von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 15.10.2026
«Eine Einladung zu einem Festival heisst: Du existierst»

Nach dem Aus für das Kabarettfestival in Kreuzlingen: Sebastian Rüger und Frank Smilgies vom Duo Ulan & Bator erzählen, was den Ort für sie besonders gemacht hat, warum Festivals für Künstlerinnen und Künstler wichtig sind – und weshalb Live-Kultur gerade heute gebraucht wird. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Ulan & Bator, ihr seid so etwas wie Stammgäste beim KIK: Erstmals wart ihr vor rund 15 Jahren dabei und insgesamt viermal beim Kabarettfestival zu Gast. Was ist euch davon in Erinnerung geblieben?
Sebastian Rüger: Positive, warme Erinnerungen. Es kam immer gut an. Die Leute sind sofort auf unseren Zug aufgesprungen. Das ist bei uns nicht selbstverständlich – gerade früher war es noch seltener, dass ein Publikum sofort verstanden hat, wie wir funktionieren.
Frank Smilgies: Und es wurde viel gelacht. Das Publikum war offen und lachwütig.
Rüger: Dazu kam diese besondere Nähe. Es gibt Häuser, da ist man über die räumliche Nähe hinaus irgendwie noch näher an den Leuten. So war das in Kreuzlingen. Im Theater an der Grenze sass man direkt vor dem Publikum, unter diesem Dach, nachdem man diese steile Leiter hochgestiegen war.
Smilgies: Ich war immer froh, wenn ich lebendig oben angekommen bin. (lacht) Und dann stand man quasi direkt vor den Leuten. Das war schon besonders.
«Es gibt Häuser, da ist man über die räumliche Nähe hinaus irgendwie noch näher an den Leuten. So war das in Kreuzlingen. Im Theater an der Grenze sass man direkt vor dem Publikum.»
Sebastian Rüger, Schauspieler
Was machte das Festival aus eurer Sicht anders als andere Festivals?
Smilgies: Kreuzlingen war nie anonym. Bei manchen grösseren Festivals ist man zwar froh, dass man dabei sein darf, aber es gibt wenig persönliche Ansprache. Man läuft eher unter ferner liefen mit. In Kreuzlingen war es familiärer. Man war direkt mit den Leuten in Kontakt.
Rüger: Das hat natürlich mit der Grösse zu tun, aber auch mit der Qualität des Veranstalters. Micky hat dieses Publikum, das ihm vertraut, sehr stark an sich gebunden. Man hat gespürt: Er möchte uns hier haben, weil er uns selbst gut findet. Und er hatte die Zuversicht, dass sein Publikum da mitgeht.
Smilgies: Micky ist wie ein Trainer, der dir sagt: «Heute ist dein Tag. Alle warten auf dich. Mach das Ding rein.» Er konnte ein Feuer entfachen. Das können nicht alle Veranstalter.
«Micky hat dieses Publikum, das ihm vertraut, sehr stark an sich gebunden. Man hat gespürt: Er möchte uns hier haben, weil er uns selbst gut findet.»
Sebastian Rüger, Schauspieler
Welche Bedeutung haben solche Festivals überhaupt für Künstlerinnen und Künstler?
Smilgies: Eine Einladung zu einem Festival bedeutet für den Markt zunächst einmal: Du existierst. Du bist dabei. Wir haben das gerade bei einem Festival in Moers erlebt. Da dachten wir: Okay, es gibt uns noch. Wir dürfen nicht nur weiterhin spielen, sondern sind offensichtlich auch interessant für das, was wir machen.
Rüger: Gerade für uns ist das wichtig, weil wir schon ziemlich unser eigenes Ding machen. Unser Zeug macht ja sonst keiner. Wir sind schon unsere eigene Marke.
Smilgies: Und ein Festival kann auch neue Türen öffnen. In Moers hat uns der Veranstalter eingeladen, weil er uns selbst gut findet. Er war hinterher überrascht, wie gut unser Programm auch in einer grossen Halle funktioniert hat. Mal sehen, was daraus entsteht.
Ulan & Bator, das sind die Schauspieler Sebastian Rüger und Frank Smilgies, beide Jahrgang 1967. Sie lernten sich 1990 während ihres Schauspielstudiums an der Folkwangschule in Essen kennen und gründeten 2001 ihr eigenes Duo. Seither verbinden sie Theater, Kabarett, Comedy, Sprachakrobatik, Musik und körperliche Komik zu einer eigenwilligen Form des absurden Humors. Markenzeichen sind ihre gestrickten Bommelmützen, mit denen sie in immer neue Rollen und Fantasiewelten schlüpfen.
