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von Roland Schäfli, 21.10.2026

Google Maps, Thurgauer Version 1745

Google Maps, Thurgauer Version 1745
Die Karte des Kartäusers wirft die Frage auf, warum die Tech-Giganten Tausende Satelliten benötigen und der Gottesmann nur den Beistand vom Herrn im Himmel. | © rs/ki-generiert

Google braucht Satelliten, um Google Maps aktuell zu halten. Im Thurgau genügte ein Mönch mit guten Verbindungen nach ganz oben. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Im Jahr 1745 schuf ein Kartäusermönch in Fleissarbeit eine überdimensionale Thurgauer Karte des Herrschaftsbereichs des Klosters Ittingen. Im Sinne klösterlicher Bescheidenheit beschränkte er sich auf 16 Quadratmeter. Jetzt, 281 Jahre darauf, wird die 3,2 x 5 Meter grosse Karte im Gewölbekeller der Kartause bis 20. Dezember erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

Weil die Zoomfunktion noch nicht erfunden war, wurden die Papierblätter später auf Leinwand aufgeklebt. Der Prozess lässt sich mit dem BRAVO-Starschnitt vergleichen, den ältere Leser dieses Berichts vielleicht noch kennen mögen. Auch der Mönch wollte den Thurgau am liebsten in Lebensgrösse an der Wand haben. Doch augenscheinlich wurde die Karte dann selten gebraucht, denn die Blätter sind nicht abgenutzt. Vielleicht hatten die Mönche aber auch einfach Angst, die Seitenränder könnten vergiftet sein. 

Frühe Luftaufklärung

Josephus hat auf der Rückseite ein Widmungsgedicht hinterlassen, als wüsste er schon, dass Historiker sich auch einmal dafür interessieren würden, was hinter diesem Werk steckt. Tatsächlich arbeitete der Pater so gewissenhaft, dass die Eintragungen sogar dem Vergleich mit einem aktuellen Luftbild standhalten. Wie er sich eine derart präzise Vogelperspektive verschaffte, ist ungeklärt – vermutlich hatte er gute Beziehungen nach ganz oben. 

 

Die Güterkarte beeindruckt auch die stellvertretende Museumsdirektorin Stefanie Hoch durch Grösse und Präzision. Bild: Inka Grabowsky

Josephus war ein Heimlifeisser

Man könnte ihn auch einen Pionier der Digitalisierung nennen. In einer einzigen Anwendung vereinte er GPS, Grundbuchamt und Steuerverwaltung. Sein Programm hatte allerdings eine Bezahlschranke: wer darauf erschien, musste bezahlen. Denn Josephus schrieb bei den Parzellen auch gleich dazu, welcher Bauer dem Kloster wie viel Pacht schuldete. Wahrhaftig, dieser Josephus war gleichzeitig Prokurator, und damit Ittingens oberster Inkassobeauftragter. 

Dabei praktizierte er eine frühe Form der Ökumene: Katholische Bauern wurden freundlich an ausstehende Zahlungen erinnert - reformierte nicht. Deren Höfe konnte das Kloster bei Zahlungsversäumnissen nämlich pfänden und an Katholiken weitergeben. So förderte Ittingen die Gegenreformation mit den Mitteln der Immobilienwirtschaft.

Heute würde man diesen Klosterbruder eine Datenkrake nennen. Datenschutz war damals noch sehr einfach: Das Kloster hatte alle sensiblen Daten gespeichert, und kein Hacker beging die Sünde des Diebstahls. Auch die Cloud nutzte er bereits: Sämtliche Daten waren nach oben hin abgesichert.

Die letzten Prophezeiungen 

Dass Josephus nicht nur Kartograf, sondern auch Prophet war, blieb der Geschichtswissenschaft bislang verborgen. Erst dieser Redaktion gelang es, seine mit Zitronensaft geschriebenen Randnotizen zu entziffern. Dazu musste die kostbare Karte lediglich über eine brennende Kerze gehalten werden, ein unter Restauratoren umstrittenes Verfahren, das nichtsdestotrotz die folgenden sensationellen Erkenntnisse zeitigt.

·     So hat er bei der Hauptstadt verzeichnet: «Wehe den Frauenfeldern, die Ross und Karren aus ihrer Altstadt verbannen! Denn ohne Fuhrwerk vor der Ladentüre wird der Handel zugrunde gehen, und die Kaufleute werden darben.»

·     Gen Konstanz zeichnete er eine gestrichelte Linie, auf der «die Thurgauer pilgern, um Fleisch, Milch und andere irdische Güter billiger zu erwerben. Und sie werden dies Schnäppchen nennen.» 

·     Bei Oberwangen vermerkte er bei einem eigentlich bedeutungslosen Hang: «Hier würden die Menschen dereinst von einer Höllenmaschine bergan gezogen, um alsbald auf Brettern wieder hinabzufahren», womit er das Sisyphus-Verhalten am späteren Skilift voraussah.

·     Besonders interessant: auf dem damaligen Narrenberg zeichnete er ein Schloss, auf dem der Kaiser der Franzosen aufwachse und für das künftige Generationen Eintritt bezahlen müssen, um sein Kinderzimmer sehen zu dürfen. 

·     In jener Zeit besassen die Kartäuser den Nussbaumersee, und das weise Mönchlein sah voraus: «Dereinst werden Menschen von weither kommen, um am Ufer müssig zu liegen.» Und beim Bodensee: «Am Ufer dieses Gewässers mögen alsbald Häuser und Bootsstege entstehen, deren wohlhabende Besitzer nur an hohen Feiertagen erscheinen.» 

·     Warth-Weiningen, im Herrschaftsgebiet der Kartause, hat er mit einem roten Kreis umrandet: «Hier wird ein Mann Wohnsitz nehmen, der mit dem Bau pferdeloser Wagen ein Vermögen verdient, und dessen Steuerzehnt wird der Gemeinde solchen Segen bringen, dass die übrigen Untertanen kaum mehr Steuern zahlen müssen». Warth-Weiningen wartet seither auf die Heiligsprechung dieses Steuerzahlers. 

Fürwahr, Josephus sah vieles voraus, als er seine Karte anfertigte: Nur nicht, dass die Thurgauer eines Tages der von Gott geschaffenen Thur vorschreiben würden, wo sie durchzufliessen habe. 

 

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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

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