinnert sich Vogt. Die Atmosphäre mit maximal 25 Zuhörer:innen intim, der Austausch rege, die „Sofalesungen“ wollen Literatur niederschwellig und nah erlebbar machen. Die Lesungen finden jedes Mal an einem anderen Ort statt. Wo genau, das wird erst bei der Anmeldung zur Veranstaltung bekannt gegeben. „Auch durch die verschiedenen Orte und die unterschiedlichen Gastgeber:innen ist jede Lesung völlig anders“, sagt Laura Vogt.

Zwei Dinge sind gesetzt bei der Auswahl der Autor:innen
Bislang gibt es vier Sofalesungen pro Jahr in der Ostschweiz, in anderen Regionen sind es teilweise deutlich mehr. Für Fans der Reihe gibt die Website einen guten Überblick dazu, wann in welcher Gegend mal wieder eine Sofalesung stattfindet.
Welche Autor:innen eingeladen werden, das entscheiden die Veranstalterinnen der Sofalesungen. Im Prinzip seien sie da sehr offen, sagt Laura Vogt. Gesetzt seien nur zwei Dinge: „Es muss eine wirklich neue literarische Stimme sein, der vorgestellte Roman sollte also entweder ein Debüt oder maximal das zweite veröffentliche Buch sein. Und es muss einen professionellen Verlag im Hintergrund geben“, erklärt die Autorin. Auf Genrevielfalt werde geachtet und es werden auch nicht nur Autor:innen eingeladen, die den Veranstalter:innen gefallen. „Wir versuchen uns da wirklich breit aufzustellen“, sagt Vogt.
So kann man sich als Gastgeber:in bewerben
Ein bisschen Mitsprache beim Programm haben auch die jeweiligen Gastgeber:innen. „Wir achten darauf, dass es passt: Kein Lyrikfan bekommt einen blutrünstigen Krimi auf sein Sofa!“, heisst es auf der Internetseite des Vereins „Sofalesungen“.
Wer selbst einmal Gastgeber:in werden möchte - der Verein sucht regelmässig nach neuen Leseorten. Eignen tue sich dafür fast alles, schreibt der Verein: „Sofalesungen sind öffentliche Lesungen im kleinen Rahmen in privaten Räumen ohne Firlefanz.“ Wer also ein Wohnzimmer, eine WG-Küche, einen Hinterhof oder einen Schrebergärten zur Literaturbühne machen will: Bewerbungen als Gastgeber:in sind über die Website des Vereins „Sofalesungen“ jederzeit möglich.

Sofalesung in Amriswil am 3. September
Sonntag, 3. September 2023, 17 Uhr
Eintritt: Zahl, was du magst 10.- / 20.- / 30.- / Mitglieder der GdSL: gratis
Anmeldung und Ticketreservierung über die Website
Inklusive anschliessendem Apéro
Moderation: Karsten Redmann
Ort: Amriswil; genauer Ort wird bei der Anmeldung unter www.sofalesungen.ch bekanntgegeben
Zur Autorin und zum Buch: Sara Wegmann: «Sırma»
Sirma wächst in Pakistan auf und erwirbt ihre Sprache vor dem Fernseher. In der Schweiz soll ihre »Sprachstörung« kuriert werden. Doch nach einer Explosion entdeckt Sırma, dass sich die Zeit im Haus ihrer Gasteltern verlangsamt hat. Sırma wandert mit ihrer stummen Freundin Alexandra weiter nach Hongkong, wo diese Mutter und Programmiererin einer staatsgefährdenden App wird und sie selbst Kinderbuchillustratorin.
„Sara Wegmanns fulminantes, so magisches wie realistisches Debüt erzählt von der Sprachlosigkeit in der Familie und zwischen den Kulturen. Traumata und Gespenster bestimmen das Denken und Handeln der beschädigten Figuren. Wegmann schreibt eindringlich und formal beglückend über das Unaussprechbare: Familie und Freundschaft in der Diktatur und im Willkürstaat“ schreiben die Veranstalter:innen.
Sara Wegmann, geboren 1985, Studium der Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder und des Literarischen Schreibens am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, Promotion in Sozialanthropologie. Sie lebt nach längeren Aufenthalten in Berlin, Istanbul und Kairo heute in Zürich. Der Roman Sırma ist ihr erstes Buch.

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