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von Jeremias Heppeler, 19.06.2026

Warum Zuhören so wichtig ist

Warum Zuhören so wichtig ist
Unterwegs, um zu schweigen. Und zuzuhören. Der Künstler Daniel Beerstecher war ein Jahr lang in Deutschland und der Schweiz unterwegs ohne ein Wort zu sagen. | © zVg

Silence is sexy! 365 Tage lief der Künstler Daniel Beerstecher schweigend durch Deutschland und die Schweiz. Und fand dabei den Ort, wo Veränderung beginnt. (Lesedauer: ca. 7 Minuten)

Reden ist Silber, Schweigen ist g ... anz schön abgedroschen, so in diesen Text einzusteigen. Aber ja, Schweigen verstehen wir in unserer Gesellschaft stets in Abgrenzung zum aktiven Sprechakt. Dabei ist meist nicht der natürliche Zustand des Non-Verbalen gemeint, sondern die (auch hier) aktive Entscheidung dafür, nichts zu sagen.

Schweigen in Form von Sprechverboten ist durchaus noch übliche Bestrafung im Schulsystem, und bei Hochzeiten heisst es halb traditionell: «Wer etwas gegen diese Ehe einzuwenden hat, möge jetzt sprechen oder für immer schweigen». Aufenthalte in Klöstern und Schweige-Retreats gelten indes als hippe Detox-Strategie.

Schweigen als Kunstprojekt

Schweigen funktioniert in diesen Kontexten fast performativ, als bewusster Handlungsakt und damit immer auch Kommunikationsstrategie, die sich gegen die zeitgenössischen Kommunikations- und Informationswirbel des Internets stellt, das ja irgendwie vor allem davon lebt, jederzeit eine Stimme zu geben. Und ja, damit sind wir beim Thema: Der Künstler Daniel Beerstecher wanderte im Zuge seines Projekts «Ich höre zu: Ein Jahr Schweigen» durch ganz Deutschland und zum Abschluss auch durch die Nordostschweiz und sprach dabei kein Wort.

365 Tage ohne eigene Sprache und doch voller Gespräche. Eine soziale Skulptur und konsequenter Rückzug einerseits, eine Art Extrem-Challenge, wie man sie eher in der Internetkultur vermuten würde, andererseits.

 

Daniel Beerstecher, Künstler, der ein Jahr schweigend durch Deutschland und die Schweiz gelaufen ist. Bild: Leah Girardin

Ein Marathon in 60 Tagen

Beerstecher ist auch abseits seines Projekts alles andere als ein Lautsprecher, sondern ein überlegter und konsequenter Perfektionist, dessen Projekte vor allem von seiner fast schon tastenden Arbeitsweise und einer ungeahnten Feinfühligkeit leben – und sich damit nicht zuletzt als vielschichtiger Kommentar auf das Höher-Schneller-Weiter des Kunstbetriebs (und vielleicht und vor allem auch auf unsere Welt an sich) positionieren.

Der Künstler lief etwa im Zuge seines Projekts «Walk in Time» einen Marathon – nahm sich dafür aber 60 Tage Zeit und erschuf dadurch eine surreale Zeitkapsel im Realraum, die nicht zuletzt von ihm als Künstler und auch als Mensch ungeheure Disziplin verlangte.

Ein Gespräch über Achtsamkeit, Ängste und besondere Begegnungen

Beerstechers Arbeiten markieren eine ungewöhnliche Situation in der Performancekunst, die eben nicht dezidiert expressiv erscheint, sondern die Zeit stoppt und auf einer anderen Dimensionsebene vor allem auf sich selbst verweist, darüber hinaus aber auch uns alle anspricht.

«Ein Jahr Schweigen» erscheint vor diesem Hintergrund beinahe als Opus Magnum, und entsprechend wollen wir Daniel Beerstecher in diesem Text eine (schriftliche!) Stimme geben. Im Interview mit thurgaukultur.ch spricht er über Achtsamkeit, Ängste und das Wort, das er am meisten vermisste!

Video: SWR-Beitrag über Daniel Beerstecher

Wie kam die Idee zu diesem Langzeitprojekt?

Daniel Beerstecher: Ich bin Künstler und Achtsamkeitslehrer. In beiden Feldern setze ich mich seit vielen Jahren intensiv mit Stille auseinander. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass unsere Welt immer lauter wird. Nicht nur im akustischen Sinn, sondern auch in der Art, wie wir miteinander sprechen, wie schnell wir urteilen, wie sehr alles sofort kommentiert, bewertet und eingeordnet wird. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.