Für ihre Arbeit wurden sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2010, dem Deutschen Kabarettpreis (Sonderpreis) 2011 und dem Hauptpreis des Deutschen Kabarettpreises 2022.
Kreuzlingen ist für das Duo ein besonderer Ort: Ulan & Bator kehren seit Jahren immer wieder zum Festival «Kabarett in Kreuzlingen» zurück. Ihr Auftritt am 31. Oktober in der Löwenarena Sommeri gehört zu den letzten des Festivals, das nach 25 Jahren eingestellt wird. Mehr zu Ulan & Bator gibt es auf ihrer Website.
Ihr spielt allerdings relativ selten bei klassischen Kabarettfestivals. Ist das ein Problem?
Smilgies: Es gibt schon einige Festivals, bei denen wir dabei waren – aber nicht wahnsinnig viele. Und natürlich ist das Publikum inzwischen auch schwerer dazu zu bewegen, überhaupt zu kommen.
Rüger: Corona hat da einiges verändert. Die digitale Unterhaltung und Netflix sind noch stärker ins Wohnzimmer gekommen. Viele haben entdeckt, wie bequem es ist, sich zu Hause unterhalten zu lassen.
Smilgies: Gleichzeitig spüren wir eine kleine Gegenbewegung. Es gibt Menschen, die sagen: Nein, es muss noch mehr geben als das. Wir haben das vor nicht langer Zeit in Dortmund erlebt. Wir waren dort nicht unbedingt zu Hause und trotzdem war die Vorstellung ausverkauft. Die Leute haben zwei Stunden lang getrampelt.
Rüger: Nur zu Hause auf dem Sofa zu sitzen, kann eben auch langweilig werden. Man muss irgendwann raus und sich etwas anschauen, das man noch nicht kennt. Genau dafür machen wir das.
Das klingt fast wie ein Plädoyer für den Live-Moment.
Smilgies: Ja. Wenn ich mich frage, warum ich das mit Ulan & Bator immer noch mache, ist das eine der Antworten. Es gibt einen Bedarf dafür. Wir machen etwas, das man eben nur im Theater erlebt.
Rüger: Und man sucht sich am Ende des Tages nicht aus, wer man ist. Wir sind halt auch so. (lacht)
Video: Backstage-Interview nach einem Auftritt in Kreuzlingen (2017)
«Wir machen etwas, das man eben nur im Theater erlebt.»
Frank Smilgies, Schauspieler
Ihr spielt sehr viel in der Schweiz. Was funktioniert hier für euch besonders gut?
Smilgies: Die Schweiz ist tatsächlich einer unserer intensivsten Spielorte ausserhalb Deutschlands. Es gibt hier unglaublich viele kleine Bühnen. Du fährst nicht weit zum nächsten Spielort.
Rüger: Und wir haben das Gefühl, dass es hier eine besondere Zugänglichkeit für unsere Art von Humor gibt. Wir erklären unsere Nummern nicht und sprechen das Publikum oft gar nicht direkt an. Trotzdem funktioniert es.
Smilgies: Vielleicht hat das auch mit der Mehrsprachigkeit zu tun. Man ist es hier gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen, jenseits des rein Sprachlichen. Es gibt ein anderes Verhältnis zu Clownerie, Albernheit und Absurdem. Das ist für uns sehr erfreulich.
Was geht verloren, wenn ein Festival wie das KIK nach 25 Jahren aufhört?
Rüger: Zunächst einmal ein Ort, an dem Künstler und Publikum auf eine bestimmte Art zusammenkommen. Und ein Ort, an dem Künstler das Gefühl bekommen: Jemand will genau das, was wir machen, hier haben.
Smilgies: Und das ist nicht selbstverständlich. Festivals können Sichtbarkeit schaffen und Begegnungen ermöglichen. Gerade bei einem Festival wie Kreuzlingen war diese persönliche Ebene immer sehr stark.
Rüger: Wir werden Kreuzlingen jedenfalls in guter Erinnerung behalten. Bei uns war es jedes Mal klasse.
«Festivals können Sichtbarkeit schaffen und Begegnungen ermöglichen. Gerade bei einem Festival wie Kreuzlingen war diese persönliche Ebene immer sehr stark.»
Frank Smilgies, Schauspieler
Mehr zum Ende des Kabarettfestivals KIK
Wenn ein Festival nach 25 Jahren endet, dann passiert das nicht einfach so. Wir haben den Gründer und Programmchef Micky Altdorf getroffen und ausführlich mit ihm über das Aus gesprochen.

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