von Manuela Ziegler, 04.06.2026
Ein Prozess des Herantastens

Die 32-jährige Lina Maria Sommer ist eine der Förderbeitragsempfängerinnen des Kantons Thurgau 2026. Es ist nach dem Adolf-Dietrich-Preis 2025 die zweite Thurgauer Auszeichnung für die junge Kunstschaffende innert eines Jahres. Er kommt für die Künstlerin zur rechten Zeit. (Leesedauer: ca. 8 Minuten)
Die Landschaft wird ab Aadorf hügeliger, Weiler liegen hier und dort dazwischen, Kühe grasen auf Butterblumenwiesen und verstreut blühen wenige späte Obstbäume. Das Navigationsgerät führt direkt zu einem Bauernhof im Ortskern des idyllischen Dorfes Weiern. Zusammen mit dem benachbarten Wittenwil zählen beide etwas mehr als 500 Einwohner. Weiern ist das Zuhause der bildenden Künstlerin Lina Maria Sommer, die in diesem Jahr neben fünf weiteren Kunstschaffenden den persönlichen Förderbeitrag des Kantons Thurgau für die Weiterentwicklung ihres Werks bekommen hat.
Zuhause im Bodenständigen
Sommer ist in Weiern aufgewachsen, sie lebt und arbeitet in einem Bauernhaus, das ihre Grosseltern in den frühen Siebzigerjahren gekauft haben. Die Künstlerin öffnet die Tür zu ihrem Reich und führt in ihr Wohnatelier, wie sie es nennt. Die Stille scheint greifbar. Die holzgetäferte ehemalige Stube ist weiss gestrichen, einen Kontrast bildet der dunkle Riemenboden, in der Ecke thront ein ausladender historischer Kachelofen mit zartgrüner Malerei. Eins von Sommers Aquarellen lehnt an der Wand, auf einem Malerbock liegen einige Farbtuben. Seitlich in einer Wandnische stecken zwei, drei dicke Rundpinsel im Glas, daneben stehen ein paar Schälchen sauber ineinander gestapelt. Die Szene wirkt geordnet, ja meditativ – und irritiert. Denn sie passt nicht ins Klischee vom Malatelier mit Farbklecksen an Boden, Kunstwerken an den Wänden, gestapelten Leinwänden und Unmengen von Farbtöpfen….
Die Bedeutung von Intimität
Die Künstlerin lehnt ab, was sie vom Eigentlichen ablenkt. Farbkleckse zum Beispiel. Auch der vorherrschende Trend, seine Arbeit ständig auf Social Media zu präsentieren, ist ihr ein Graus. Sie müsse abgeschirmt vom Aussen arbeiten, sagt die 32-Jährige. „Ich brauche absolute Intimität für mein Schaffen.“ Auch gibt es kein weiteres Bild, an dem sie parallel arbeitet. „Die Malerei ist für mich wie ein Weg, den ich zu Ende gehen muss, oder ein Gespräch, das ich zu einem Abschluss bringe“, erklärt Sommer ihre Fokussierung. Wir betrachten ihr begonnenes Aquarell. Zart die Farben, sanft die abstrakten Formen auf dem noch weissen Malgrund. Über drei hohe Sprossenfenster auf der Südseite scheint plötzlich das Sonnenlicht herein und wirft ein eigenes Muster aus Licht und Schatten auf die Arbeit. Nordlicht sei optimal, meint die Künstlerin. Sonst passt alles für sie in dieser Abgeschiedenheit Weierns. Sie sei immer erleichtert, wenn sie aus einer Stadt wie Zürich, wo sie aktuell an einer Gruppenausstellung von selnau.space im ewz-Unterwerk Selnau teilnimmt, nach Hause zurückkehren kann.
„Die Malerei ist für mich wie ein Weg, den ich zu Ende gehen muss, oder ein Gespräch, das ich zu einem Abschluss bringe.“
Künstlerin Lina Maria Sommer über die Fokussierung auf ihre Arbeit.
Umgeben von Natur und Zeit
Der urbane Raum, Inspiration für viele Kunstschaffende, ist ihre Sache nicht. „Ich sehe konstant, wie es draussen leuchtet“ sagt sie mit Blick aus dem Fenster. Auch auf ihren Spaziergängen oder beim Laufen sammelt sie, was sie irgendwann später mit dem Pinsel zu Papier bringt; auf dem Boden sitzend, über das Bild gebeugt. „Ich spüre immer, dass etwas in mir ist, das fliessen will“. Nur der Zeitpunkt ist nicht planbar. Doch der kurze Weg von ihrer Wohnküche hinüber ins Atelier ist zum Glück sehr schnell zu überbrücken. Was leicht klingt, erlebt die Künstlerin als grosse Herausforderung, die ihre absolute Konzentration erfordere, auch zehrend sein könne, wie sie es bezeichnet. „Wie kann ich das, was ich beobachte, in die Malerei übersetzen“, ist im schöpferischen Akt die drängende Frage. Dieser kreist beständig um Themen wie Zeit, Licht, die Rhythmen und Zustände der Natur und des inneren Raumes.
Präzisionsarbeit
Mit der Technik des Aquarells hat sie ein Material gewählt, das in kürzester Zeit reagiert. Das Arbeiten sei ein reibungsloses Auftragen aufs Papier, ein Fliessen ohne Widerstand. Inzwischen hat sie Erfahrung mit der Technik, weiss, dass es den ultimativen Strich braucht, ahnt sogleich, wenn er nicht sitzt, nur dann sei eine Korrektur erlaubt. Aufgrund dieser unmittelbaren Reaktionsweise malt sie trocken in nass, ein kontrolliertes Verfahren. „Ich habe keine Vorstellung davon, wie das Bild aussehen soll, bevor es da ist“, sagt sie über den malerischen Akt. „Es ist ein Prozess des Herantastens“. Sie sehe und sei blind, so beschreibt sie den Zustand von Ambivalenz und Gleichzeitigkeit.