Die Kombination aus Kunst, Stille, Achtsamkeit und dieser Sehnsucht nach einem anderen Zuhören hat vielleicht zu einem Projekt wie diesem geführt. Zugleich war es aber auch eine Art Berufung. Die Idee war plötzlich da, fast wie aus dem Nichts, und ich wusste sofort: Das ist mein Weg. So abwegig es im ersten Moment auch klang.

Wie gross war die Angst kurz vor dem Start?

Natürlich war da auch sehr viel Angst. Angst vor dem Scheitern. Angst davor, ob ich das körperlich und psychisch überhaupt durchhalte. Angst davor, ob ich einsam werde, ob ich depressiv werden könnte, ob Menschen das Projekt verstehen oder ob ich am Ende einfach nur als schweigender Sonderling durch Deutschland laufe. Aber immer, wenn ich wirklich zur Ruhe gekommen bin, habe ich in mir wieder diese leise Stimme gehört, die sagte: Das ist ein Weg.

Was waren die letzten Worte, die du gesprochen hast?

Die letzten Worte waren an meine Frau gerichtet, die mich für ein Jahr hat ziehen lassen. Ich habe mich bei ihr bedankt, für ihre Liebe, ihr Vertrauen und dafür, dass sie mir diesen Weg ermöglicht. Abgeschlossen habe ich mit den Worten: «Danke, dass es dich in meinem Leben gibt.»

«Wenn wir einander nicht mehr zuhören können, verlieren wir die Fähigkeit, uns wirklich zu begegnen.»

Daniel Beerstecher, Künstler

Du bist ja jetzt auf der Zielgeraden, deshalb ein wenig im Rückblick: Was waren die schönsten Momente?

Die schönsten Momente waren oft gar nicht die spektakulären. Natürlich gab es unglaubliche Landschaften, Sonnenaufgänge, stille Wege, das Meer, die Elbe, den Winter, jetzt die Alpen. Aber die wirklich berührenden Momente waren meistens die Begegnungen mit Menschen. Wenn sich jemand zu mir gesetzt hat und nach wenigen Minuten Dinge erzählt wurden, die sonst vielleicht jahrelang keinen Raum gefunden haben. Wenn Menschen spürten, dass da jemand sitzt, der nicht unterbricht, nicht sofort antwortet, nicht bewertet und auch keinen Ratschlag geben muss.

Es gab viele Momente, in denen ich dachte: Dafür mache ich das. Nicht, weil ich etwas Besonderes tue, sondern weil ich immer wieder erleben durfte, wie gross die Sehnsucht vieler Menschen nach echtem Zuhören ist. Manchmal sass mir jemand gegenüber, den ich vorher noch nie gesehen hatte, und nach einer Stunde war da eine Nähe und ein Vertrauen, die mich selbst überrascht haben.

Schwierig waren vor allem die Phasen, in denen vieles zusammenkam: Kälte, Erschöpfung, organisatorische Unsicherheit, Einsamkeit, ein schwerer Rucksack, zu wenig Schlaf, schlechtes Wetter und dann noch das Gefühl, eigentlich schreiben, dokumentieren und kommunizieren zu müssen. Der Winter war körperlich und mental sicher die härteste Zeit. Nicht nur wegen der Temperaturen, sondern auch, weil die Tage kurz waren und die Wege oft leerer. Da musste ich sehr lernen, nicht alles kontrollieren zu wollen.

 

Herberge für ein Jahr: So übernachtete Daniel Beerstecher während seines Kunstprojektes «Ich höre zu: Ein Jahr Schweigen» .
Gab es einen Moment, in dem du gezwungen warst, dein Schweigen (fast) zu brechen?

Einen Moment, in dem ich wirklich gezwungen gewesen wäre, mein Schweigen zu brechen, gab es zum Glück nicht. Es gab natürlich Situationen, in denen Sprechen viel einfacher gewesen wäre. Bei Missverständnissen, bei organisatorischen Dingen, manchmal auch, wenn ich jemandem gerne sofort etwas Tröstendes oder Dankbares gesagt hätte. Aber für Notfälle hatte ich immer die innere Erlaubnis: Wenn es wirklich nötig ist, wenn es um Sicherheit geht, dann würde ich sprechen. Das Projekt ist kein Dogma. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich bisher nicht an diesen Punkt gekommen bin.

