Seite vorlesen

von Inka Grabowsky, 18.12.2025

Es geht um die Wurst: Tennisclub vor der Zerreissprobe

Es geht um die Wurst: Tennisclub vor der Zerreissprobe
Ein Team, ein Verein – und bald ein Streitfall. Das ist die Geschichte des diesjährigen Silveststücks der Bühni Wyfelde. | © Bühni Wyfelde

Ein zusätzlicher Grill bringt einen Tennisclub an den Rand der Eskalation: Die Bühni Wyfelde probt mit «Extrawurst» eine Komödie über Rücksichtnahme, Empörung und fragile Gemeinschaften. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Das Bühnenbild im Theaterhaus Thurgau ist bereits sichtbar – einmal mehr stammt es von Peter Affentranger. Wir befinden uns eindeutig im Vereinslokal eines Tennisclubs. Fotos vergangener Turniere hängen an den Wänden, Pokale stehen in der obligatorischen Vitrine. Doch noch ist bei den Proben vieles im Fluss. «Ich komme aus dieser Tür raus, oder?», fragt Thomas Götz, der den Präsidenten des Sportvereins spielt.

Im Stück «Extrawurst» debattieren die Mitglieder an der Generalversammlung, ob sie zum Sommerfest einen zusätzlichen Grill anschaffen müssen – weil der Star-Spieler Muslim ist (gespielt von Simon Gander) und deshalb Schweinsbratwürste meiden sollte. Gerade wird jene Szene geprobt, in der der Streit bereits zum ersten Mal eskaliert ist und nach einer Pause erneut aufflammt. «Und jetzt das Ganze noch mal ohne die tödlichen Pausen», sagt Regisseur Jean Grädel. Es fehlt ihm bei den Darstellern noch an Leichtigkeit.

 

Thomas Götz vor den Tennis-Erinnungsfotos in den Kulissen des Stückes. Bild: Inka Grabowsky

Grosser Aufwand für alle Beteiligten

Vier Schauspieler und eine Schauspielerin (Marissa Anduezza) opfern seit September ihre Freizeit für das traditionelle Neujahrsstück der Bühni Wyfelde. «In meinem Fall kann man von einem Ritual sprechen», sagt Thomas Götz. «Seit fünfundzwanzig Jahren muss ich mir keine Gedanken darüber machen, wie ich den Silvester verbringen soll.» Er geniesse die Zusammenarbeit mit den anderen. «Unter dem Jahr stehe ich ja meistens allein auf der Bühne».

Das Ensemble setzt sich dieses Mal aus drei Profis und zwei Amateuren zusammen. Gerade Letztere bringe die Arbeit besonders weiter, erklärt Marta Wechsler, Präsidentin des Theatervereins und Produktionsleiterin. «Wir bekommen immer wieder Anfragen von Menschen, die gerne einmal mitspielen möchten. Wenn wir dann ein Stück haben, bei dem sie passen könnten, laden wir sie zum Casting ein.»

Die Besetzung sei die halbe Inszenierung, betont Jean Grädel. Entsprechend viel Zeit nimmt er sich für die Arbeit mit den Bewerbern. «Nach einer halben oder Dreiviertelstunde weiss man, ob jemand für eine Rolle passt oder nicht.»

Aktuelles Thema mit räumlicher Distanz

Mit «Extrawurst» von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob hat die Bühni Wyfelde ein Stück gewählt, das sich vordergründig um die Frage dreht, wie viel Rücksichtnahme zu viel Rücksichtnahme ist. Unwillkürlich fühlt man sich an die Diskussion um ein Grabfeld nach islamischer Tradition erinnert, die Weinfelden beschäftigte, bis die Stimmbürger im Mai mit 52 Prozent dagegen entschieden.

«Uns ist das durchaus bewusst», sagt Marta Wechsler. «Aber in dem Stück geht es um so viel mehr. Es spielen sich Szenen ab, die wir alle aus unserem Alltag kennen – nur auf die Spitze getrieben, damit es neben dem Nachdenken auch etwas zu lachen gibt.»

