von Elke Reinauer, 16.04.2026
Erst Neo-Pop-Kunstgalerie, dann Wohnraum

Ein rotes Haus an der Murg wird zur Bühne für Kunst und Visionen: Haru Vetsch zeigt seine Sammlung – und schafft zugleich Raum für ein generationenübergreifendes Wohnprojekt. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Das Haus von Haru Vetsch in der Frauenfelder Mühlewiesenstrasse 32 verwandelt sich in den kommenden zwei Wochen in eine Pop-up-Galerie. Dem einen oder anderen wird es bereits aufgefallen sein: das rote Haus mit der buntbemalten Fassade direkt an der Murg. Am Montagnachmittag sind die Handwerker noch zugange, bis Ende April zeigt Haru Vetsch hier die Ausstellung des Neo-Pop-Art-Künstlers Andi Luzi.
Haru Vetsch lebt seit 20 Jahren in Frauenfeld und ist hier als evangelischer Pfarrer tätig. Mit 62 Jahren und einer Scheidung hinter sich stellte er sich die Frage nach einer neuen Aufgabe. Schon länger habe er die Vision eines grösseren Projektes gehegt, erzählt er im Mediengespräch bei der Besichtigung der Räume.
Die Bilder sollen verkauft werden
Das ursprünglich zweigeschossige Haus wurde um vier Geschosse erweitert. Mehr als eine Million Franken hat Vetsch in den Umbau investiert. Aus dem unscheinbaren zweigeschossigen Raum wurde ein Haus mit Holzbauweise und hellen Räumen, die die Bilder des Neo-Pop-Art-Künstlers Andi Luzi zum Leuchten bringen. Hier stellt Haru Vetsch seine Sammlung aus. «Ich habe 40 Kunstgegenstände von Andi Luzi gesammelt», sagt Haru Vetsch.
Nun werde er sich verkleinern und mit seiner Partnerin von acht auf sechseinhalb Zimmer gehen. Aus diesem Grund die Ausstellung: Die Bilder können erworben werden. «Meine drei Kinder müssen auch Bilder nehmen», sagt er schmunzelnd. Ihm sei der Ort, an den die Bilder kommen, wichtiger als der Preis.
Eine Kuh mit Heiligenschein
Die farbenfrohen Bilder stechen sofort ins Auge, sie erinnern an Keith Haring mit ihren dynamischen Figuren. Auch das Wandbild der Fassade gestaltete Andi Luzi. «Gaucho», so der Titel des Bildes. «Meine Mutter stammt aus Chile», erklärt Haru Vetsch. «Und ich empfinde mich selbst ein wenig als Gaucho.»
Im Vorgarten sticht ein weiteres Kunstwerk ins Auge: die grosse, bemalte Kuh-Skulptur «Muhlinda». Sie ist weit mehr als ein Tiermotiv. Muhlinda trägt einen Heiligenschein, einerseits eine Referenz an die heiligen Kühe im Hinduismus, andererseits eine kritische Anspielung auf die «heiligen Kühe» in der Schweiz. Die Identifikation mit der Schweiz wird augenzwinkernd durch das Euter verdeutlicht, das als typisch rote Milchtasse mit weissen Punkten gestaltet ist.
Was der Künstler Andi Luzi unter Neo-Pop-Art versteht
Die Werke von Andi Luzi sind visuelle «Gute-Laune-Signale». Mit kräftigen Konturen, leuchtenden Farben und Symbolen wie Herzen, Sonnen und «Friedlingen» schafft er eine Kunst, die unmittelbar Freude bereitet und optimistisch stimmt. Es ist Neo-Pop-Art, die grafische Klarheit mit emotionaler Tiefe verbindet.
Und dies stiess wohl nicht bei allen auf Begeisterung: «Ursprunglich wollte ich diese Ausstellung in der städtischen Galerie Baliere zeigen», so Haru Vetsch. Die Anfrage sei jedoch vom Kulturbeauftragten Christof Stillhard abgelehnt worden, so Vetsch.
Die Ablehnung werfe die Frage auf, ob lebensbejahende, farbige Kunst keinen Platz in der offiziellen Förderung habe. Schwermütige oder abstrakte Konzepte würden bevorzugt, so Vetschs Eindruck.
In der Stadtgalerie haben die Werke nicht überzeugt
Christof Stillhard, Amtsleiter für Kultur und Stadtleben, sagte auf Nachfrage: Die Stadtgalerie Baliere stellt seit etwa 12 Jahren nicht mehr nach dem First-come-first-serve-Prinzip aus, sondern hat ein kuratiertes Programm. Er erläutert, dass früher alle, die die 2’000 Franken zahlten, eine Ausstellung machen konnten.
Seit 2012 wählt eine Kuratorin ihr Programm aus. Die Ausstellenden müssen nur noch eine Provision ihrer verkauften Bilder an die Stadt abgeben (20 Prozent bei Einheimischen, 25 Prozent bei Auswärtigen) und ihre eigene Ausstellung «hüten». Die Stadt übernimmt die Werbung, die Miete und die Reinigung.
