von Andrin Uetz, 09.06.2021
Gut gemeint

Der in Weinfelden aufgewachsene Musiker Stephan Greminger bringt am Freitag (11. Juni) als HisDogBingo ein neues Album mit dem Titel „Lazy Boy” auf den Markt. Richtig überzeugend ist es nicht. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Das Album beginnt mit dem Titeltrack „Lazy Boy”, welcher etwas an Frank Zappas schnulzigere Popsong-Parodien erinnert. Vor allem die prägnanten Basslinien von Robert Aeberhard, welcher noch auf weiteren Tracks zu hören ist, und deren Zusammenspiel mit einer elektrischen Orgel und der Surf-Gitarre von Simon Rupp verleihen dem Song eine gewisse Lässigkeit.
Wenn Greminger singt „a lazy boy who never changes his ways” und dann die Gitarren in eine verträumte Bridge gleiten, so sieht man den alten VW Bus, oder besser gesagt einen neuen VW Bus, der den modernen Komfort mit dem Vintage-Feeling kombiniert, irgendwo an der Aare parkiert, ein paar jung gebliebene Männer am Grill, dazu eine Kiste Bier.
Die Zutaten stimmen, doch es fehlt noch etwas Pfeffer und Salz
„Demonstrations of Love”, der zweite Track, bei welchem Greminger alle Instrumente gleich selbst spielt, hat eine knusprige Gitarrenlinie und witzige 80s Synthesizer, was in Kombination mit dem leicht pathetischen Text ein gutes Camp-Moment herstellt.
„High & Dry” vermischt den typischen Schweizer SRF3-Sound mit einigen balkanesken Trompeten, eingespielt von Thomas Knuchel. Beide Songs sind irgendwie gut gemeint, aber zünden wollen sie nicht so richtig. Es fehlt der Mut zur Dynamik und zum Ausbruch.
Eine Hommage an Leonard Cohen
„Dissonant People“ klingt wie die Quintessenz eines Leonard-Cohen-Songs. Die akustische Gitarre, ein andächtiger Chor, und wieder die südslavischen Roma-Bläser, bei derem musikalischen Kulturgut sich auch der grosse Meister gern bediente. Leider fehlt das wichtigste, nämlich die tiefe Stimme und Poetik von Cohen. Durchaus denkbar, dass er den Song zu einem Welthit gemacht hätte.
Aber hier kommen wir auch zur Krux des ganzen Albums: Die Stimme von Greminger kann nicht überzeugen. Es geht nicht einmal um die Gesangsleistung, die ist schon gut soweit, doch Popmusik steht und fällt mit dem Ausdruck und Charisma des oder der SängerIn. Und das fehlt hier leider.
Weiter gehts durch den Plattenschrank
„Holding back your Tears” klingt wie ein Arctic-Monkeys-Track, wobei die Stimme bei den Rap-Einlagen etwas an DJ Bobo erinnert. Bei „Dragonfly” hingegen stimmt irgendwie alles zusammen, der Lazy Boy gehört ins Ferienresort, und genau diese Gemütlichkeit mit etwas Schalk passt da perfekt hin.
„Possibly” variiert nochmals die Elemente der vorangegangenen Songs, ohne viel Neues daraus zu machen. „Melancholy Man” zeigt nochmals eindrücklich, wie schwierig es ist, etwas überzeugend zu singen. Immerhin ein schöner Space-Echo im Refrain.
„Silly Moon” ist ein Cover des Songs „Grober Mond” der Band Büro Amsterdam, bei dem Greminger früher mitgewirkt hatte. Diese etwas an die Zusammenarbeit von Ryuichi Sakamoto und David Sylvian erinnernde Nummer markiert einen späten, aber umso willkommeneren Höhepunkt eines sonst eher mittelmässigen Albums.
Mehr zum Künstler und seinem neuen Album gibt es auf der Website von Stephan Greminger: https://www.hisdogbingo.ch/

Weitere Beiträge von Andrin Uetz
- Verwebung von Kultur und Industrie (12.09.2025)
- Rock und Pop am Bodensee (19.08.2025)
- Erfolgsrezept aus Egnach (05.05.2025)
- Das Parkhaus als Zwischenzone (04.04.2025)
- Konstante Veränderungen (25.03.2025)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Musik
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
- Pop
Ähnliche Beiträge
Stimmen der Anderswelt
Mit «The Deers Cry» präsentierte der Oratorienchor Kreuzlingen ein mutiges Programm zwischen Renaissance und Gegenwart – nicht immer makellos, aber eindrücklich. mehr
Zwischen Sofas und Selbstoffenbarung
Kerzenlicht statt drängender Festivaldynamik, leise Töne statt Ekstase: Beim Wohnzimmerkonzert im Presswerk Arbon präsentierte sich die Ostschweizer Rapcrew 2kmafia von einer ungewohnt intimen Seite. mehr
Elegante Frühlingsklänge
Mendelssohn, Stamitz und Schubert mit Extraklasse: Das Jugendorchester Thurgau setzte in seinem Frühlingskonzert auf Kammermusikalisches mit Grösse. mehr

