von Elke Reinauer, 09.06.2026
Ein Leben im Moment

Der Tänzer und Choreograf Neil Höhener ist einer von sechs auserwählten Künstler:innen für den Förderbeitrag des Kantons. Was treibt ihn an? Ein Porträt auf Spurensuche. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Präzision und Perfektion, das sind zwei Begriffe, die die Arbeit des Tänzers und Choreografen Neil Höhener ausmachen. Bei Perfektion denkt Neil Höhener nicht an Perfektionismus, sondern an einen hohen Anspruch an sich selbst: «Ich strebe das Perfekte an, ohne perfektionistisch sein zu wollen. Ich bin interessiert daran, in meiner Arbeit Perfektion zu erreichen. Ich habe einen hohen Anspruch an mich und an alle, mit denen ich arbeite. Ich kann stundenlang etwas repetieren und habe ein gutes Verständnis dafür, wann ich eine Choreografie loslassen kann.»
Und das merkt der Zuschauer beim Betrachten seiner Bühnenstücke, etwa bei «The In Between», einem Stück, das Neil Höhener mit drei weiteren Tänzerinnen aufführt. Der Beginn ist ein waberndes, glitschiges Lebewesen, aus dem die Tänzer sich entwirren. Ein faszinierendes Spiel mit dem eigenen Körper voller Widersprüche.
«Bei ‹The In Between› geht es um die Dekonstruktion der Popkultur», sagt Neil Höhener. Oder das Selbst, das sich dem Druck der Selbstoptimierung widersetzt, um schliesslich in der Solidarität der Gemeinschaft Transformation zu ermöglichen, wie es der Künstler ausdrückt.
Video: Trailer zu «The In Between»
Ein grosses Thema für ihn: Die Frage der Identität
Ihn interessieren Themen wie politische Reflexionen über die Gesellschaft, und Identität. Besonders um Identität geht es in seinem Solostück «An Act». Hier ist Neil Höhener allein auf der Bühne und doch im ständigen Gespräch, mit sich selbst, mit seinem Körper, mit den vielen Facetten seiner Persönlichkeit.
In seinem Solostück bewegt er sich durch eine traumhafte, leicht surreale Welt, irgendwo zwischen Obsession und Verspieltheit, zwischen Verletzlichkeit und Verwandlung. Dabei bringt er eine unglaubliche Präsenz mit, die den Betrachter sofort in den Bann zieht. Bei allem, was er tut, hat man das Gefühl, Neil ist genau in diesem Moment präsent, mit Körper und Geist, so auch im Dialog.
Video: Trailer zu seinem Solostück «An Act»
Seine Mutter brachte ihn zum Tanz
Neil, 28 Jahre alt, arbeitet als künstlerischer Leiter, Choreograf und Tänzer. Er wurde in Mexiko geboren, als Sohn eines Schweizers und einer Mexikanerin. Als er fünf Jahre alt war, zogen seine Eltern nach Arbon, wo er aufwuchs. Mit sechs Jahren begann er mit dem Kindertanzen, auf Betreiben seiner Mutter, die wohl etwas in ihm sah.
«Ich wollte damals ein neues Hobby ausprobieren. Meine Mutter hat das Tanzen vorgeschlagen. Sie hat wohl das Talent in mir gesehen.» Er besuchte eine Montessori-Schule, probierte verschiedene Hobbys aus, doch mit zwölf wusste er: Er wollte wieder tanzen. Mit fünfzehn war die Entscheidung gefallen. «Das will ich machen.»
Nach der Sekundarschule fokussierte er sich auf die Aufnahmeprüfung an der Zürcher Hochschule der Künste: Er trainierte intensiv, unter anderem an der Zürich Tanz Theater Schule und am Tanzwerk 101. 2019 schloss er seinen Bachelor of Arts in Contemporary Dance ab. Auch wenn es einmal schwierig wurde, hielt er durch. Die Zutaten für sein Erfolgsrezept lauten: «Leidenschaft, Ehrgeiz und Disziplin. Man muss es wirklich wollen und hartnäckig sein.»
Was die Jury über Neil Höhener sagt
Neil Höhener arbeitet in der Schweiz und international, unter anderem mit Club Guy & Roni in Holland, Tabea Martin und Martin Zimmermann. 2022 gründete er seine eigene Tanzkompanie, Neil Höhener Creations, die stets projektbezogen arbeitet, mit wechselnden Tänzern.
Er lebt in Zürich, ist seiner Heimat Arbon aber verbunden und besucht seine Eltern öfter. Das Preisgeld wird er einsetzen, um seine künstlerische Entwicklung und die seiner Tanzkompanie voranzutreiben. Die Jury lobte, Höhener arbeite sehr konzeptionell und habe «eine gute visuelle Vorstellungskraft für seine Choreografien».
Er arbeitet bereits an einem dritten abendfüllenden Stück. Dieses soll 2027 in Kooperation mit dem Phoenix Theater in Steckborn am 16. und 17. April 2027 uraufgeführt werden. Der Arbeitstitel steht noch aus; das Stück beschäftigt sich aber mit Machtmechanismen in menschlichen Beziehungen.
Warum ihm Tanz so viel bedeutet
«Es ist wichtig, sich auf den zeitgenössischen Tanz einzulassen und die freischaffende Szene zu unterstützen, weil sie so viel gute Arbeit leistet.» Zeitgenössischer Tanz überwinde die Grenzen der Sprache, zeige einen starken körperlichen Ausdruck und berühre mit Intimem. «Menschen haben einen natürlichen Impuls, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen», sagt Neil, und all das leiste zeitgenössischer Tanz.
Er ermuntert andere Menschen, sich darauf einzulassen, auch wenn sie zuerst scheinbar nichts damit anfangen können. Zeitgenössischer Tanz berührt auf einer anderen Ebene: langsamer und intensiver in der Wirkung als etwa ein Film. Neil Höheners Stücke erschaffen einen Dialog, mit sich, mit seinen Tänzern und auch mit dem Publikum, vor dessen Augen sich Tanz in Präzision und Perfektion entfaltet.
Neue Serie über Förderbeitragsgewinner:innen
Einmal im Jahr vergibt der Kanton Thurgau seine Kultur-Förderbeiträge an Künstler:innen mit Bezug zum Thurgau. Die diesjährigen Gewinner:innen stellen wir in den kommenden Wochen in Porträts vor. Alle Texte bündeln wir in einem Themendossier. Dort finden sich auch Porträts früherer Preisträger:innen.
Die Übergabe der Förderbeiträge findet im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, 1. Juli 2026, um 19 Uhr im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden statt. Musikalisch begleitet wird der Anlass von Irina Ungureanu, welche den Förderbeitrag im Vorjahr erhalten hat und erste Ergebnisse präsentieren wird.

Von Elke Reinauer
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