von Medienmitteilung, 02.09.2022
Vom Umgang mit Künstlernachlässen

Das Kunstmuseum Thurgau erwirbt nicht nur Einzelwerke, sondern übernimmt auch Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern. Die Arbeit mit den Nachlässen öffnet spannende Einblicke in die künstlerische Vergangenheit des Kantons. Am Beispiel des Künstlers Carl Roesch (1884–1979) sieht man, nach welchen Kriterien Nachlässe aufgenommen und wie sie wissenschaftlich aufgearbeitet werden. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Die Sammlung des Kunstmuseums Thurgau umfasst laut Medienmitteilung des Museums heute über 30'000 Objekte. Betreut werden demnach nicht nur die kantonale Kunstsammlung, sondern auch mehrere Nachlässe von Künstlern, die als Legat oder Depositum dem Museum übergeben wurden.
Der für das Kunstmuseum Thurgau zu Beginn der 1990er-Jahre gefällte Entscheid, auch Künstlernachlässe zu übernehmen, bedeutete den Abschied von der Vorstellung des Museums als Hüterin herausragender Einzelwerke. «Das Kunstmuseum wurde zu einem umfassenden Kompetenzzentrum für bestimmte Themenbereiche und künstlerische Haltungen», schreibt das Museum in seiner Mitteilung.
Anforderungen an eine Nachlassbearbeitung
Die Arbeit mit Nachlässen erfordert und ermöglicht dem Museum die Realisierung wissenschaftlicher Projekte. Nicht zuletzt dank der Nachlassbearbeitungen verfügt das Kunstmuseum Thurgau seit Mitte der Neunzigerjahre über ein digitales Inventarisierungssystem und über zeitgemäss organisierte Lager- und Archivräume. Jedoch können längst nicht alle Nachlässe und Schenkungen übernommen werden.
Bevor eine solche Verpflichtung eingegangen wird, muss die Lagersituation und die Finanzierung einer Inventarisierung sichergestellt sein. Zudem ist zu klären, ob die Objekte der Sammlungspolitik entsprechen und ob beziheungsweise wie der Nachlass oder Teile davon eines Tages dem Publikum zugänglich gemacht werden könnten.
Der Nachlass von Carl Roesch
Der 100. Geburtstag des Schweizer Künstlers Carl Roesch (1884–1979) wurde im Jahr 1984 noch mit einem grossen Fest in Diessenhofen begangen. Doch in den Folgejahren wurde es still um den Künstler. Erst zu Beginn der 2000er-Jahre gab es Anstrengungen, die Erinnerung an Carl Roesch wiederzubeleben. Der Neffe des Künstlers gründete zusammen mit dem Kunstmuseum Thurgau die Carl- und Margrit-Roesch-Stiftung mit dem Ziel, das Schaffen der beiden Namensgeber wieder sichtbar zu machen.
Mit der Stiftung als Partnerin und zusätzlichen Beiträgen aus dem Lotteriefonds ordnete und inventarisierte das Kunstmuseum den Nachlass von Carl Roesch. Dieser bestand aus rund 1000 Zeichnungen, über 200 Aquarellen, 150 Pastellzeichnungen, 93 Gemälden und 14 Mosaiken.
Hinzu kommen 180 Skizzenbücher, 100 Tagebücher, Fotoalben und weiteres vielfältiges Dokumentationsmaterial. 2006 wurden die Resultate der Inventarisation mit einer Retrospektive im Kunstmuseum und mit einer umfassenden Publikation unter dem Titel «Carl Roesch: eigenwillig – angepasst» präsentiert. Darüber hinaus laufen seit Jahren weitere Forschungsarbeiten, die ebenfalls in eine in den nächsten Jahren erscheinende Publikation münden werden.
Aktuelle Besichtigungsmöglichkeiten der Werke von Carl Roesch
Das Atelier von Carl und Margrit Roesch-Tanner in Diessenhofen wurde im Originalzustand belassen und kann nach Vereinbarung gemeinsam mit der Kuratorin Lucia Angela Cavegn besichtigt werden. In regelmässigen Abständen wird ausserdem die Sammlung im Museum kunst + wissen in Diessenhofen neu präsentiert, um das Œuvre der beiden Kunstschaffenden aus verschiedenen Blickwinkeln zu erschliessen.
Im Kunstmuseum Thurgau können noch bis Ende 2022 ausgewählte Glasscheibenentwürfe und vollendete Glasgemälde angesehen werden.
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