von Inka Grabowsky, 27.10.2025
Eine Hütte mit Ausstrahlung

Urs Burger und Norbert Möslang zeigen in Egnach eindrücklich, wie man mit Kunst einen historischen Ort neu entdecken kann, ohne ihn seiner Bedeutung zu berauben. Vernissage in der Zigerlihütte ist am 31. Oktober. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
«Das menschliche Auge reagiert besonders empfindlich auf Grün», sagt Urs Burger. «Das ist wohl evolutionär bedingt. Jäger und Sammler in prähistorischer Zeit mussten in grüner Umgebung Beutetiere oder Feinde erkennen.» Darum also leuchtet die Zigerlihütte am Ortsrand von Egnach ab dem 31. Oktober in Grün. Der Licht-Künstler hat 160 Meter Neonröhren im Dachstock verlegt. Durch Spalten und Ritzen dringt ihr Strahlen nach aussen und in das Erdgeschoss.
Es sei gar nicht so einfach, noch an das Material zu kommen, das früher für Leuchtreklamen überall im Einsatz war, meint er. Heute wird es oft durch günstigere LED ersetzt. Immerhin für die Kunst erlebt es eine Art Renaissance. Achtzig Meter Röhren hatte der 67-Jährige im eigenen Fundus aus früheren Projekten, doch achtzig weitere musste er eigens anfertigen lassen. Burger arbeitet mit einem Glasbläser bei Bern zusammen. Wer ganz genau hinsieht, kann zwei unterschiedliche Grüntöne ausmachen.
Wie wird man diesem ikonischen Ort gerecht?
«Die Hütte wurde in der Kriegszeit zum Trocknen von Trester aus der Apfelmost-Produktion genutzt», erklärt Pascal Leuthold vom Kulturklub Wanderbühne, der die Installation organisiert hat.
Man hat den Trester zu Briketts in Form von Zigerstöckli gepresst, die als Brennstoff genutzt wurde, als Kohle nicht zu bekommen war. So kam das zehn mal sechzig Meter grosse Gebäude zu seinem Namen. «Die Besitzerin Tobi Seeobst hat uns die Zigerlihütte für fünf Jahre kostenlos zur Nutzung überlassen», so Alfi Bissegger, ebenfalls im Vorstand der Wanderbühne. «Wir haben sie in Fronarbeit ausgeräumt und schon zwei Ausstellungen hier gezeigt.» Jetzt hat die luftige Bauweise zur Installation «Durchlässig» inspiriert.
Sieht nicht nur gut aus, tönt auch beeindruckend
Das landwirtschaftliche Gebäude wird nicht nur zur optischen Sensation, sondern tönt auch. Dafür sorgt Norbert Möslang mit einer Soundinstallation. Die leisen Geräusche, die von den beiden Transformatoren der Neonröhren ausgehen, werden von Tonabnehmern aufgenommen, verstärkt, auf Stereokanäle aufgeteilt und über Körperschallwandler auf die hölzerne Zwischendecke als Resonanzboden übertragen.
Der 73-jährige Klang-Erfinder hat im Studio die Algorithmen programmiert, die nun nach dem Zufallsprinzip das Haus mit Geräuschen erfüllen. «Sie sind sogar haptisch wahrnehmbar», sagt er. «Die Stützpfosten tragen sie, und auch die Bodendielen schwingen mit.» Einen Spezialeffekt gibt es, weil eine der Neonröhren auf eine Metallfolie gebettet ist, damit das Licht nach oben ins Dachgebälk strahlt. Als Nebenwirkung hört man sie nun von Zeit zu Zeit charakteristisch knistern.
Solche Projekte brauchen viel Vorbereitungszeit
Gerade mal drei Tage haben die beiden Künstler gebraucht, um die technischen Anlagen in der Hütte zu installieren. Angst- und schwindelfrei mussten sie dafür sein. Nur eine lange Leiter führt ins Obergeschoss – und dort hat es zum Teil grössere Löcher im Boden.
Die Vorbereitungszeit dagegen war etwa ein Jahr lang – begonnen mit dem Begehen des Schauplatzes und ersten Versuchen mit Licht und Ton. «Ich musste zum Beispiel herausfinden, wo ich die kleinen Körperschallwandler platziere, um den gewünschten Effekt zu erzielen», so Möslang.
Nun haben schon die ersten Passanten, die auf dem Wanderweg hinter der Hütte unterwegs waren, gefragt, was hier los sei. «Die Äpfel rundherum werden sich nicht daran stören», lacht Alfi Bissegger.
Geöffnet jeden Freitagabend bis zum 30. November
Die Installation «Durchlässig» ist jeweils abends von 18 bis 23 Uhr zu erleben – einfach im Vorbeigehen. Wer in die Zigerlihütte hinein möchte, um die Licht- und Soundeffekte innen zu erleben, muss an den Freitag-Abenden zwischen 19 und 21 Uhr kommen. Dann gibt es auch Getränke und heisse Marroni.
Die sind nicht nur gut gegen den Hunger, sondern auch gegen die Kälte, denn die Hütte ist ihrer Natur gemäss nicht beheizt. Die Einnahmen aus dem Verkauf dienen der Deckung der Kosten. Die Unterstützung durch die Kulturstiftung, den Kulturpool und die Raiffeisenbank Neukirch-Romanshorn reicht allein nicht aus. «Immerhin sind wir als Kulturklub so unabhängig, dass wir nicht auf einen wirtschaftlichen Erfolg schielen müssen», sagt Pascal Leuthold.
«Wir konnten den beiden Künstler völlig freie Hand lassen und genüsslich abwarten, was bei dem Projekt herauskommt. Und vom Ergebnis bin ich begeistert.» Er freut sich jetzt schon auf Nebel-Nächte, die die Leuchtkraft potenzieren könnten.
Die Ausstellung im Detail
«Durchlässig» in der Zigerlihütte Egnach
Vernissage am 31. Oktober mit Risotto ab 19 Uhr
Finissage am 30. November mit Suppe ab 19 Uhr

Von Inka Grabowsky
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