Immer wieder werden Ausstellungen abgelehnt
Weiter erklärt er, dass pro Jahr etwa zehn Anfragen für Ausstellungen in der Stadtgalerie Baliere abgelehnt werden: «Weil wir von der Qualität der Werke nicht überzeugt sind. Normalerweise akzeptieren die Bewerberinnen und Bewerber diese Entscheidung. Haru Vetsch hingegen hatte grosse Mühe damit und warf uns Zensur vor.»
Der frühere Stadtpräsident Anders Stokholm habe dann den Kompromissvorschlag gemacht, dass – falls Haru Vetsch die Ausstellung anderswo realisiert – das Amt für Kultur und Stadtleben einen Unterstützungsbeitrag an die Lokalmiete, Werbung, Rahmungen etc. leistet. Das wurde gemacht.
Stillhard weiter: «Kunst ist keine exakte Wissenschaft. Wenn die Kuratorin findet, eine Ausstellung passe nicht in ihr Programm, hält sie Rücksprache mit uns vom Amt für Kultur und Stadtleben und wir entscheiden gemeinsam über eine Absage. Wir machen uns solche Entscheide nicht einfach, aber das ist ein normales Vorgehen.»
Kunst zum Anfassen
Dass Kunst keine Wissenschaft ist, sondern auch Geschmackssache und Attraktion, zeigt sich am Flusshuus. Viele Spaziergänger bleiben stehen und machen Fotos, neugierige Kinder streicheln die Kuh. «Meine Kunst kann man gern anfassen», sagt Künstler Andi Luzi.
Der 1958 in Chur geborene Kunstschaffende und gelernte Automechaniker begann Ende der 80er-Jahre mit der Kunst – als er unter Depressionen litt. «Durch die knalligen Farben heitere ich mich auf», sagt er.
Er erinnert sich gerne an seine Anfänge in Frauenfeld: «Ich kochte in der Eisenwerk-Beiz und arbeitete im Shed an riesigen Kunstwerken.» Seit 30 Jahren besteht die Verbindung mit Haru Vetsch, der begeistert seine Kunst sammelt: «Ich habe tatsächlich mehr männliche Sammler als weibliche.» Vielleicht weil sein Stil sehr plakativ ist?
Bewohner ziehen ein
Nachdem die Bilder hoffentlich ein neues Zuhause gefunden haben, ziehen die neuen Bewohner ins «Flusshuus» ein: In den unteren Etagen, einer zweigeschossigen Maisonette-Wohnung, werden sechs junge Erwachsene aus dem Stift Höfli in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. In der Mitte wird Haru Vetsch mit seiner Partnerin Verena Kaspar wohnen.
Ganz oben wird vermietet. «Nachdem ich erleben musste, wie schwierig die Wohnungssuche für meine 85-jährige Mutter war, ist mir die Vermietung an Senioren ein grosses Anliegen», sagt er. Auch die rollstuhlgerechten Zugänge seien ihm wichtig gewesen. Sein Vater konnte seine Terrassenwohnung im Alter wegen einer sieben Zentimeter hohen Stufe nicht mehr verlassen.
Generationenübergreifend und inklusiv
Leute, die pensioniert sind und alleine in Einfamilienhäusern leben, zügelten nicht mehr so häufig, erzählt er. Ihm sei es ein Anliegen gewesen, dass das Haus generationenübergreifendes und inklusives Wohnen bietet. So entsteht ein buntes Miteinander unter einem Dach, so bunt wie das Wandbild an der Fassade.
An der Fassade prangt ein Zitat von Niklaus von Flüe aus dem Jahr 1482: «Ein Gutes bringt das andere.» Ursprünglich sei dies ein Rat gewesen zur Einigung zwischen Konstanzern und den Eidgenossen. Vetsch fand dies passend, weil es zeige, dass man nicht alle Probleme auf einmal lösen müsse.
Seine Vision überzeugte auch die Bank
Ein Schritt ergebe oft den nächsten: «Ich habe das selbst mit diesem Projekt erfahren. Eine Kollegin kannte einen Architekten. Die Bank gab mir trotz meines Alters eine Hypothek. Viele Freunde trugen die Vision mit.»
Der Schriftzug auf der Fassade ist seine eigene Handschrift, kein Marketing, sondern ein persönliches Bekenntnis.
Termine & Führungen
Die Vernissage findet am Samstag, 18. April, um 17 Uhr statt. Die Ausstellung ist von 14 bis 21 Uhr zu besichtigen. Weitere Termine: Sonntag, 19. April, 14 bis 17 Uhr. Samstag, 25. April, 14 bis 21 Uhr. Finissage: Sonntag, 26. April, 14 bis 17 Uhr, Führung mit Haru Vetsch um 16 Uhr. Die Werke von Andi Luzi können erworben werden, ebenso Kunstkarten. Adresse: Mühlewiesenstrasse 32, Frauenfeld.

Von Elke Reinauer
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