Seite vorlesen

von Andrin Uetz, 05.11.2026

Was Kulturschaffende von Belgrad lernen können

Was Kulturschaffende von Belgrad lernen können
Protestierende im August 2025 auf dem Republic Square in Belgrad. Foto: Paula Haeni. | © Paula Haeni

Belgrad-Tagebuch, Teil 3 von 5: Was passiert, wenn Kulturschaffende ihre eigene Blase verlassen? In Belgrad zeigen Studierende, wie gesellschaftliches Engagement aussehen kann – während Graffiti und Kulturinstitutionen zum politischen Schauplatz werden. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

 

Was bisher geschah

 Im ersten Teil des Tagesbuchs habe ich darüber geschrieben, wie ich zwischen Polizeigewalt, Feinstaub und falscher Vertrautheit meinen Platz in Belgrad suchte. In dem zweiten Eintrag ergründe ich die Frage, wie viel Solidarität möglich ist, wenn man selbst nicht betroffen ist. Alle Tagebuch-Texte sind gebündelt im Dossier zu finden.

Seit dem Einsturz des Bahnhofsdachs von Novi Sad im November 2024 bis zu den historischen Wahlen vom 26. Oktober 2026 protestierten in Serbien Studierende und Bürger:innen gegen die Regierung unter Aleksandar Vučić. Ich habe diese Proteste während meines Atelierstipendiums in Belgrad miterlebt und mit vielen Kulturschaffenden darüber gesprochen. In diesen Gesprächen habe ich oft gehört, dass die Kulturschaffenden viel von den Protestierenden lernen könnten. Es genüge nicht mehr, einfach in der eigenen Bubble zu verharren und die eigenen kleinen Freiräume zu bespielen. 

Die Studierenden gehen aktiv auf die Bevölkerung zu, engagieren sich auf lokaler Ebene. Als Ende Dezember aussergewöhnlich viel Schnee fällt, räumen sie die Gehwege und helfen älteren Leuten bei den täglichen Kommissionen. 

Sicher ist das auch Teil einer politischen Kampagne, welche Sympathien braucht. Doch es zeigt ein verstärktes Bewusstsein dafür, was Zivilgesellschaft sein kann und wie wichtig sie als Mittel gegen Korruption, Polizeigewalt und Repression ist. So wie die Studierenden zeigen müssen, dass sie Teil der Gesellschaft sind, so liegt es auch an den Kulturschaffenden, sich nicht marginalisieren zu lassen.

Warum wir raus aus unserer Bubble müssen

 

Protestierende auf der Kneza Miloša Strasse, an der sich auch die Atelierwohnung von Andrin Uetz befindet. Bild: Paula Haeni

 

Der Blick über die eigene Blase hinaus: Was Belgrad mit der Kultur im Thurgau zu tun hat

Welche Rolle spielen Kulturschaffende in einer Gesellschaft, die sich politisch verändert? In Belgrad erlebt Andrin Uetz eine Protestbewegung, die auch die Frage nach dem Verhältnis von Kultur und Öffentlichkeit stellt. Für thurgaukultur ist das mehr als ein Bericht aus einer anderen Stadt. Auch bei uns beschäftigt die Kulturszene, wie sie Menschen ausserhalb des eigenen Umfelds erreicht, gesellschaftliche Verantwortung übernimmt und sich in Debatten einbringt. Der Blick nach Belgrad liefert keine einfachen Antworten. Er ermöglicht aber, vertraute Fragen aus einer anderen Perspektive zu betrachten – und zu prüfen, was wir daraus für die Kultur im Thurgau mitnehmen können.

Alle Einträge aus Andrins Belgrad-Tagebuch gibt es im Dossier.

Bei einem Podium unter dem Titel «Resistance Now» im Rahmen des Ne:Bitef-Festivals ist der Theatermacher und Intendant der Wiener Festwochen Milo Rau zugegen und wirft mit gewohnt grossen Begriffen und Konzepten um sich. Weil ihn die Regierung nach seiner Kritik am geplanten Lithiumabbau durch das Bergbauunternehmen Rio Tinto bei der Eröffnungsrede für das Bitef 2024 als Persona non grata markiert hat, wollten Teile des Vorstands des Festivals die Aufführung des «Le Procès Pelicot» verhindern. Sie befürchteten den Wegfall von staatlichen Fördergeldern. 

