von Martin Preisser, 30.10.2026
Auf der Suche nach neuen Inseln

Die Regisseurin und Theaterpädagogin Stella Seefried ist seit August neue Leiterin des Theaters Bilitz in Weinfelden. Kinder- und Jugendtheater werde als Ort echten Erlebens und unmittelbaren Berührtseins immer wichtiger, sagt sie. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Künstliche Intelligenz erlaubt Kindern und Jugendlichen keine unmittelbaren Gefühlsreaktionen mehr. Konflikte unter jungen Menschen werden immer öfter in den Sozialen Medien ausgetragen. «Genau da kann gutes Kinder- und Jugendtheater einspringen», sagt Stella Seefried, seit August neue Leiterin des Theaters Bilitz in Weinfelden. «In einem packenden Theaterstück können junge Menschen direkte Gefühle spüren, sie können eintauchen in echte Atmosphären und Welten. Sie erleben Unmittelbarkeit.»
«In einem packenden Theaterstück können junge Menschen direkte Gefühle spüren, sie können eintauchen in echte Atmosphären und Welten. Sie erleben Unmittelbarkeit.»
Stella Seefried, Leiterin des Theater Bilitz
Den genauen Auslöser, warum sie Theaterpädagogin werden wollte, weiss Stella Seefried nicht mehr. Aber sie hat schon als Kind inszeniert, etwa Weihnachtsspiele rund um Maria und Josef und das Kind. «Und diese kleinen Theaterstücke kamen in der Familie gut an», erinnert sie sich.
«Auch heute befriedigt es mich in meinem Beruf am meisten, wenn ich sehe, wie Menschen etwas entwickeln und dann über sich hinauswachsen. An dieser speziellen Situation versuche ich dann als Regisseurin ohne festes, vorgefertigtes Regiekonzept weiterzuarbeiten.»
Wie das Theater auf sinkende Aufmerksamkeitsspannen reagiert
Stella Seefried wurde 1983 geboren und ist in der Nähe von Überlingen aufgewachsen. Seit vier Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Weinfelden. Ihre beiden Kinder nimmt sie heute gern ins Theater mit. «Und sie kommen freiwillig mit. Von klein auf waren sie immer schon auf Proben mit dabei.»
Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern, die täglich mit einer Unmenge von Nachrichten bombardiert werden, ist gesunken. «Das heisst für ein Kinder- und Jugendtheater immer öfter auch, lange Szenen in mehrere kurze aufzuteilen», sagt Stella Seefried, die Schauspiel und Theaterpädagogik an der Akademie für darstellende Kunst in Ulm studiert hat.
Jugendtheater als Ort der kritischen Auseinandersetzung
In Weinfelden hat Stella Seefried im März das neue Bilitz-Stück «Sophie und ich» inszeniert. Es erzählt von einer Begegnung, die nie stattgefunden hat: Zwischen der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die erst 22-jährig 1943 hingerichtet wurde, und Traudl Junge, einer späteren Sekretärin von Hitler. Jugendtheater solle auch eine Schnittstelle für die kritische Auseinandersetzung sein.
Im Falle von «Sophie und ich» ein Eintauchen des jungen Theaterpublikums in Themen wie Schuld, Mut, Zivilcourage oder Mitläufertum. Daher ist Vermittlung für Stella Seefried ein grosses Anliegen, auch der Austausch nach einem Theaterabend mit dem Ensemble, über das Erlebte, das vielleicht aufgewühlt hat, über die eigenen Gefühle und das, was zu Herzen ging.
Wofür Stella Seefried bereits einen Preis erhalten hat
Stella Seefried hat Stücke wie «Tschick» von Wolfgang Herrndorf am Akademietheater Ulm inszeniert oder «Prima facie», einen Monolog von Suzie Miller, der vor einem Jahr am Theater Schloss Massbach Premiere hatte. Der Abend an der Unterfränkischen Landesbühne handelte von einer Strafverteidigerin, die sexuelle Gewalt erfährt und vor Gericht verzweifelt um die Wahrheit kämpft.
Stella Seefried hat dafür den Publikumspreis an den Bayerischen Theatertagen gewonnen. «Die Thematik ist so aufwühlend und erschütternd. Gerade deshalb ist es für mich so wichtig, sie auch mit den Mitteln des Theaters sichtbar zu machen», wurde sie zu dieser Inszenierung zitiert.
Im Bilitz spürt sie ein Stück Heimat
An ihre erste Begegnung mit dem Bilitz erinnert sie sich gerne. «Da wusste ich noch nichts von einer Nachfolge von Roland Lötscher. Ich stand aber im Foyer und spürte irgendwie: Hier bin ich zuhause.»
Stella Seefried ist nun tatsächlich die Nachfolgerin von Roland Lötscher geworden. «Er hat in den 35 Jahren ein gigantisches Lebenswerk geschaffen und eine riesige, selbstlose Vision ausgelebt», sagt Stella Seefried voller Bewunderung und Respekt. Sie weiss, dass sie in grosse Fusstapfen getreten ist. «Ich will diesen Schatz, diesen grossen Fundus an Jugendtheaterstücken, behüten. Ganz tief im Kern will ich eigentlich dasselbe wie Roland Lötscher.»
Video: Trailer zu «Sophie und ich»
Wie sich das Bilitz mit der neuen Leitung verändern könnte
«Mit dem Bilitz-Schiff mitfahren und dann schauen, wo neue Inseln sind»: Mit diesem schönen Satz deutet Stella Seefried auch eigene Ideen für die zukünftige Entwicklung des Bilitz an. Mit Roland Lötscher ist auch das Ensemble älter geworden. Da könnte sich ein behutsamer Generationenwechsel ankündigen und Platz frei werden für eine jüngere Theatersprache.
Seefried wünscht sich auch, dass das Bilitz, das schweizweit vor allem in Schulen Theater zeigt, im Theaterhaus Weinfelden mehr öffentliche Veranstaltungen organisiert, dass es von der Bevölkerung verstärkt vor Ort wahrgenommen wird.
Warum gemeinsames Erleben so wichtig ist für Kinder
«Gutes Kinder- und Jugendtheater wird in Zukunft über das reine Sprechtheater hinaus performativer sein müssen», sagt die Theaterpädagogin. «Die Gesellschaft ändert sich rasant, kulturelle Interpretationen vermischen sich. Da wird Kinder- und Jugendtheater als Schnittstelle für das, was um uns herum passiert, immer unverzichtbarer.»
Und nochmals unterstreicht Stella Seefried das gemeinsame, unmittelbare Erleben im Theater, die Möglichkeit, Dinge und Probleme anders als gewohnt wahrzunehmen und berührt zu werden: «Und sei es nur die Erinnerung an einen aufwühlenden oder nachdenklich stimmenden Theaterabend, haben wir als Theaterschaffende schon ganz viel erreicht.»
Video: arttv.ch hat das Theater Biltz 2020 porträtiert

Von Martin Preisser
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