Seite vorlesen

von Christian Brühwiler, 20.09.2013

Clair de Lune

Clair de Lune
Die Langzeitbelichtung zeigt die Fähre Romanshorn bei Vollmond. Bild aus den frühen 90er Jahren. | © Christian Brühwiler

Christian Brühwiler

Pierre Favre, Perkussion und Michael Zisman, Bandoneon trafen sich nach den Akkordeontagen vom letzten Jahr zum zweiten Mal zum musikalischen Dialog. Die Veranstalterin Susanne Gisin lud zur Vollmondfahrt auf die Solarfähre, ein aussergewöhnlicher Ort, ebenso futuristisch wie intim.

Die Musik schien über weite Strecken nur skizziert. Favre, der Altmeister der freien Improvisation, eröffnete häufig die Dialoge mit einer Spielidee, die von charakteristischen Mustern und Klängen geprägt war. Zisman seinerseits erwies sich als offener, suchender und origineller Gesprächspartner, der die naheliegendsten, aber auch abgenutztesten harmonischen und melodischen bandoneonistischen Wendungen nur sehr sparsam anspielte.

Das unglaublich sanfte Dahingleiten der Solarfähre, die vorbeiziehenden Lichter und das manchmal hörbare sanfte Klatschen des Wassers passten genau zum Fluss der Musik und der Ideen, die ganz ähnlich vor sich hinplätscherten. In diesem Fluss kristallisierten sich immer wieder überraschende Momente heraus, Wendungen und Verdichtungen, die in ihrer Schönheit und Kraft berührten. Das vage und unbestimmte, offene, das ja seltsamerweise auch vielen Konzerten mit improvisierter Musik vollkommen abgeht, wurde vom Halbdunkel der Szenerie unterstützt und verstärkt. Da die Solarfähre nur spärlich beleuchtet war, traten die Musiker als Akteure in den Hintergrund, es stellte sich eine Balance zwischen Innen- und Aussenwelt ein, und die Musik schien sich in diese Atmosphäre einfügen zu wollen.

Für einen kurzen Moment zeigte sich sogar der Vollmond, der den Untersee mit silbernem Glanz überzog. Hätte er immer geleuchtet, es wäre ein ganz anderes Konzert geworden.

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Musik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kritik

Werbung

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026

Ähnliche Beiträge

Musik

Stimmen der Anderswelt

Mit «The Deers Cry» präsentierte der Oratorienchor Kreuzlingen ein mutiges Programm zwischen Renaissance und Gegenwart – nicht immer makellos, aber eindrücklich. mehr

Musik

Zwischen Sofas und Selbstoffenbarung

Kerzenlicht statt drängender Festivaldynamik, leise Töne statt Ekstase: Beim Wohnzimmerkonzert im Presswerk Arbon präsentierte sich die Ostschweizer Rapcrew 2kmafia von einer ungewohnt intimen Seite. mehr

Musik

Elegante Frühlingsklänge

Mendelssohn, Stamitz und Schubert mit Extraklasse: Das Jugendorchester Thurgau setzte in seinem Frühlingskonzert auf Kammermusikalisches mit Grösse. mehr