Als Protest gegen diesen Zensurversuch entschied sich die Festivalleitung, das Bitef 2025 als «Ne:Bitef» in einer improvisierten Guerilla-Version mit minimalem Budget durchzuführen. Das Motto: «Bitef je tamo gde se okupimo» (dt.: «Bitef ist dort, wo wir uns versammeln» bzw. «wo wir öffentlichen Raum besetzen»).

 

Karl Kave & Durian bei Lana in ihrer Wohnzimmerbar. Bild: Aaron Chaudhry.

Warum die Arbeit an der Basis zählt

Viel konkreter hingegen erzählte beim Podium der Historiker und Mitarbeiter des Heimatschutzes Nenad Lajbenšperger davon, wie die SNS-Regierung vorgehe, um kontroverse Bauprojekte durchzubringen. Dabei funktionierten die Institutionen des Landes an sich nicht schlecht, doch es genüge oft ein einziges gefälschtes Dokument oder eine Person, die sich bestechen liesse, um das Gesetz zu umgehen. Umgekehrt wiederum werden an sich unspektakuläre Gutachten oder Kontrollen öffentlicher Ämter zu Aktionen des Widerstands.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig die Arbeit an der Basis ist. Es geht zuerst einmal darum, dass Zivilgesellschaft und Staat eine gemeinsame Ebene des Austauschs finden. Dass der Gesellschaftsvertrag ausgehandelt und eingehalten wird. Ohne diese Basis eines respektvollen Zusammenlebens trotz und mit allen ideologischen Differenzen gibt es auch keine Hochkultur. 

Was tun, wenn der Druck auf die Kultur steigt?

Vielleicht können Schweizer Kulturschaffende deshalb viel von der Belgrader Szene lernen, weil eine institutionelle Basis für die Kultur zwar vorhanden ist, aber eben stark unter politischem Druck leidet und daher zu bröckeln beginnt. Fördergelder werden gestrichen, die Leitungspositionen auf Parteilinie gebracht. Vučić drohte sogar damit, Universitäten zu privatisieren. 

Das Nationaltheater blieb die gesamte Herbstsaison 2025 unter dem Vorwand baulicher Mängel beim Gebäude geschlossen. Doch der wahre Grund dürften die Proteste der Belegschaft gegen die neu eingesetzte Intendanz gewesen sein.

Das Museum für zeitgenössische Kunst (MoCAB) musste zur Vorbereitung einer Militärparade für über zehn Tage den Betrieb einstellen, da der gesamte Park Ušće abgeriegelt wurde, um dort Panzer, Kanonen und anderes Militärgerät zu versammeln. Kritiker:innen sehen darin eine unnötige Machtdemonstration der Regierung: «Wir haben das Gewaltmonopol und nehmen den öffentlichen Raum mit dem Militär ein.»

 

Podium zum Ne:Bitef in Zusammenarbeit mit der Reihe «Resistance Now» der Wiener Festwochen. Foto: Ne:Bitef.

Graffiti und Propaganda

Auch an den Wänden ist der Konflikt zwischen den zwei politischen Lagern sicht- und ablesbar. Dabei fällt auf, dass ultranationalistische Graffiti in zentralster Lage scheinbar geduldet werden und regierungskritische Botschaften wiederum rasch überschrieben oder übermalt werden. So kündigte sich auch die aktuelle Heroisierung des Kriegsverbrechers und Mitverantwortlichen am Genozid von Srebrenica, Ratko Mladić, durch ein feierliches Begräbnis in Belgrad bereits durch die häufig zu sehenden Graffiti mit dessen Konterfei an.

Ein Artikel der Universität Belgrad untersucht das komplizierte Verhältnis zwischen Nationalismus, Hooligans, revisionistischer Geschichtsschreibung und einem Meinungskonflikt in Bezug sowohl auf die Balkankriege als auch auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine, welches in den Belgrader Graffiti zum Ausdruck kommt. 

Die Autoren des Artikels sehen unter anderem eine direkte Verbindung zwischen Slogans, welche die Nato-Bombardierung von 1999 anprangern, und dem Support für Russland, da in diesem Narrativ die Unabhängigkeit der Ukraine als westliche Expansion in den Osten wahrgenommen wird.