 «In einer Zeit, in der so viel gesprochen, behauptet, kommentiert und bewertet wird, erscheint mir Zuhören fast wie eine widerständige Handlung. Es verlangsamt. Es öffnet. Es nimmt den anderen Menschen ernst, ohne ihn sofort einzuordnen.»

Daniel Beerstecher, Künstler

Wer über Schweigen in der Kunst nachdenkt, der stösst unweigerlich auf Marcel Duchamp, dessen bewusster Rückzug als Schweigen und Kommentar auf und gegen die Mechanismen des Kunstmarkts verstanden wurde. Dem entgegen stellte sich dann wiederum Joseph Beuys mit klarem Plädoyer für den Austausch. Wie ordnest du dich und dein Projekt in diesem Kontext ein?

Ich empfinde mein Schweigen nicht als Rückzug aus der Welt. Eher im Gegenteil. Es ist für mich eine radikale Form der Hinwendung. Ich ziehe mich mit meiner Stimme zurück, aber nicht, um zu verschwinden, sondern um einen Raum zu öffnen, in dem andere Stimmen hörbar werden können.

In diesem Sinn stehe ich vielleicht tatsächlich näher bei Beuys als bei Duchamp, auch wenn mich der Gedanke des Rückzugs natürlich interessiert. Aber mein Schweigen ist kein Kommentar im Sinne von: Ich verweigere mich dem Kunstmarkt und sage nichts mehr dazu. Es ist auch kein romantischer Ausstieg aus der Gesellschaft. Es ist der Versuch, mit einem künstlerischen Mittel eine soziale Situation herzustellen.

Ich verstehe dieses Jahr als eine Art soziale Skulptur aus Zeit, Weg, Körper, Schweigen und Begegnung. Der eigentliche Werkstoff ist nicht nur mein Gehen oder mein Schweigen, sondern die Aufmerksamkeit, die dadurch entsteht. Die Menschen, die sich mir anvertrauen, sind nicht Publikum im klassischen Sinn. Sie werden Teil des Werkes, ohne ausgestellt zu werden. 

«Die wirklich berührenden Momente waren meistens die Begegnungen mit Menschen.»

Daniel Beerstecher, Künstler

Und: Ein Jahr auf der Strasse bedeutet auch: Es ist keine Zeit für etwas anderes? Ist das nicht auch mit existenziellen Ängsten verbunden?

Natürlich ist ein Jahr auf der Strasse auch existenziell. Ich verdiene in dieser Zeit kaum Geld. Ich kann keine anderen grösseren Projekte annehmen. Ich bin körperlich viel unterwegs, abhängig von Wetter, Unterkünften, Spenden, Unterstützung und der Bereitschaft von Menschen, mich aufzunehmen oder einzuladen. Das ist nicht nur romantisch. Es ist auch riskant.

Aber ich habe dem Kunstbetrieb damit nicht entsagt. Ich habe mich nur für eine bestimmte Zeit an einen anderen Ort begeben. Weg aus dem Atelier, weg aus den üblichen Ausstellungsräumen, hinein in Kirchen, Museen, Wohnzimmer, Pilgerherbergen, Parks, auf Dorfplätze, an Wegesränder. Ich glaube, dass auch dort Kunst entstehen kann. Vielleicht sogar eine Kunst, die sich nicht zuerst über Objekte, Verkäufe oder Sichtbarkeit definiert, sondern über Erfahrung, Begegnung und Transformation.

Für mein persönliches Leben bedeutet das sehr viel. Ich habe ein Jahr lang vieles zurückgelassen: meine Frau, mein Zuhause, Routinen, Sicherheit, Bequemlichkeit. Das ist ein hoher Preis. Gleichzeitig habe ich selten so intensiv gespürt, dass ich genau an dem Ort bin, an dem ich sein soll. Das hebt die existenziellen Ängste nicht einfach auf. Aber es gibt ihnen einen Sinn.

Video: arte über Stille

Bereits in deinem Projekttitel stellst du das «Zuhören» vor das «Schweigen» – mein Eindruck war, dass genau diese Doppelung für dich entscheidend ist?

Ja, diese Reihenfolge ist mir sehr wichtig. Das Projekt heisst nicht «Ich schweige», sondern «Ich höre zu». Das Schweigen ist nicht das Ziel. Es ist die Voraussetzung, das Werkzeug, vielleicht auch die Störung, die etwas sichtbar macht.