Darin liegt für Jean Grädel die Essenz von «Extrawurst»: «Wenn aus einer Maus ein Elefant gemacht wird, zeigt sich, wie fragil der gesellschaftliche Zusammenhalt sein kann. Im Hintergrund stehen Eskalationsmechanismen und eine starke Bereitschaft zur Empörung.» Um die Schärfe zu mildern und nicht alte Wunden aus der Weinfelder Debatte aufzureissen, hat die Truppe das Stück bewusst nicht auf Schweizer Verhältnisse umgeschrieben, sondern in Deutschland belassen. Anspielungen auf die rechtsextreme AfD sind hierzulande leichter zu akzeptieren als direkte Bezüge zu eigenen nationalistischen Strömungen.

 

Wenn der Muslim sich mit dem Christen verbündet um vom Atheisten Toleranz einzufordern, dann kann das komisch wirken. (vorne Simon Gander, Marissa Anduezza und Kim Ammann) Bild: zVg

Schwer zu bekommen

«Ich lese jedes Mal rund fünfzig Stücke, bevor ich mit einem Vorschlag an den Theatervorstand herantrete», sagt Jean Grädel. «Gute Komödien, die nicht ins Banale oder Alberne abdriften und nicht unter die Gürtellinie zielen, gibt es selten», bestätigt Marta Wechsler. «Und wir hatten genug von Dramen, die sich nur deshalb abspielen, weil jemand die falsche Tür öffnet.»Hinzu kommt der Gebietsschutz der Verlage: Wenn professionelle Theater Aufführungsrechte erworben haben, kommen Amateurbühnen wie die Bühni Wyfelde nicht mehr zum Zug.

«Extrawurst» wurde vergangenes Jahr bei den Festspielen in St. Gallen gezeigt und kommt Mitte Januar in die Kinos. Die Uraufführung fand 2019 im Ohnsorg-Theater in Hamburg statt. «Ich habe das Stück schon seit vier Jahren im Hinterkopf», sagt Grädel. «Nun freue ich mich über die Möglichkeit, es umzusetzen.»

 

Die Aufführungen ab 31. Dezember

Es gibt insgesamt 18 Termine vom 31. Dezember 2025 bis 24. Januar 2026   Tickets (35 Franken) unter https://www.buehniwyfelde.ch/aktuell/spieldaten          

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Bühne

Kommt vor in diesen Interessen

  • Vorschau
  • Schauspiel

Werbung

Neue Folge Kulturstammtisch - jetzt reinhören!

Wie steht es um den Kulturjournalismus? Eric Facon im Gespräch mit Rebecca C. Schnyder, Vera Zatti und Johannes Sieber.

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026

Kulturplatz-Einträge

Veranstaltende

bühni wyfelde

8570 Weinfelden

Kulturorte

Theaterhaus Thurgau

8570 Weinfelden

Ähnliche Beiträge

Bühne

Wo die Liebe zum Theater beginnen kann

Wenn die Theaterblitze einschlagen, zünden die Funken: Von Januar bis Juni 2026 bringt das Theater Bilitz Theater für Kinder, Jugendliche und Schulklassen an mehrere Orte. mehr

Bühne

Vom Beinahe-Verbot zur Jubiläumsproduktion: 40 Jahre Momoll Theater

Vor fast 40 Jahren brachen fünf Schauspielabgänger:innen ihre Ausbildung ab und gründeten das Momoll Theater, das heute in Wil beheimatet ist. Zum Jubiläum gastiert das Theater auch in Frauenfeld mehr

Bühne

Alle für eine

Musketiere an der Kadettenschule: Florian Rexers Wintertheater verbindet Mantel-und-Degen-Romantik mit Highschool-Musical. Frauen fechten dabei um Anerkennung – auf der Bühne und hinter den Kulissen. mehr