 

Mural mit Antlitz des Kriegsverbrechers Mladić und serbischen Nationalfarben vor den Rudo-Türmen im Osten von Belgrad. Foto: Andrin Uetz.

Russische Exilcommunity

Tatsächlich hat sich seit dem Krieg in der Ukraine eine riesige Community von Exil-Russ:innen in Belgrad niedergelassen. Mittlerweile sollen es über 200’000 Personen sein. Darunter sind auch viele Kulturschaffende aus Moskau und St. Petersburg, welche alles andere als einverstanden mit der Politik des Kremls sind. Sie organisieren Konzerte, betreiben Bars, Clubs, Restaurants und Cafés. 

Es gibt zwar kritische Stimmen aus der lokalen Kulturszene, welche über Gentrifizierung und steigende Mieten klagen. Auch den Vorwurf, dass die russische Community unter sich bleibe und sich fast schon kolonialistisch verhalte, habe ich gehört. Gewissermassen ist auch eine russische Alternativkultur Teil der russischen Soft Power. Es gibt aber auch viele in der Kulturszene, die den Austausch und die neuen Impulse schätzen. 

Resonanzraum der Begegnung

Die Kulturschaffenden aus Russland bringen ein grosses Netzwerk und Wissen mit. Ich persönlich nahm etwa beim Changeover Festival, wo ich selbst ein Konzert spielte und viele der Veranstaltungen besuchte, das Publikum als sehr durchmischt wahr. 

Bei meinem spontanen Abschiedskonzert im Club DIM stand mit Sonja Serova eine Exilrussin am DJ-Pult. Für mich war das ein besonderer Moment, da viele neue Bekanntschaften aus meiner Zeit in Belgrad zusammenfanden. Mein Konzert war dabei sekundär. Was zählte, waren die Gespräche und Begegnungen. Es entstand ein Raum des gegenseitigen Vertrauens. 

Eine der Besucher:innen erzählte etwa davon, wie schwierig es für sie sei, da ihre Mutter Ukrainerin und ihr Vater Russe ist. Für sie gäbe es nur noch Ablehnung. Das Putin-Lager zwänge ihr die Propaganda auf, und im Westen werde sie für den Krieg verantwortlich gemacht. Sie leide unter dem Hass, mit dem sie als Russin konfrontiert sei. Dabei wollte sie diesen Krieg gar nicht.

 

Der Club «DIM» als Resonanzraum für Austausch und Musik. Foto: Valentina Bischof.

 

Im nächsten Teil: Warum gerade Kulturräume Orte des offenen Austauschs sind – von Clubs und Kinos bis zur Gastfreundschaft in Kraljevo und Lazarevac. Alle Einträge aus Andrins Belgrad-Tagebuch gibt es hier.

Andrin Uetz war im Rahmen eines Atelierstipendiums der Kulturstiftung des Kantons Thurgau von August 2025 bis Ende Januar 2026 in Belgrad.

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Wissen

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kulturförderung
  • Geschichte
  • Demokratie

Ist Teil dieser Dossiers

Werbung

«Kultur trifft Politik» #4

"Ohne Kultur keine Demokratie?" In der neuen Ausgabe des Dialogformats machen wir den Realitätscheck. Mittwoch, 25. November, Eisenwerk Frauenfeld. Weitere Informationen...

Ähnliche Beiträge

Wissen

Bunker in neuem Licht

Sie waren schon in der Schublade gelandet, nun sind sie aktueller denn je: 37 künstlerisch bearbeitete Bilder zeigen die Bunker am Kreuzlinger Festungsgürtel. Was lange Geschichte schien, rückt angesichts der Weltlage... mehr

Wissen

Dabei sein, ohne dazuzugehören

Belgrad-Tagebuch, Teil 2 von 5: Wann wird aus Beobachten Beteiligung? Andrin Uetz erlebt die Proteste in Belgrad als Gast und fragt sich, wie viel Solidarität möglich ist, wenn man selbst nicht betroffen ist. mehr

Wissen

«Ein spektakuläres Thurgauer Kulturgut»

Vor 281 Jahren zeichnete ein Kartäusermönch eine 16 Quadratmeter grosse Karte des Herrschaftsbereichs des Klosters in Ittingen. Jetzt ist sie zum ersten Mal öffentlich zu sehen. mehr

Werbung

Werbung