04.04.2013
Kulis Kulthurbetrachtung 50

Über Ostern wollte ich wieder einmal weg. Die Hauptstadt lockte. Nicht Bern! Schliesslich kamen wir Thurgauer nicht freiwillig zur Schweiz, die Eidgenossen mussten uns erst erobern. So ist meine Beziehung zu Bern eher problematisch. Die langen Jahre der Besetzung und Plünderung durch die Landvögte taten unserer Volksseele gar nicht gut. In der Eidgenossenschaft sind die Kantone im Osten auch heute noch ein wenig beachtetes Anhängsel. Im Grunde waren wir im Thurgau immer Untertanen. Die Römer besetzten uns, die Klöster besassen uns. Als die Kyburger ausstarben, folgten die Habsburger und liessen uns teilhaben am Glanz ihres aufstrebenden Hauses. Leider rückten dann die kulturverachtenden und brutalen Bauernsöhne aus der Innerschweiz an und zerrissen die Fäden, die uns mit Wien verbanden. Daher drehen wir der Schweiz gerne den Rücken zu, geniessen unsere Hamstertouren bei Lidl und Aldi und pflegen auch sonst gute kulturelle Beziehungen zu den deutschen Nachbarn - denken wir nur mal an den Bodensee-Tatort, in dem Roland Koch einen Thurgauer Polizeibeamten spielt, der mit Eva Mattes ausgezeichnet zusammenarbeitet. Wenigstens mit der Zeit. Dass es manchmal kriselt mit Konstanz, liegt eben daran, dass wir uns zu sehr von der Schweiz prägen liessen.
*
So zog es mich über Ostern in die Hauptstadt, in der ein Thurgauer vom Kellner nach dem dritten Besuch und ordentlich Trinkgeld höflichst Herr Oberkolumnist genannt wird, währendem sich sein Berufskollege in Bern höchstens über den Ostdialekt des Gastes gewundert hätte. Auf dem Flohmarkt an der Wienzeile unter den Jugendstilhäusern finde ich eine fleckige Karte von Europa, auf der Gebiete im Thurgau zu Habsburg gehören. In der Residenz ist ein Porzellanteller ausgestellt, auf dem Frauenfeld abgebildet ist. Man stelle sich das mal vor!
*
Die tiefste Verbundenheit Wiens spüre ich aber im Burgtheater. Die Wiener geben etwas auf ihre Burg und die Schauspieler. Stücke von einheimischen Autoren stehen auf dem Spielplan. Die Burgschauspieler hängen in Öl gemalt in den Gängen. Wo in der Schweiz wäre dies möglich? Bei meinem Rundgang vor dem Stück treffe ich dann auf sein Bildnis, Denkerpose, die Augen blicken nach Westen in Richtung Heimat. Es klingelt, Balkon rechts, rotes Plüsch, das Licht geht aus, da steht er auch schon auf der Bühne. Beim Schlussapplaus kommen mir fast die Tränen. Einer von uns ist Burgschauspieler! Sogar Sprecher des Ensembles! Roland Koch, Thurgauer Polizist aus dem Tatort. Schöner könnte dieser Theaterabend nicht ausgehen. Dass, wie ich später erfahre, Koch eigentlich Aargauer ist, tut nichts zur Sache, schliesslich steht dort das Stammschloss der Habsburger.
Kuli
Ähnliche Beiträge
Schluss mit dem Innovationstheater!
Mein Leben als Künstler:in (5): Wer heute als Künstler:in gefördert werden will, muss innovativ sein. Aber was heisst das schon? Simon Engeli über einen irreführenden Begriff. mehr
Vorausblicken mit Prometheus
Mein Leben als Künstler:in (17): Simon Engeli über die Angst vor Neuanfängen und seine künftige Aufgabe beim See-Burgtheater in Kreuzlingen. mehr
Der Lagerraum-Blues
Mein Leben als Künstler:in (9): Von glücklichen und wehmütigen Erinnerungen: Simon Engeli stöbert durch das Archiv seines Theaterschaffens. mehr