Ob man besser zuhört, wenn man selbst nicht spricht? Nicht automatisch. Man kann auch schweigen und innerlich völlig abwesend sein. Man kann schweigen und trotzdem urteilen, sich überlegen, was man gleich sagen würde, oder nur darauf warten, dass der andere fertig ist. Schweigen allein macht noch kein Zuhören.

Aber mein Schweigen nimmt mir eine sehr starke Gewohnheit: sofort zu reagieren. Ich kann nicht unterbrechen, nicht widersprechen, nicht schnell eine eigene Geschichte danebenstellen, nicht trösten, nicht erklären, nicht beraten. Dadurch entsteht ein Raum, in dem viele Menschen sich selbst beim Sprechen anders hören. Sie müssen nicht sofort auf meine Reaktion antworten. Sie können ihren eigenen Gedanken folgen.

Entsteht dabei nicht ein Echoraum?

Natürlich kann dabei auch ein Echoraum entstehen. Aber vielleicht ist genau dieser Echoraum manchmal wichtig. Viele Menschen hören sich selbst im Alltag kaum noch zu, weil immer sofort etwas von aussen kommt. Meine Aufgabe ist dann nicht, diesen Raum mit meiner Stimme zu füllen, sondern durch meine Anwesenheit zu zeigen: Ich bin da. Ich höre. Ich halte das mit aus.

Für mich ist das Zuhören also nicht passiv. Es ist eine sehr aktive Form von Präsenz. Mein Körper, mein Blick, meine Aufmerksamkeit, mein Dableiben, all das spricht mit, auch wenn ich keine Worte benutze. 

«Ich empfinde mein Schweigen nicht als Rückzug aus der Welt. Eher im Gegenteil. Es ist für mich eine radikale Form der Hinwendung.»

Daniel Beerstecher, Künstler

Gibt es ein Wort, auf das du dich besonders freust, es auszusprechen?

Es gibt tatsächlich ein Wort, das in diesem Jahr immer wieder eine grosse Rolle gespielt hat und das auch sicherlich nach dem Projekt eine zentrale Rolle spielen wird: Danke.

Ich habe es unzählige Male geschrieben. Auf meinem Tablet, auf kleine Zettel, in Nachrichten. Und doch ist es etwas anderes, ein solches Wort wieder aussprechen zu können. Gerade bei diesem Wort merke ich, wie viel sich in ihm sammelt.

Da ist der Dank an meine Frau, die mich für dieses Jahr hat ziehen lassen. Der Dank an alle Menschen, die mich aufgenommen, begleitet, unterstützt oder mir ihre Geschichte anvertraut haben. Der Dank an diejenigen, die mir unterwegs Türen geöffnet haben, manchmal ganz konkret, manchmal im übertragenen Sinn.

«Dieses Jahr ist für mich eine Art soziale Skulptur aus Zeit, Weg, Körper, Schweigen und Begegnung.»

Daniel Beerstecher, Künstler

Ist es für dich schon möglich, eine Art Fazit zu ziehen?

Vielleicht ist mir wichtig zu sagen, dass dieses Projekt für mich kein Rückzug in eine schöne stille Welt ist. Ich bekomme sehr viel davon mit, was in dieser Welt schiefläuft. Vielleicht sogar besonders viel, weil Menschen mir sehr offen von ihren Sorgen, Verletzungen, Ängsten und Brüchen erzählen.

Aber gerade deshalb glaube ich, dass Zuhören so wichtig ist. Nicht als naive Lösung für alles. Nicht als Ersatz für politisches Handeln oder gesellschaftliche Verantwortung. Aber als Grundlage. Wenn wir einander nicht mehr zuhören können, verlieren wir die Fähigkeit, uns wirklich zu begegnen.

In einer Zeit, in der so viel gesprochen, behauptet, kommentiert und bewertet wird, erscheint mir Zuhören fast wie eine widerständige Handlung. Es verlangsamt. Es öffnet. Es nimmt den anderen Menschen ernst, ohne ihn sofort einzuordnen.

Ich weiss nicht, ob dieses Projekt die Welt verändert. Wahrscheinlich nicht in einem grossen Sinn. Aber ich habe erlebt, dass sich in einzelnen Momenten etwas verändern kann. In einem Gespräch. In einem Gesicht. In einem Menschen, der nach einer Stunde aufsteht und sagt oder schreibt: So hat mir schon lange niemand mehr zugehört.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort.

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