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von Zora Debrunner, 30.05.2012

Zu Fuss gegen den Nordwind

Zu Fuss gegen den Nordwind
Marie-Louise Hauser als Emmi in ihrer Roman-Loft der Jugendmusikschule Weinfelden. | © Sascha Erni

„Gut gegen Nordwind“ ist eine moderne Liebesgeschichte, als Buch erschienen und vielfach inszeniert. Weil sie modern ist, findet sie per E-Mail zwischen zwei Menschen statt, die sich durch Zufall im Internet treffen. Ab heute als Spaziergang durch Weinfelden.

Zora Debrunner

Ich gebe es zu: Ich hab das Buch nicht gelesen. Damit war ich wohl eine von wenigen, die neben mir an der öffentlichen Generalprobe in Weinfelden zugegen waren. Als erstes muss man sich entscheiden, welche von zwei Romanfiguren an welchem Schauplatz man besuchen will. Leo oder Emmi? Das ist hier die Frage. Leo war ausverkauft, also setzte ich mich zu Emmi ins Schlafzimmer.

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Es ist Generalprobe. Nach einer kurzen Einführung durch die Theaterleiterin bin ich gespannt – die roten Sitzkissen und die Kopfhörer machen mich neugierig: Theater im öffentlichen Raum. Und das in Weinfelden? Wir folgen einem Crew-Mitglied. Gegenüber einer belebten Bar nehmen wir auf unseren Kissen Platz. Während einiger Zeit kriegen wir per Funk den ersten Teil der Liebesgeschichte auf den Kopfhörer. Ein bisschen sehen wir alle wie Aliens aus. Das Gefühl ist nicht schlecht. Beim Zuhören der Geschichte schweifen die Gedanken und es fällt zumindest mir auf, wie viele ihre Autos parkieren, ohne dafür zu bezahlen.

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Dann marschieren wir weiter in eine Richtung, deren Ziel wir nicht kennen. Ich schaue mir meine Mitspazierer genauer an: eine bunt gemischte Gruppe, mehrere ältere Pärchen und einige junge Leute. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, ob sich das eine Paar, schon etwas angegraut, wohl auch über E-Mail kennen gelernt hat. Sie sehen frisch verliebt aus. Nach einem kurzen Halt in einem lauschigen Gartenrestaurant marschieren wir gestärkt weiter. Emmi und Leo schreiben sich noch immer. Nach über einer Stunde haben sie in meinem Kopf ein Profil erhalten.

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Beim nächsten Halt bekommen wir Einblick in Emmis Wohnung. Man sitzt sehr nah an der Bühne, hat das Gefühl, man könnte die Schauspielerin fast berühren. Während über einer Stunde erfahren wir nun quasi aus erster Hand, wie Emmi die Welt sieht und diese ihrem Leo mitteilt. Man lacht, fühlt mit, leidet mit, quält sich mit. Und man hofft.

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Die Umsetzung des Buches ist sehr originell. Man erkundet zu Fuss und mit Kopfhörer ein Dorf. Fast noch eindrücklicher als das Herumlaufen ist die Reaktion des Umfelds. Ich muss schon sagen, dass ich froh war, nicht alleine unterwegs zu sein. Was am Ende bleibt, ist das Erlebnis einer Liebesgeschichte, die einem irgendwie bekannt vorkommt, die Begegnung mit anderen Menschen und die Erkenntnis, wie schnell man ein womöglich ein falsches Bild von einer Person erhält, die man nur über E-Mails kennenlernt. Bei „Gut gegen Nordwind“ reicht dafür eine Stunde mit Funkkopfhörer.

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„Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer, gespielt von der TheaterFalle Basel ab heute an verschiedenen Spielorten im Dorf Weinfelden.

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