„Ich habe keine Vorstellung davon, wie das Bild aussehen soll, bevor es da ist. Es ist ein Prozess des Herantastens.“
Künstlerin Lina Maria Sommer über den malerischen Akt.
Jedes Aquarell ist eine Summe
Vielleicht ist es die Direktheit der Maltechnik, die ihre Arbeiten so authentisch macht? Direkter auch als das Schreiben von Lyrik, das Teil ihres Werkes ist, wofür momentan zu wenig Zeit bleibe. Authentizität in Sommers Werk bemerkt auch die Jury zur Vergabe des persönlichen Förderbeitrages. Er ist Kunstschaffenden gewidmet, „die mit einem überzeugenden Vorhaben in ihrer Karriere einen Schritt weitergehen möchten“, heisst es aus dem Kulturamt des Kantons Thurgau. Sommers Entwicklung von den früheren grossformatigen schwarz-weiss Aquarellen hin zur Farbigkeit jüngster Arbeiten in der Ausstellung «Summen» im Kunstraum Kreuzlingen im Rahmen des Adolf-Dietrich-Förderpreis ist deutlich zu erkennen. «Summen» thematisiert nicht nur die Vielzahl der Farbaufträge, spiegelt auch die Verdichtung von Monaten, von Stimmungen, von Landschaften. Sommer spricht von einer doppelten Transparenz des Aquarellierens, sowohl das Papier wie auch die Applikationen bleiben nachvollziehbar. Die schwebenden Gesten kontrastieren mit geometrischen Rastern, über die sie erst am Ende des Malprozesses entscheidet. „Ich möchte bestimmen, wie die Fläche geteilt wird“, meint sie.
Ein Leben für und mit der Kunst
Auf ihre künstlerischen Vorbilder angesprochen, steht sie auf, nimmt Bildbände aus einem Regal im Nebenraum. Die Arbeiten der argentinisch-schweizerischen Malerin Vivian Suter, ihre freie und kraftvolle Malerei berühren sie. Ein anderes Vorbild ist Agnes Martin, kanadisch-US-amerikanische-Künstlerin, in deren minimalistischen Kompositionen sie auch Musikalität erkennt. Berührt ist sie auch im Alltag von der Grausamkeit, der Ungerechtigkeit und dem Elend auf der Welt. Daraus entsteht keine politische Kunst, sondern eine Art von Demut. „Dagegen geht es mir gut. Doch auch das Künstlerdasein ist ein existenzieller Kampf“, meint die seit rund sieben Jahren freischaffend tätige Aadorferin. Ihre Art zu leben – als Künstlerin und alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Kind – sei an und für sich schon politisch. Die Strukturen im Kanton tragen dieser gesellschaftlichen Realität kaum Rechnung. Die Kinderbetreuung im Thurgau sei verglichen mit anderen Kantonen wie Zürich sehr teuer. Die Hälfte der Woche arbeitet sie in ihrem erlernten Beruf als Drogistin, Kunst erschafft sie oft am Abend, bis in die Nacht hinein, wenn sie ihr Kind zu Bett gebracht hat. Doch dieser zehrende Alltag verlange nun, dass sie ein Stück kürzertrete. Der mit 25‘000 Franken dotierte persönliche Förderbeitrag des Kantons Thurgau kommt also zur rechten Zeit.
Ein Akt auf dem Drahtseil
Über ihre Anfänge im Bachelorstudium an der Hochschule der Künste in Bern sagt sie rückblickend: „Endlich fand ich den Raum, künstlerisch zu arbeiten.“ Das folgende Master-Studium an der Zürcher Hochschule der Künste bricht sie ab für das Atelierstipendium der Thurgauer Kulturstiftung in Belgrad. Seither hat sie in ihrer jungen künstlerischen Laufbahn einige Förderungen erhalten und war in Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten, im letzten Jahr mit «meertau im erdgarten» in der Shedhalle des Eisenwerks Frauenfeld. Mit dem Adolf-Dietrich-Förderpreis und nun dem persönlichem Förderbeitrag erhält sie zwei der wichtigsten Förderinstrumente der Ostschweiz. Sie bedeuten erfahrungsgemäss einen Karriereschub.
Sommer freut sich über die Auszeichnung, um ihr Schaffen voranzubringen. Sie arbeitet derzeit an einer Publikation, die bei Lienhard Editionen im nächsten Jahr erscheinen wird und sie plant bereits für zwei kommende Ausstellungen. Daneben beschäftigt sie ein Kunst-am-Bau-Projekt in der Mehrzweckhalle Affeltrangen, für das sie den Wettbewerb gewonnen hat. Und dennoch: „Es sind keine rosigen Zeiten im Kunstbetrieb. Kaum jemand will investieren, viele Galerien schliessen“, benennt sie die aktuelle Situation. Der künstlerische Weg bleibt ein Seiltanz, gut dass sie sich auch zuhause fühlt in einer überschaubaren, bodenständigen Welt.

Von Manuela Ziegler
Weitere Beiträge von Manuela Ziegler
- Alle Thurgauer Museen auf einen Blick (04.05.2026)
- Wo Kunst Begegnung schafft (06.04.2026)
- «Es braucht mehr Ausstellungsmöglichkeiten.» (17.11.2025)
- „Wir Künstler:innen müssen selbstbewusster werden!“ (05.11.2025)
- „Wir bleiben wagemutig, trotz aller Hürden.“ (31.10.2025)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Kunst

