von arttv, 27.10.2025
Zukunftsstoff und andere Träume

Fünf Jahre Textile and Design Alliance in Arbon: Eine Ausstellung über Kooperation und Experimente zwischen Kunst, Design, Architektur und der Ostschweizer Textilindustrie. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Mit der Ausstellung TADA: TOGETHER blickt die Textile and Design Alliance auf fünf Residenzjahre zurück (unsere Besprechung der Ausstellung gibt es hier). Grund genug für eine vertiefte Rückschau und zugleich eine Einladung zur Reflexion über künftige Entwicklungen. Im Zentrum der Ausstellung steht die Verbindung zwischen künstlerisch-gestalterischen Projekten und industrieller Praxis: Produkte der beteiligten Firmen werden in Zusammenhang mit den Arbeiten der Residents präsentiert.
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Ausstellung im Überblick
Gezeigt werden sowohl Arbeitsprozesse als auch finale Werke und Produkte, die teilweise auch nach der Residency weiterentwickelt wurden. Von insgesamt 33 Residents präsentieren 26 ihre Arbeiten, Prototypen und Prozesse. So treffen in den präsentierten Projekten etwa traditionelle Sticktechniken von Maschinen der Firma Saurer AG auf neueste Entwicklungen in der Fasertechnologie, wie sie bei der Empa erforscht werden.
Lasercut-Verfahren und experimentelle Applikationen der Firma Lobra AG erweitern die funktionalen und gestalterischen Möglichkeiten von Textilien. In anderen Arbeiten führen bewusst eingesetzte «Fehleinstellungen» an Stickmaschinen zu neuen Ausdrucksformen und technischen Verfahren. Auch Materialien werden jenseits ihres ursprünglichen Kontexts neu interpretiert – und erhalten dadurch überraschende gestalterische Dimensionen.
TaDA – Textile and Design Alliance | TOGETHER | 13. September bis 16. November 2025 | Webmaschinenhalle Werk2, Arbon
Kreativität und Kollaboration
Der Textildesigner Pascal Heimann (CH) etwa entwickelte im Rahmen seiner TaDA-Residency ein Projekt, das die Übersetzung digitaler Bildinformationen in Gewebe mittels Computerprogramme neu denkt. Mit seinen Experimenten bei der Firma Tisca Tischhauser AG übertrug er die visuelle Wirkung digitaler Bilder direkt ins textile Gewebe. Im Zuge dieser komplexen Arbeitsweise entstand unter anderem eine neuartige Webebindung. Darüber hinaus interessierte sich Heimann für die Überlagerung verschiedener Arbeitsprozesse: Er verwendete bereits bedruckte Stoffe, die er durch Stickerei und Siebdruck gezielt veränderte und so ein fast unsichtbares, aber präzises Upcycling herstellte.
Gemeinsam mit einem interdisziplinären Forschungsteam der Empa entwickelte die Designforscherin Laura Deschl (D) ein Oberteil, das die medizinische Messfunktionen für Patientinnen mit Kreislaufproblemen oder Diabetes in komfortable und ästhetisch ansprechende Bekleidung integriert. Für den Prototypen wurden gestrickte, leitfähige Stoffe zur Messung der Atmung direkt ins Textil eingearbeitet. Über eine Stickerei mit leitenden Fasern werden die erfassten Werte an einen Datenlogger weitergeleitet. Der Print des Oberteils basiert auf einer abstrakten Wolkendarstellung als Metapher für den Atem.
Die Mode- und Textildesignerin Ganit Goldstein (Israel/USA) hat die Rolle physischer Materialien im digitalen Raum untersucht. Sie arbeitete eng mit dem Forschungs- und Entwicklungsteam von Saurer AG zusammen, um eine 2 × 2 Meter grosse Stickerei mit eingebetteter Elektronik herzustellen. Spezielle Garne reagieren auf Handbewegungen durch ein eingebettetes Lichtsystem – eine Art physische Virtual Reality. Goldsteins Forschung untersucht die Grenze zwischen «digitalen Händen» und greifbaren Materialien – und wie die Ersteren die Realität erweitern könnten. Darüber hinaus arbeitete sie mit Tisca zusammen: Beim dreidimensionalen Weben unter Verwendung von Jacquard-Webstühlen untersuchte sie, wie die räumlichen Strukturen während der Herstellung manipuliert werden können.
Ein Projekt bringt Kultur und Wirtschaft zusammen
TaDA – Textile and Design Alliance fördert mit einem internationalen Residenzprogramm und den öffentlichen Austauschplattformen TaDA Spinnerei und IaDA Talks die Zusammenarbeit zwischen dem zeitgenössischen kreativen Schaffen und der innovativen, traditionsreichen Textilproduktion der Ostschweiz. Die direkte Anbindung an die Praxis – Maschinen, Labore, Produkte – von in der Region verankerten Textilunternehmen und kulturellen Organisationen ist ein zentrales und einzigartiges Element von TaDA.
Mit dem Ziel, das reiche textile Erbe der Ostschweiz, welches bis heute die Kulturlandschaft prägt, zu fördern, weiterzudenken und zeitgenössische Kreativität sichtbar zu machen. Das Projekt fördert die Zusammenarbeit zwischen Kultur und Wirtschaft, indem die Kreativen aus allen Disziplinen direkt mit den Unternehmen, deren Maschinen und Know-how arbeiten. Es entsteht ein ungewöhnlicher Freiraum für beide Seiten.

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